Editorial Anneliese FriedmannEditorial Anneliese Friedmann

 

Die richtige Formel für die Zukunft

Wie aus dem Experiment AZ eine Münchner Institution wurde.

Die Abendzeitung ist zwar eine Straßenverkaufszeitung, aber durchaus kein Gassenkind, vielmehr eine Boulevardzeitung besonderer Art.
Zuversicht und Journalistenehrgeiz standen Pate bei der Geburt dieses Blattes, das ein legitimes Besatzungskind ist, geboren im Frühling 1948 anlässlich der Presseaustellung, die von der amerikanischen Besatzungsmacht veranstaltet wurde, eines der Mittel der Umerziehung.
Uns hungernden Deutschen sollte gezeigt werden, wie eine freie Presse arbeitet, und welchen Stellenwert sie in einer Demokratie einnimmt. Der damalige Chef der amerikanischen Pressekontrollbehörde, Ernest Langendorf, hatte die Idee, die allzu papierene Ausstellung durch einen lebendigen Zeitungsbetrieb attraktiv zu machen. Vierzig Ausstellungstage lang sollte vor den Augen der Besucher eine sechsseitige "Tageszeitung" - entstehen.
Dafür stellten die Amerikaner 60 Tonnen Papier als Sonderzuteilung zur Verfugung - eine einzige Ausgabe der Abendzeitung von heute verbraucht an einem ganz normalen Tag an die 50 Tonnen.
Werner Friedmann, einer der Lizenzträger der Süddeutschen Zeitung, wurde mit der Chefredaktion betraut. Er begeisterte das gute Dutzend junger Mitarbeiter für den "kurzlebigen Schmetterling", wie er das Objekt nannte. Es sollte eine Zeitung sein mit allen klassischen Ressorts von Politik bis Sport, seriös, aber flott aufgemacht, ausgerichtet auf das Interesse des Durchschnittlesers. Eine Zeitung, in der neben den Nachrichten auch hübsche Lesegeschichten stehen sollten, Interviews, ein Hauch Hollywood und viel human interest.
Das Team war begeistert. Nicht, weil wir - gleichfalls eine Sondervergünstigung - uns mittags in der amerikanischen Kantine satt essen durften, sondern weil wir endlich schreiben konnten, anschaulich und farbig schreiben mit der Aussicht, täglich gedruckt zu werden.

Bayerns Landesvater als erstes AZ-Fotomodell

Nie wieder hat Schreiben an sich für Journalisten einen solchen Stellenwert erlangt wie damals für uns. Ich weiß das deshalb so gut, weil ich als stolzer SZ-Volontär und einziges Mädchen dabei war. Nur eine andere Frau gehörte - außer den Sekretärinnen - noch zum Redaktionsstab, Dorothea Federschmidt, verantwortlich für das Feuilleton, dem sie ein Gesicht gab, das in Grundzügen heute noch übereinstimmt mit dem Feuilleton der Abendzeitung.
Als endlich am Eröffnungstag der damalige bayerische Ministerpräsident Dr. Ehard auf den Knopf der Rotationsmaschine drückte, gab die Nummer i der Tageszeitung gleich die Visitenkarte ihres Geistes und ihrer Fixigkeit ab: Auf der Titelseite prangte das Foto des Ministerpräsidenten, wie er den Knopf drückt.
Nur ganz aufmerksame Besucher schüttelten den Kopf, weil der Landesvater an jenem regnerischen 6. Mai 1948 einen Mantel trug, aber auf dem Foto nur dunklen Anzug. Das hatten wir nicht bedacht, als wir ihn am Vortag zum Foto-Knopfdruck gebeten hatten. Pressegeschichte und Markstein des allgemeinen Lebens zugleich: Es durfte wieder gelacht werden. Die erste Boulevardzeitung war geboren.
Werner Friedmann hatte die Leser in seinem Leitartikel in der Nummer i der "Tageszeitung" gewarnt, diese allzu lieb zu gewinnen. Sie sei schon beim Ausschlüpfen zum Tode verurteilt. Aber die Leser taten genau das Gegenteil, sie wollten diese andere, frischere, modernere Zeitung nicht mehr missen.
Die Idee der Abendzeitung war geboren, Friedmann trug sie den Amerikanern vor, die inzwischen begeistert von der Zeitung waren, auch von der besonders engagierten jungen Redaktion. Das imponierte den Amerikanern, und so könnte die "Tageszeitung" auf Seite i ihrer letzten Ausgabe ankündigen, dass sie als Experiment noch weitere drei Monate täglich erscheinen würde, zugunsten der Ausbildung junger Journalisten.
Werner Friedmann erhielt die Lizenz Nummer 23, Papier wurde mit Hilfe der Obersten Militärbehörde aus den Beständen der "Neuen Zeitung", Organ der Besatzungsmacht, zur Verfügung gestellt.
So konnte am 16. Juni 1948 die erste Ausgabe der Abendzeitung erscheinen, sechs Seiten stark, inhaltlich und graphisch deckungsgleich mit ihrer Vorgängerin, der "Tageszeitung".
Eine Boulevardzeitung im heutigen Sinn war sie noch nicht, vielmehr in Aufmachung und Konzeption wie eine klarer und luftiger geordnete Abonnementzeitung.

Die Interessen der Leser befriedigen - und verteidigen

Werner Friedmann redete nie von einem Konzept, schon gar nicht von Blattphilosophie, Begriffe wie Kommunikationsbedürfnisse und Kommunikationsräume waren ihm zumindest im Sprachgebrauch fremd. Er hielt sich beim Zeitungsmachen an seine "chemische Formel", die lautete:
"Im fertigen Blatt muss alles im rechten Verhältnis gut gemischt sein. Wichtig, dass die Mischung alle Elemente enthält, die sich der Leser zu seiner Information und Unterhaltung wünscht."
Wir versuchen es jeden Tag aufs neue, die moderne Straßenverkaufszeitung zu mischen, wie ihr Gründer sie sah:
"Die Abendzeitung möchte eine junge, lebendige, unkonventionelle Zeitung sein, die zwar die Schlagzeile nicht scheut, aber bei allem Temperament solide, bei allem Pfeffer intelligent gemacht ist. Sie möchte sehr gewissenhaft, doch nicht ohne Humor alle Bereiche unseres modernen Lebens beleuchten und das in verständlicher und zugleich profilierter Weise."
Den höchsten Wert in unseren Überlegungen für die Zukunft messen wir dem Entschluss bei, das redaktionelle Niveau der Abendzeitung in keiner Weise nach unten anzugleichen, sondern es im Gegenteil nach Kräften zu heben.
Wir - ich spreche hier auch für meinen Sohn Johannes, der jetzt als Verleger und Herausgeber die Verantwortung trägt, - glauben an die Qualität dieser Zeitung, und wir werden ihre Ziele entsprechend setzen.
Wir sind überzeugt, dass auch im Zeitalter der elektronischen Medien Zeitungen überleben werden, die sich dem Leser unentbehrlich machen, die ihm das Gefühl geben, hier nimmt man sich meiner Nöte an, hier finde ich Leitplanken inmitten der Undurchschaubarkeit des Weltgeschehens, hier werden meine Interessen nicht nur befriedigt, sondern verteidigt. Hier stellt sich meine lokale, kleine Welt dar, von der aus betrachtet sich die große ertragen lässt. Hier bin ich daheim.
Sollte das nach Hausschuhen und Provinz klingen, so liegen Sie falsch.
Die chemische Formel der Abendzeitung wird immer Großstadtluft enthalten, möglichst einen Schuss Weltluft. Das gehört zu ihrer besondern Art.

Zur Feier des 20. Geburtstags: Herausgeber Werner Friedmann bietet in einem Kiosk die Jubiläums-AZ an.