Der Berlin-Komplex

Der Flaneur sinniert über Sublimierung nach - und über den Mann, der sie erfunden hat
| Joseph von Westphalen
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Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".
dpa Schriftsteller Joseph von Westphalen schreibt für die AZ jede Woche seine Kolumne "Der Flaneur".

Der Flaneur sinniert über Sublimierung nach und den Mann, der sie erfunden hat

Vor sieben Jahren war sein 150. Geburtstag. Sein 200. ist demnach erst 2056, das ist noch eine Weile hin. Vorher wird man vermutlich 2039 anlässlich seines 100. Todestags an ihn denken und die üblichen Biografien mit neuen Forschungsergebnissen vorlegen. Das ist aber auch erst in 26 Jahren. Wer ist’s?

Ratespiele sind ja angeblich beliebt, je kniffliger desto besser. In der letzten Ausgabe des „Focus“ scheint eine CD gesteckt zu haben, eine Anleitung zum Gehirnjogging. Soll ich Sie nun ohne CD grübeln und rechnen lassen, hochverehrte Leser? Der Gewinner wird zwar nicht Millionär, darf aber den Flaneur bei einem Spaziergang begleiten. Das große Wochenendrätselraten im Dienst der Volksbildung? Tausende von AZ-Lesern googeln und blättern in ihren Lexika? Nein! Ich habe keine Lust, Onkel Jauch zu sein, ich verrate die Lösung: es ist Sigmund Freud.

Wie komme ich auf Freud? Gleich. Ich habe in den Kammerspielen Wedekinds „Franziska“ und im Cuvilliés-Theater eine nicht weniger schräg schillernde Inszenierung gesehen: eine knallige Fassung von Peter Kreuders „Lola Montez“. Zwei Aufführungen, die nichts miteinander zu tun haben, außer dass beide eine Menge Spaß machen und dass in beiden auf urkomische Art Berlin vorkommt. Ob 1846 zu Zeiten von Lola Montez oder 1912 bei Wedekind – es war kaum anders als heute: das Leben in der fernen Metropole lockt, und eben deswegen sprach und spricht man in München gern mit verdrehten Augen von Berlin: Ihr seid ja so toll da oben!

Verschwommene Neidgefühle und das Fehlen eigener Größe und nationaler Bedeutung gleicht man aus mit Spott und Selbstironie. So macht man aus Mangel Kunst: ein Gedicht, ein Lied, einen Regieeinfall. Freud nannte das Sublimieren. So entsteht Kultur. Auch fern von Berlin.

Es ist noch gar nicht allzu lang her, dass man jeden Blick in den Spiegel, jeden Telefonanruf bei Mutter mit Freud und dem Narzissmus und Ödipuskomplex erklärte. Jede Hervorbringung wurde in den Feuilletons als Sublimation gefeiert. Wie still es um Freud und seine Theorien geworden ist, wird sichtbar, wenn man „Sublimierung“ bei Wikipedia nachschaut: der einstige Zentralbegriff der abendländischen Kultur, über den kluge Menschen Bibliotheken geschrieben haben, wird in kargen 9 Zeilen erklärt, und das dürfte sich bis zum nächsten Jubiläum des Erfinders der Psychoanalyse auch kaum ändern.

Jeder Artikel über einen einzigen Song der Rolling Stones ist um ein vielfaches länger und ausführlicher. „You Can’t Always Get What You Want“ zum Beispiel, ein klassischer Sublimationshit übrigens: Man kriegt nicht alles, was man will – wohl wahr. Aber man kann ein tolles Lied darüber machen. Wir können nicht dauernd ins angeblich pulsende Berlin fahren, aber wir können uns über Berlin und unser zwiespältiges Verhältnis zu dieser Stadt lustig machen, und das ist auch was wert.

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