Christian Springer über Beirut: Es ist echt bitter

Christian Springer hilft seit Jahren im Libanon. Jetzt ist der Münchner ins zerstörte Beirut gereist und schildert der AZ seine Eindrücke.
von  Thomas Becker
Nach der schweren Explosion im Libanon laufen die Aufräumarbeiten - so gut es eben geht.
Nach der schweren Explosion im Libanon laufen die Aufräumarbeiten - so gut es eben geht. © dpa

Münchner - AZ-Interview mit Christian Springer Der Münchner Kabarettist unterstützt mit seinem Verein "Orienthelfer" unter anderem Flüchtlinge im Libanon. Bei der Explosion im Hafen von Beirut wurden seine Wohnung dort und das Vereinsbüro schwer beschädigt.

AZ: Herr Springer, Sie sind seit Sonntag in Beirut. Was haben Sie beobachten können?
CHRISTIAN SPRINGER: Ich war gerade mit der Feuerwehr im Hafen, der mittlerweile militärisches Sperrgebiet ist. Das rührt emotional schon an. Dann habe ich zum ersten Mal meine zerstörte Wohnung gesehen: auch nicht schön. Weil man diese Gewalt nochmal spürt. Weil auf jedem Meter der Gehwege und an den Türen Blut klebt. So ist das gerade.

23. August: „Das lustigste Ende der Welt“ prophezeien uns Kabarettist Christian Springer und einige hochkarätige Kolleginnen und Kollegen wie Simon Pearce und die NouWell Cousins in Klimakatastrophe auf Bairisch.
23. August: „Das lustigste Ende der Welt“ prophezeien uns Kabarettist Christian Springer und einige hochkarätige Kolleginnen und Kollegen wie Simon Pearce und die NouWell Cousins in Klimakatastrophe auf Bairisch. © Christian Springer

Wie empfinden Sie die Atmosphäre in der Stadt?
Man spürt eine Unsicherheit: Kommt ein neuer Lockdown wegen Corona? Gibt es am Dienstag und Donnerstag wieder brutale Proteste gegen die Regierung? Wie wird die Hisbollah reagieren? Auf der anderen Seite ist die Stadt auf den Beinen und macht und tut. Überall, wo man noch in die Arbeit gehen kann, wird gearbeitet. Der Schutt wird weggeräumt. Meine Mitarbeiterin hat gesagt: "Du wirst nicht mehr merken, was da war." Das kann nur jemand sagen, der Schlimmeres erlebt hat in der vergangenen Woche, denn es sieht aus wie im Krieg. In der halben Stadt sind die Häuserfassaden weg, die Häuser sind leer, es stürzt immer mal wieder ein Gebäude ein. Man merkt sehr deutlich: Hier ist etwas Schlimmes vorgefallen.

"Du weißt: Die kriegen keinen Euro, die kriegen gar nix"

Die Regierung ist zurückgetreten. Wer führt dieses Land derzeit? Wie funktioniert der Libanon überhaupt noch?
Ich hab’ keine Ahnung. Er funktioniert wie immer durch Privatinitiative. Dadurch, dass Leute auf die Straße gehen und etwas tun. Ich komme gerade von der Feldküche, die uns die Bundeswehr gespendet hat und die wir nun gegenüber des Hafens aufgebaut haben. Heute Vormittag sind da 1.200 Leute kostenlos mit warmem Essen versorgt worden. Am Schluss stand ein Mann neben uns, der wieder zu bluten anfing – prompt war einer da, der ihn verbunden hat. An dieser Feldküche stehen Christen, Sunniten, Schiiten – und dann hab’ ich nicht mehr weitergefragt. In dem Bereich, wo es nicht um Korruption geht, halten sehr viele Leute total gut zusammen. Das ist der Hammer.

Auf staatliche Unterstützung verlässt sich wohl niemand?
Kurz vor Abflug habe ich einen Hilferuf erhalten aus einem armen, muslimischen Stadtviertel. Die sagten: "Seit der Explosion war niemand da bei uns. Kein Helfer, kein Krankenwagen, keine Müllabfuhr, niemand, der die Scherben wegräumt. Wir machen alles alleine." Das ist fast in Sichtweite des Flughafens, wo wir in den Nachrichten sehen, wie die Hilfsflugzeuge aus Frankreich, Deutschland und Amerika landen. Aber du weißt: Die kriegen keinen Euro, die kriegen gar nix. Und für diese Leute sind wir da.

Der Tenor der internationalen Helfer lautet ja: Wir helfen euch – aber ihr müsst dafür im Land Reformen anschieben. Wie realistisch ist dieser sicher lobenswerte Ansatz?
Ich glaube, dass die Politiker das sehr gut verstanden haben. Man muss sich das vorstellen: Der Macron reist einen Tag, nachdem eine Explosion diese Millionenstadt in Stücke gerissen hat, da hin, bringt Hilfe mit, geht ins Parlament und sagt: "Leute, das war jetzt zum letzten Mal. Wir helfen euch in dieser Notsituation. Aber: Ihr räumt jetzt mal euer Land auf!" Mir wurde gestern erzählt, dass das Parlament eher Duzi-Duzi erwartet hatte. Stattdessen: "Wenn ihr in dieser Situation einfach sitzenbleibt, dann sind wir nicht mehr da." Jetzt ist sozusagen ein Fehdehandschuh geworfen, zum ersten Mal so richtig. Wahnsinn ist auch, dass aus dem Libanon selbst keine Hilfeleistung kommt.

Wie meinen Sie das?
Wenn man die Liste der Multimilliardäre des Libanon sieht: Wenn die mal zusammen 500 Millionen auf den Tisch legen – was sich auf den spanischen und Schweizer Konten kaum bemerkbar machen würde –, dann wär das schon mal was. Aber da kommt halt nix. An der Hafenmauer steht in großen Lettern: "This was our government". Wegen der Misswirtschaft und der Korruption. Die Libanesen sind nicht gegen Korruption – sie sind gegen die libanesische Korruption.

Wie anders sieht die aus?
Zum Beispiel die Mafia in Sizilien: Wenn da ein Kindergarten oder eine Autobahnausfahrt gebaut werden soll, gibt’s da Korruption. Da kriegt vielleicht der Bürgermeister und sonst wer noch etwas, aber: Der Kindergarten steht dann, und die Autobahnausfahrt gibt es ebenfalls, vielleicht sogar in schön. Im Libanon wandert das Geld zu 120 Prozent in private Taschen – ohne dass es einen Kindergarten und eine Autobahnausfahrt gibt. Das ist der Unterschied zum Rest der Welt: dass eine Clique von unterschiedlichen Konfessionen und politischen Ansichten über einem Haushaltsbuch sitzt und den Libanon privat unter sich aufteilt, seit Jahrzehnten. Aber jetzt ist die Zitrone ausgepresst.

Klingt nach "Rette sich, wer kann".
Einer meiner besten Freunde ist der Star-Tenor des Libanon – die haben nur einen. Der sagt: "Jetzt geht’s nicht mehr. Ich habe immer alles für mein Land getan, habe Geld reingebuttert, bin immer wieder zurückgekommen, aber jetzt verlasse ich dieses Land. Ich weiß nicht wohin, ich will nur weg." Wenn solche Symbole des Staates weggehen wollen, ist es anscheinend sinnlos mit diesem Libanon.

Traurige Aussichten.
Ja. Allerdings nicht zum ersten Mal. Ich kenne so eine Stimmung schon aus dem Bürgerkrieg und dem kurzen Israel-Krieg. Wer seit Jahrzehnten öfter im Libanon war, für den ordnet sich das ein. Zu meiner Mitarbeiterin, die die Explosion am eigenen Leib erlebt hat, haben sie zum Beispiel gesagt: "Jetzt bist du eine Libanesin." Will sagen: Vom Libanon hast du keine Ahnung, solange du nicht Schüsse und Explosionen erlebt hast. Das ist echt bitter.

Wie es konkret zu der Explosion im Hafen kam, weiß man immer noch nicht?
Nein. Aber es gibt eine große Angst vor Gewalttätigkeiten. Viele sagen, man kann die auch herbeireden. Wir sitzen gerade im Zentrum von Beirut, wollten ein Bier bestellen, da heißt es: "Bei uns gibt es kein Bier mehr. Die Hisbollah verbietet das." Kein Mensch will mehr in dieser Welt leben. Das ist ein Rollback, den keiner haben will – bis auf so eine Clique von Betonköpfen. Die aber jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen. Und dazu noch Corona und Millionen Flüchtlinge. Der Libanon ist ein Vorzeigestaat in Sachen Corona-Schutz: die Stewardessen im Flugzeug in blauem Schutz-Overall und Plastikhandschuhen, zugedonnert mit Desinfektionsmittel. Man trifft hier nicht auf orientalische Lässigkeit – die wollen wirklich kämpfen gegen das Virus.

Eine Krawatte aus dem Chaos – "als Symbol des Wiederaufbaus"

Das Büro Ihrer Organisation "Orienthelfer" wurde ebenfalls zerstört. Wollen Sie es wieder aufbauen? Absolut. Ich war eben in meiner kaputten Wohnung, habe in einem offenen Schrank eine Krawatte gefunden und mir umgebunden – als Symbol des Wiederaufbaus.

Und am Sonntagabend stehen Sie dann im Innenhof des Deutschen Theaters und spielen Kabarett – wie schaffen Sie es, den Schalter umzulegen?
Da freue ich mich drauf! Im Ensemble mit Simon Pearce, Christine Eixenberger und den NouWell Cousins: Das wird richtig schön.

Was wird geboten?
Quasi die Lesefassung meines Buchs "Klimakatastrophe auf Bairisch". Das ist für mich persönlich auch ein Antrieb, denn ab und zu verdrückt man hier aufgrund all der Schicksale eine Träne. Und so gibt es etwas, auf das ich mich wahnsinnig freue. Es gab auch Anrufe, ob ich diese Premiere nun überhaupt schaffe – meine Antwort war: "Ihr würdet mich umbringen, wenn ich das jetzt nicht spielen dürfte." Ob’s dann super wird, werden wir sehen, aber ich freu mich narrisch drauf.

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