Straßennamen-Ahnungslosigkeit

Der Flaneur flaniert durch Schwabing und stößt – ohne alt zu sein – an seine Grenzen
| Joseph von Westphalen
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Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".
dpa Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".

Vom Englischen Garten kommend spazierte ich die Haimhauserstraße Richtung Münchner Freiheit an der „Lach und Schieß“ vorbei. Auf auf Höhe der Occamstraße wurde ich nach dem Weg gefragt. Marktstraße? Nie gehört. „Sind Sie sicher?“, fragte ich. Marktstraße - das klang so kleinstädtisch. Er zeigte mit einen Zettel. Da stand es schwarz auf weiß. Ein japanischer Tourist kam vorbei, begriff den Ernst der Lage, zückte sein Smartphone und hielt uns wenigen Sekunden später mit stillem Triumph das leuchtende Display hin: nur ein paar Schritte weiter kreuzt die Marktstraße. Es ist nicht mein Viertel, aber im Lauf der Jahre bin ich oft genug hier rumgelaufen.

Wo hat man seine Augen! Wozu sein Hirn! Gut, man kann sich trösten. Wozu soll man, wenn man kein Taxifahrer oder Radlkurier ist, das begrenzte Fassungsvermögen des strapazierten Kopfs mit Straßennamen belasten. Trotzdem, die Ahnungslosigkeit hat etwas Schwachsinniges.

Wir werden von allen möglichen Sinnesschwächen und Defiziten geplagt: Es gibt Leseschwächen, Konzentrationsschwächen und jede Menge Lernschwächen. Und was endlich im Kopf ist, will da nicht immer bleiben. Einer hat im Urlaub die Geheimnummer seiner Bankkarte vergessen und steht verzweifelt am Geldautomat. Drei Wochen entspanntes Nichtstun haben die Zahlen aus seinem Kopf gepustet - wie auch die Erinnerung an den Ort, wo sie sicher notiert sind. Onlinebanking, ebay- und Amazon-Käufe gehen erst mal auch nicht mehr, weil die Passwörter vergessen sind.

Andere Zeitgenossen können sich keine Namen merken. Eine Frau, die Verena heißt, sollte man nicht beim nächsten Mal Ulrike nennen. Ehrliches Nachfragen hilft nicht. Im Gegenteil. Erkundigt man sich mit den üblichen Verlegenheitsgrimassen nach dem Namen, den man kennen müsste, ist das kaum weniger beleidigend. Damit entpuppt man sich als flüchtiger und desinteressierter Patron - oder man gerät in den Verdacht, Alzheimer zu haben.

Noch peinlicher als ein schlechtes Namensgedächtnis ist die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken. Diese Schwäche hat wenigsten einen hübschen Namen: Prosopagnosie.

Wer darunter leidet, lächelt wahllos alte Bekannte oder wildfremde Leute an, weil er sich nicht anmerken lassen will, dass er die Leute nicht zuordnen kann. Dagegen ist Straßennamenahnungslosigkeit harmlos. Wie verbreitet sie ist, kann man testen, wenn man ortskundige Ureinwohner eines Stadtviertels nach einer Straße fragt.
 

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