Interview mit Dieter Hecking: Alles geben für den Club

Der FCN-Trainer über die Aussichten für die neue Bundesliga-Saison, sein Leben in Nürnberg, den Tod seines Ex-Spielers Robert Enke – und den Platz des Vereins in der Kicker-Hierarchie
von  Abendzeitung
Ich habe die Aufgabe, den Club über den Strich zu bringen – das ist so reizvoll, wie Deutscher Meister zu werden“: Dieter Hecking.
Ich habe die Aufgabe, den Club über den Strich zu bringen – das ist so reizvoll, wie Deutscher Meister zu werden“: Dieter Hecking. © bayernpress

Der FCN-Trainer über die Aussichten für die neue Bundesliga-Saison, sein Leben in Nürnberg, den Tod seines Ex-Spielers Robert Enke – und den Platz des Vereins in der Kicker-Hierarchie

AZ: Herr Hecking, sind Sie schon in Nürnberg heimisch geworden?

DIETER HECKING: Ja, ich habe jetzt auch eine Wohnung gefunden, mitten in der Altstadt, möbliert.

Lohnt sich das? Schließlich haben Sie nur ein Jahr Vertrag!

Das ist doch reichlich.

Was kennen Sie von Nürnberg denn überhaupt schon?

Den Reichswald, das Trainingsgelände, die Innenstadt samt Burg. Aber mein Lieblingscafé habe ich noch nicht gefunden. Dafür fehlte die Zeit. Aber ich bewege mich gerne in der Stadt, identifiziere mich mit ihr und den Leuten.

Sie kommen also mit der fränkischen Mentalität klar?

Ja, sie ist nicht so verschieden von der westfälischen.

Und wer verpflegt Sie nun? Können Sie kochen?

(lacht) Der große Koch bin ich sicher nicht! Spaghetti Bolognese sind meine Spezialität. Da sagen selbst die Kinder, Papa, Du darfst mal wieder. Ansonsten Suppe, Salat. Wobei alleine für sich zu kochen eh keinen Spaß macht.

Einsamkeit, ist sie das Los des Wanderberufes Profi-Trainer? Schließlich haben Sie eine Frau und fünf Kinder!

Eigentlich ist es schön, wie meine Familie das hinbekommen hat. 2000, bei meiner ersten Trainerstation in Verl, war es kein Problem. Dann ging’s nach Lübeck, da wurde es schon problematischer, aber es war stets ein Sommerurlaub an der Ostsee drin – auch schön. Kritisch wurde es in Aachen. 320 Kilometer durchs Ruhrgebiet, da wurde es eine Monats-Ehe. Dann die drei Jahre in Hannover, für unsere Familie überragend. Jeden Abend zuhause, das haben wir alle genossen. Von Nürnberg aus geht’s auch. Drei Stunden mit dem Zug, das ist machbar.

Will man als Vater nicht an der Erziehung der Kinder teilhaben?

Nun, den Grundstein haben wir ja gelegt. Die zwei ältesten sind 24 und 22, also außer Haus. Die beiden Jüngeren kommen jetzt in die Oberstufe, machen in zwei Jahren Abitur. Dann haben wir noch unsere Nachzüglerin. Die Kleine ist acht, sie soll die Grundschule in Nenndorf beenden. Danach kann man überlegen, ob man die Familie nach Nürnberg holt. Es geht aber auch um das soziale Umfeld. Wir wohnen seit April 1997 in Bad Nenndorf, haben dort unseren Lebensmittelpunkt und Bekanntenkreis. Und ehrlich: Für den Trainer Hecking ist das doch die bessere Situation. So kann ich mich von morgens acht Uhr bis abends 21 Uhr um den Club kümmern, mit allen Beteiligten über alles reden. Ist die Familie am Ort, steht doch auch anderes an. Aber Kinder und Frau wären natürlich froh, wenn ich öfter zuhause wäre.

Das große Kompliment für das Familien-Management geht also an Ihre Frau?

Ja, dass alles gut gelöst wurde, ist der Verdienst meiner Frau. Sie hat zudem ein eigenes Yoga-Studio, also auch Selbstständigkeit.

Wäre Yoga nicht auch gut für Fußballprofis?

Ich kann’s empfehlen. Das ist gut für Körper, Geist und Seele. Mein Problem ist, wenn ich dann von meiner Frau kritisiert werde. Aber ich hatte mal die Möglichkeit, mit einem bekannten Yoga-Trainer Partnerübungen zu machen. Und wenn du dann siehst, was mit deinem Körper möglich ist, obwohl ich ein steifer Bock bin, kann ich das wirklich nur empfehlen.

Wie stehen Sie zur Rundumversorgung der Fußball-Profis? Führt die nicht in die totale Unmündigkeit?

Die Gefahr besteht. Deshalb empfehle ich jedem Spieler, sich ein Standbein neben dem Fußball aufzubauen, Interessen zu entwickeln. Ich war immer ein Freund davon, dass die Selbstständigkeit der Spieler erhalten bleibt. Unser Teammanager Boban Pribanovic kümmert sich um vieles, aber nur bis zu einem Punkt.

Einen Schlusspunkt haben Sie in Hannover gesetzt, sind von sich aus gegangen. Warum?

Es war eine ähnliche Situation, wie sie sich jetzt schon wieder bei 96 darstellt. Wir hatten 2008 für Forsell, Eggimann und Schlaudraff viel Geld ausgegeben, und alle drei Transfers haben nicht gegriffen. In der Saison zuvor waren wir Achter geworden, die Erwartungshaltung war entsprechend sehr hoch. Es lief aber nicht. Andauernd hieß es „Endspiel für Hecking“. Wir hatten eine katastrophale Auswärtsbilanz. Jedes Heimspiel war ein „Endspiel“ für mich. Zum Auftakt der Saison 2009/2010 verloren wir das Pokalspiel in Trier, es gab eine Sitzblockade der Fans am Bus. Wir starteten schlecht in der Liga, es kam zu einem Gespräch mit 96-Chef Martin Kind, und ich sagte: Wenn ich die Bremse bin, dann müssen wir das Beste für den Verein machen.

Kaum waren Sie weg, wählte 96-Torwart Enke den Freitod. Was haben Sie empfunden?

Als ich das gehört habe, saß ich auf meiner Couch und konnte es nicht glauben. Ich war eine Woche nicht ansprechbar. Robert war drei Jahre lang mein Kapitän. Er war jede Woche mindestens einmal bei mir, wir haben über alles gesprochen, aber halt nicht über seine Krankheit. Er hat es so gut verheimlicht, wollte diese Welt aufrechterhalten. Der Mensch Robert Enke ist ein Riesenverlust. Er war eine tolle Persönlichkeit.

Und ein Opfer der Glitzer-und Glamour-Welt?

Das ist die Schwierigkeit in unserer Gesellschaft. Es wird nicht akzeptiert, wenn jemand aus irgendeinem Grund Schwäche zeigt. Es trifft ja viele Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, aus verschiedenen Bereichen. Wer sich outet, dessen Karriere ist doch beendet. Und ich kann das noch so schade finden – es wird sich wohl nicht ändern.

Dennoch müssen Sie als Vorgesetzter durchgreifen, beispielsweise einem verdienten Spieler wie Marek Mintal erklären, warum er nicht mehr erste Wahl ist.

Marek hat es verdient, dass man mit ihm fair und respektvoll umgeht, mit ihm im Gespräch bleibt. Aber wenn er seine Leistung abruft, hat er die Berechtigung, in diesem Kader Einsatzzeiten zu fordern. Erbhöfe gibt es allerdings bei mir nicht. Wenn sich ein anderer in den Vordergrund spielt, dann muss man das sagen. Aber auch: Biete Dich wieder an, vielleicht fällt der andere in ein Loch. Mintal weiß, dass er viel tun muss, um dem Anspruch gerecht zu werden. Er wird aber immer das Wohl der Mannschaft über seines stellen.

Daran arbeiten Sie auch. Wie sieht ein typischerTag für Sie aus?

Ich bin um acht Uhr aufgestanden, habe eine Presseschau gemacht, bin dann eine Stunde im Reichswald gelaufen, aber dabei gehen mir auch alle möglichen Dinge durch den Kopf. Der Saisomstart, die Aufstellung des Gegners ist eigentlich klar, wie die spielen auch. Was passt am besten dagegen? Dann gehst du in die Scouting-Abteilung, bereitest die Video-Analyse für den Nachmittag vor, auch die Video-Analyse vom letzten Spiel, um alles vor der Mannschaft so darzustellen, dass sie auch wissen, worum es geht. Dann das Training und danach die Aktualität, also der Weggang von Charisteas und die Auswirkungen auf den Kader.

Apropos Charisteas: Woran ist er beim Club gescheitert?

Harry ist als Mensch einer, den man gerne um sich haben will, kein falscher Fünfziger. Was mich enttäuscht hat: Nach seiner schwachen Vorstellung gegen Bayern, als ihn Choupo-Moting aus der Mannschaft verdrängt hatte, kam etwas, was ich nicht verstanden habe. Er meinte, ich sei gegen ihn. So bin ich nicht. Wenn er die Leistung wieder gebracht hätte, wäre die Tür offen gewesen. Aber es kam nichts mehr. Und da musste ich sagen: Es hat keinen Sinn mehr.

Nun geht’s ohne Charisteas wieder los. Haben Sie schon Lampenfieber?

Nein, es ist Vorfreude und Zuversicht. Wir wissen um die Aufgabe, müssen wieder um den Klassenerhalt ringen.

Macht das Spaß? Wäre es nicht schöner, eine Elf zu trainieren, die nach oben schaut?

Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit irgendwann einmal. Aber jetzt habe ich die Aufgabe, den 1.FCN über den Strich zu bringen. Das ist genauso reizvoll, wie Deutscher Meister zu werden. Nur der Druck ist ein anderer. Spiele ich vorne mit, komme ich nie in Existenzängste. Es ist für die Mannschaft und auch die Mitarbeiter ein ganz anderes Arbeiten. Es stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Dennoch: Es gibt nur 18 Bundesliga-Trainer, und ich habe einen dieser Arbeitsplätze. Es gibt viele tausend Trainer in Deutschland, viele, die mit mir tauschen möchten. Ich werde alles tun, dass mir dieser Platz erhalten bleibt.

Sehen Sie eine Möglichkeit, den Club mittelfristig in sichere Gefilde zu führen?

Die Schwierigkeit ist die Dreiklassengesellschaft in der Liga. Es gibt die ersten acht, neun oder gar zehn Vereine, die vorne mitspielen, dann ein Mittelfeld – und dann jene fünf, sechs Klubs, die gegen den Abstieg spielen. Aus diesem Kreis herauszutreten, ist wahnsinnig schwierig. Mit unserem Etat von 18 Millionen für den Profikader bekommst du eben keine Topspieler. Und Qualität definiert sich schon auch über Geld. Deshalb geht es mir darum, eine sorgenfreie Saison zu haben. Aber letztlich ist es doch so: Die beiden Aufsteiger werden immer zu den Abstiegskandidaten zählen. Dann gibt es Freiburg und Mainz, das den Abgang von Bancé kompensieren muss, und Sachen, die nicht kalkulierbar sind, wie den Spielplan. Wie erwische ich die Gegner? In einer Krise oder haben die gerade einen Lauf?

Kommt noch Verstärkung für den bislang leicht lauen Club-Angriff?

Die Frage ist doch, wo geht die Tür auf? Bei einem Spitzenverein? Dann kannst du das Gehalt nicht bezahlen. Es gab schon interessante Namen wie Bancé oder Idrissou. Die haben wir ernsthaft diskutiert. Jetzt wechselt Bancé für fünf Millionen Ablöse nach Dubai, und Mainz muss 50 Prozent davon an einen russischen Investor abgeben. Wir hätten Bancé also nicht für eine Million bekommen. Der Junge war hier bei uns, er hätte das gemacht. Aber es muss halt alles passen, finanziell, sportlich und charakterlich – wie bei Timmy Simons. Da waren Martin Bader, Christian Möckel und ich uns einig: ein guter Transfer.

Die wichtigste Frage zum Schluss: Warum bleibt der Club in der Bundesliga?

Weil der Club eine Mannschaft hat, die nicht schlechter ist als sechs andere. Allerdings geht es nur über Teamarbeit und den Zusammenhalt mit der Stadt und den Fans. Dieser Zusammenhalt hat uns schon in der Relegation sehr geholfen. Es gab keine Anfeindungen, die Leute stehen zu ihrer Mannschaft und zu ihrem Verein. Ein Faustpfand, das wir nicht strapazieren sollten. Im Gegenteil: Die Fans müssen das Gefühl haben, unsere Mannschaft gibt immer alles. Wenn Du dann verlierst, wird keiner meckern. Interview: Eberhardt Ergenzinger, Krischan Kaufmann