Flüchtlingsrat: Ketteninfektionen billigend in Kauf genommen

Zu wenig Abstand, kaum Informationen, dafür umso mehr Bewohner auf engem Raum: Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert die Bedingungen in den Ankerzentren während der Corona-Krise scharf. Doch die Regierungen weisen die Vorwürfe größtenteils zurück.
| dpa
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Anker-Einrichtung Oberfranken steht auf einem Banner in den Verwaltungsräumen.
Anker-Einrichtung Oberfranken steht auf einem Banner in den Verwaltungsräumen. © Daniel Karmann/dpa/Archivbild
Mering/Nürnberg

Der Bayerische Flüchtlingsrat hat der Politik vorgeworfen, die Gesundheit von Bewohnern der Ankerzentren in der Corona-Krise leichtfertig aufs Spiel zu setzen. "Ein erfolgreicher Infektionsschutz ist nur durch massives Reduzieren der Belegung von Unterkünften zu erreichen. Doch das fand und findet nicht statt", erklärte Johanna Böhm vom Bayerischen Flüchtlingsrat. So würden Ketteninfektionen von Geflüchteten "billigend in Kauf" genommen.

In Traunstein, Deggendorf, Nürnberg oder Mering bei Augsburg - immer wieder stünden Unterkünfte komplett unter Quarantäne, kritisierte der Flüchtlingsrat. Trotz hoher Infektionszahlen würden Mehrbettzimmer weiter aufgefüllt und Bewohner kaum informiert. Aus den Lagern in Mering und Nürnberg beispielsweise werde berichtet, "dass es unmöglich ist Abstand zu halten und es viel zu wenig Platz für zu viele Personen gibt." In der Nürnberger Einrichtung Beuthener Straße würden sich knapp 30 Personen zwei Toiletten und Duschen teilen.

Tatsächlich sei die Einrichtung in der Beuthener Straße nur zu rund 30 Prozent ausgelastet, teilte ein Sprecher der Regierung von Mittelfranken mit. "Sanitärräume werden mehrmals täglich durch eine Reinigungsfirma gereinigt und desinfiziert". Entgegen der Behauptungen des Flüchtlingsrats würden die Bewohner außerdem "regelmäßig ausführlich und mehrsprachig" über die Corona-Maßnahmen informiert.

Doch die Kritik des Flüchtlingsrates wächst, die Vorwürfe mehren sich. In Weiden sei aus Sorge vor einer Ansteckung kürzlich ein Konflikt eskaliert, in Weismain seien Bewohner in Quarantäne ein Wochenende lang nicht mit Lebensmitteln versorgt worden und in Bamberg würden Neuankommende in derselben Wohneinheit wie Bewohner in Quarantäne untergebracht. Die Bezirksregierungen wiesen die Vorwürfe zurück.

Nun berichtete ein Bewohner des Ankerzentrums Mering dem Flüchtlingsrat, dass sein Zimmer kurz vor dem ersten Corona-Fall in der Einrichtung von drei auf fünf Personen aufgestockt worden sei. "Der Abstand von 1,5m konnte noch nicht einmal zwischen den Betten eingehalten werden", wird der Mann zitiert. Nun seien er und mehr als 20 Mitbewohner positiv getestet worden. "Die Regierung hat Corona selbst in das Anker-Zentrum gebracht."

Weil manche Unterkünfte unter Quarantäne stünden, müssten noch offene Einrichtungen neue Bewohner aufnehmen. "In der Folge können wir die Zimmer nicht immer so belegen, wie dies in Zeiten der Corona-Pandemie wünschenswert wäre", räumte ein Sprecher der Regierung von Schwaben ein. Eine geplante Unterkunft in Neu-Ulm soll zumindest hier bald Entlastung schaffen.

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