"Heiliger Ort": Jüdische Friedhöfe im Fokus der Pflege

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland - auch Bayern feiert dieses Jubiläum. Ein Projekt gilt den jüdischen Friedhöfen. Denn ihre teils Jahrhunderte alten Grabsteine sind gefährdete historische Quellen.
| dpa
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Der Jüdische Friedhof.
Der Jüdische Friedhof. © Nicolas Armer/dpa
München

Ein umfangreiches Dokumentationsprojekt soll die jüdischen Friedhöfe in Bayern als wertvolle historische Zeugnisse erschließen. Denn jüdische Gräber sind auf Dauer angelegt und werden nicht - wie etwa im Christentum üblich - nach einer bestimmten Zeit aufgelassen. "Daher sind die jüdischen Friedhöfe Quellen zur Geschichte des jüdischen Lebens vor Ort wie auch für die Regional- und Sozialgeschichte, wenn sie mit ihren Inschriften virtuell erhalten werden können", sagte der Antisemitismus-Beauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle (CSU).

Die Israelitischen Kultusgemeinden im Freistaat begrüßten die Dokumentation: "Der Landesverband sieht in diesem Projekt sehr viel Positives und unterstützt das Vorhaben", sagte Joino Pollak, der Verantwortliche für Archiv und Friedhofsdezernat im Landesverband.

In Bayern gibt es nach Angaben des Landesamts für Denkmalpflege 124 historische jüdische Friedhöfe mit etwa 80 000 Grabsteinen. Einige davon stammen aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. Doch ihr Erhalt ist in Gefahr: Angesichts der fortschreitenden Verwitterung der Grabmale sei eine Dokumentation dringend geboten, betonte eine Sprecherin des Landesamts.

Die jüdischen Friedhöfe wurden besonders in der Zeit des Nationalsozialismus teils massiv geschändet. Bis heute sind die Schadensbilder sichtbar, die durch die Schändungen jüdischer Friedhöfe in den Wochen nach der Pogromnacht am 9. November 1938 verursacht wurden, heißt es beim Landesamt. In Gunzenhausen in Mittelfranken etwa wurde der jüdische Friedhof in der NS-Zeit komplett zerstört; die Grabsteine wurden in einer Straße verbaut. Aber auch in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Fälle von Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen. Und: Verwitterungen und Schäden durch Umwelteinflüsse setzen den Grabsteinen zusätzlich zu.

Die Dokumentation sei ein zentrales Projekt des Freistaats im Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland", sagte Spaenle. Das Jubiläum geht auf eine Urkunde des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321 n. Chr. zurück, in der Juden Aufgaben in der Stadtverwaltung Kölns ermöglicht wurden. Dies gilt als erster Nachweis jüdischen Lebens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands.

In dem auf drei Jahre angelegten Projekt werden zunächst Grundrisspläne der Friedhöfe erstellt. Man arbeite eng mit den Israelitischen Kultusgemeinden zusammen, betonte die Sprecherin des Landesamts. Darüber hinaus werde jedes Grabmal fotografiert, um die hebräischen und deutschen Inschriften zu dokumentieren. Zuvor müssen die Grabsteine jedoch "denkmalgerecht" gereinigt werden, um die Inschriften überhaupt sichtbar zu machen. "Aktuell wird an der Detailplanung für diese zwingend erforderlichen, aber auch zeit- und kostenaufwendigen Maßnahmen gearbeitet."

Um die so gewonnenen Daten langfristig zu sichern und auch wissenschaftlich auszuwerten, entsteht eine webbasierte Datenbank. Erfasst werden sollen unter anderem die kunsthistorische Einordnung der Gräber, aber auch die Personendaten der Verstorbenen.

"Leider hat sich der Zustand vieler Grabsteine in den letzten zehn bis dreißig Jahren dramatisch verschlechtert. Sicherlich ist das den Umwelteinflüssen geschuldet", sagte Pollak. Deshalb sei es sehr sinnvoll, die noch zu erkennenden Inschriften zu dokumentieren. "Dadurch ist es den Nachkommen für die Zukunft auch möglich, zumindest digital, die Grabsteine Ihren Vorfahren in Erinnerung zu rufen."

Aktuell werden noch 13 Friedhöfe von jüdischen Gemeinden genutzt, um ihre Toten zu bestatten. Aber auch die Friedhöfe, auf denen keine Bestattungen mehr stattfinden, haben für die Gemeinden eine große Bedeutung, wie Pollak betonte: "Ein jüdischer Friedhof kann im Gegensatz zu einer Synagoge nie verkauft werden. Auch wenn kein Grabstein mehr zu sehen ist, bleibt er auf ewig – bis zur Auferstehung der Toten – ein heiliger Ort." Kein Grab dürfe wieder belegt werden.

Die meisten der jüdischen Friedhöfe finden sich in Franken - denn die Wittelsbacher hatten die Juden Mitte des 15. Jahrhunderts aus dem heutigen Süden Bayerns vertrieben. Angesiedelt haben sie sich dann meist in Franken, etwa in den Markgrafschaften Ansbach und Bayreuth oder den Fürstbistümern Bamberg und Würzburg.

© dpa-infocom, dpa:210214-99-433498/2

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