Zum NSU-Prozess Kunst-Aktionen für die Opfer aus der Keupstraße

9. Juni 2004: Eine Bombe, gefüllt mit 700 Nägeln, hat die Keupstraße verwüstet. Foto: dpa

Die ersten Betroffenen des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße sagen im NSU-Prozess aus – und werden auf der Straße unterstützt.

München – Der Höhepunkt – oder Tiefpunkt – wird ein Auftritt von Beate Zschäpe sein. Es ist nicht die echte Angeklagte im NSU-Prozess, die am Dienstag vor dem Gerichtsgebäude in der Nymphenburger Straße stehen wird. Es ist eine Figur in einer Kunst-Performance, mit der die Münchner die Betroffenen unterstützen wollen, die ab diesem Tag dort aussagen: die Opfer des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße.

Fast ein Jahr lang haben die Initiative „Keupstraße ist überall“, das Aktionsbündnis „NSU-Komplex auflösen“ und das „Münchner Bündnis gegen Naziterror und Rassismus“ sich auf diesen Tag vorbereitet, den „Tag X“, wie sie ihn nennen.

Bei dem Anschlag im Jahr 2004 war am frühen Nachmittag in der als florierende Geschäfts- und Wohnstraße der türkischen Gemeinde bekannten Keupstraße eine Bombe explodiert, die mit mehr als 700 Zimmermannsnägeln gefüllt war.

Gestorben ist dabei glücklicherweise niemand, es wurden aber 21 Menschen teilweise schwer verletzt. Sie erlitten Verbrennungen, Schnittwunden, Rissverletzungen. Betroffene klagen über Schlafprobleme, Ohrensausen, Depressionen.

Der Sprengsatz war auf einem Fahrrad befestigt vor einem türkischen Friseursalon abgestellt worden – die Bundesanwaltschaft hält es für erwiesen, dass die Zschäpe-Vertrauten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos die Nagelbombe platziert und gezündet haben.

Lange hatte die Polizei vermutet, die Täter kämen aus Köln oder dem Umland und seien im türkischen Umfeld zu suchen – obwohl eine Zeugin 2005 die Mörder des Nürnberger Kleingastronoms Ismail Yasar auf einem Überwachungsvideo aus der Keupstraße wiedererkannt hatte.

„Das war schrecklich für die Betroffenen, sie wurden verdächtigt, verhört, man ging niemals von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus“, sagt Julia Killet vom Bündnis gegen Naziterror und Rassismus. „Erst nach sieben Jahren kam die Nachricht: Die Keupstraße gehörte zu den NSU-Anschlägen.“

Alles zum NSU-Prozess finden Sie hier im AZ-Dossier

Im berüchtigten Bekennervideo des NSU sieht man die Comicfigur Paulchen Panther mit einer Rakete, auf der steht: „Bombenstimmung für die Keupstraße“.

In drei Bussen kommen die Kölner am „Tag X“ nach München. Dabei sind laut Organisatoren auch Verletzte des Anschlags und deren Angehörige.

Um 9 Uhr beginnen die Unterstützer mit einer Dauerkundgebung vor dem Oberlandesgerichts in der Nymphenburger Straße. Ab 17.30 Uhr ist von dort eine Demonstration zum Stachus mit Teilnehmern aus ganz Deutschland geplant, dazwischen gibt es Auftritte von Bands wie dem Hiphop-Act Microphone Mafia.

Um 9.15 Uhr steht die Performance des Münchner Künstlers Günter Wangerin an: Etwa 50 dunkel gekleidete Menschen mit Gesichtsmasken sollen schweigend hinter einem weißen Tuch stehen, das von zwei schwarz gekleideten Männern gehalten wird mit dem Shirt-Aufdruck „VS“ – für Verfassungsschutz.

Davor eine karikierte Version von Zschäpe, zu ihren Füßen zwei Leichensäcke und ein Mann in roter Robe als Symbol für die Bundesanwaltschaft, der mit dem Finger auf sie zeigt und ein Schild hochhält mit der Aufschrift „Einzeltäter!“.

Wangerin will damit die Anwaltschaft dafür kritisieren, dass sie seiner Ansicht nach in dem Fall in Richtung Einzeltäter argumentiert und die „vielen Einzeltäter, das Netzwerk ignoriert“, sagt er. Am Abend treffen sich alle Beteiligten.

„Auch am Montag und Mittwoch machen wir noch Veranstaltungen, die Leute wollen jetzt zusammenstehen“, sagt Julia Killet. „Und wir wollen sie nicht alleinlassen. Wir wollen ein bisschen Rambazamba machen.“

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