Zum Christopher Street Day So bunt sind Münchens Familien

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So bunt sind Münchens Familien: Im Rahmen des Christopher Street Days fragt die AZ in ihrer Umfrage Menschen, was Familie für sie bedeutet. Foto: M. Handrek-Rehle

Ob Mama, Mami, Kind, Patchwork oder ganz traditionell: Liebe, Vertrauen und Verantwortung sind für alle das Wichtigste. Die AZ-Umfrage unter Münchner Familien im Rahmen des Christopher Street Days.

München - Welche Bedeutung hat der Begriff „Familie“ für die Menschen von heute? Blutsverwandtschaft? Mutter, Vater, Kind wie früher? Sonst nichts? Die Organisatoren des Christopher Street Day haben für heuer das Motto gewählt „Familie ist, was wir draus machen“. Ein Slogan, den sie der Vereinnahmung des Familienbegriffs durch rechtspopulistische und kirchliche Strömungen entgegensetzen.

Das CSD-Team wirbt damit für Toleranz gegenüber selbstgewählten Konstellationen: von der herkömmlichen über die Regenbogen- bis hin zur Wahlfamilie; von Mama, Mami, Kind bis Patchwork. Die AZ-Umfrage unter Münchner Familien zeigt, dass all diese Modelle in Bayerns Hauptstadt gelebt werden. Und dass Liebe, Vertrauen, Verantwortung und Geborgenheit für die meisten viel wichtiger sind, als konservative Normen.

"Gibt Mut"

Philologin Tanja Deobald (44) mit Aurelia (2 1/2): „Ich bin glücklich mit meinem Mann verheiratet, und mir gefällt es, Mutter von drei Kindern zu sein. Die Familie macht mich stark und gibt mir Mut, wenn ich mal traurig bin.“

"Die Beziehung ist ewig"

Die beiden Mormonen-Missionare von der Kirche Jesu Marcus Dickson (21, l.) und William Croft (19). Marcus Dickson: „Familie ist für mich ein Geschenk Gottes. Ich liebe meine Familie, aber wir sind beide auf Mission und damit für zwei Jahre weg von unserer Familie. Ich skype dafür zweimal im Jahr und schreibe jeden Montag eine E-Mail. Wir helfen anderen Familien für ewig.“

William Croft: „Gott hat uns die Familie gegeben, damit der Einzelne und die Familie glücklich sein kann. Die Beziehung zur Familie ist ewig.“

"Das ist für uns der Sinn des Lebens"

Sozialpädagoge Paul (43) und Personalreferentin Irina (40) mit den Kindern Mattea (4) und den Zwillingen Maya und Mick (1 3/4). Paul sagt: „Familie bedeutet für mich Glück, gleichzeitig auch Stress und viel Organisation. Man muss den Tag gut im Blick haben, von der Arbeit bis hin zur Kinderbetreuung. Vor unserer Zeit mit den Kindern hatten wir den großen Traum, eine Weltreise zu machen. Heute träumen wir davon, mal acht Stunden am Stück zu schlafen. Aber Familie – das ist für uns der Sinn des Lebens. Es ist echte Liebe der Kinder da, und wir empfinden Dankbarkeit dafür, dass wir gesunde Kinder haben.“

Irina sagt: „Familie bedeutet für mich Heimat.“

Schön und manchmal anstrengend

Eventmanagerin Sonja (41) Sohn Julius (6) und Retaildesigner Guido (43). Sonja sagt: „Familie ist für mich ein guter Rückzugsort von der Arbeit. Unser Sohn Julius mag natürlich die ganze Familie und Oma und Opi auch. Es ist schwierig, Arbeit und Familie zu verbinden. Es gibt leider nur wenige Hortplätze.“ Guido sagt: „Familie ist schön – und manchmal anstrengend.“

"Kinder erweitern den Horizont"

Doktorandin Annabelle (36) mit Sohn Valentin (31/2) und Accountmanagerin Sarah (31). Annabelle: „Mit Familie verbinde ich Liebe. Kinder erweitern den Horizont. Ich bin seit drei Jahren mit Sarah verpartnert. Valentin hat auch Kontakt zu seinem Vater, für ihn ist es der Spaßpapa, der immer wieder mal Geschenke mitbringt. Er ist ein Freund von uns.“

Sarah: „Familie ist füreinander einzustehen. Wir genießen einfach die Familie.“

"Ein Schöpfungswunder"

Heinz (u. r.) und Elisabeth Schindler (2. v. r.) von der Riesengebirgstrachtengruppe – mit einem Teil der Familie in Freimann. Elisabeth Schindler: „Familie ist ein Spannungsbogen von Freude, Glückseligkeit, Beistand, Enttäuschung und Verzicht. Die Familie ist außerdem ein Schöpfungswunder, das die Liebe Gottes zu uns Menschen erleben lässt.“ Heinz Schindler sagt: „Schee ist es auf der Welt.“

Aufeinander bauen

Susan mit ihrem Mann Jens und Tochter Katrin. Jens sagt: „Familie bedeutet für uns Zusammenhalt und dass jeder füreinander da ist. Man kann aufeinander bauen. Wir leben in München, kommen aber ursprünglich aus der Ukraine.“

"Akzeptieren, wie man ist"

Disponent Ufuk (29, l.): „Mit Familie verbinde ich Zugehörigkeit. Ich heirate außerdem im Herbst meine Verlobte.“

Student Cihan (25) sagt: „Einander so zu akzeptieren, wie man ist – das ist für mich Familie. Das muss nicht unbedingt Blutsverwandtschaft sein, engste Freunde gehören für mich ebenfalls zur Familie.“

"Arbeit, Stress, Unfrieden"

Rentnerin Marie (70): „Ich verbinde Stress und Chaos, Arbeit und Unfrieden mit dem Begriff Familie. Ich habe mit 19 Jahren meine Familie verlassen. Familie ist für mich Blutsverbindung. Festhalten konnte ich mich weder in meiner Familie noch in meinem Beruf als Krankenpflegerin. Ich war und bin immer noch ein Einsiedlerkrebs, bin jedoch offen für eine Beziehung mit einer Frau.“

Glück

Sozialpädagogin Jasmin (31) mit Sohn Yannis (6 Monate): „Für mich bedeutet Familie Glück und Vertrauen.“

"Geborgenheit"

Controllerin Silke (34): „Ich verbinde mit Familie Rückhalt. Wir sind seit 2010 verpartnert und haben eine dreieinhalb Jahre alte Tochter, die gerade bei den Großeltern ist. Ein Kind zu haben, ist für uns der Sinn des Lebens.“

Juristin Hélène (38): „Für mich bedeutet Familie Liebe, Zusammenhalt und Geborgenheit. Eine Tochter zu haben, ist wirklich wunderschön, aber auch eine Herausforderung.“

"Eine Mama für viele"

Schülerin Lisa (16) mit ihrer Mutter Katja (44, Masseurin und Bademeisterin), beide lesbisch. Katja: „Es ist für mich super, eine Tochter und einen Sohn zu haben. Ich bin mir im Klaren darüber, dass Kinder nicht unser Eigentum sind, sondern ihren eigenen Weg gehen. Mittlerweile bin ich für viele eine Art Mama. Ich bin auf dem Pfad der Achtsamkeit und meditiere gerne. Momentan bin ich Single. Mein Sohn hatte mir schon im Alter von zwölf Jahren gesagt, dass er mich auch mag, wenn ich lesbisch bin. Im Alter von 36 Jahren hatte ich alles hingeschmissen und habe mich als lesbisch geoutet.“

"Das Allerbeste"

Laura (l.): „Für mich bedeutet Familie großes Glück und große Verantwortung. Ich bin mit Paul verheiratet. Für mich ist es das Allerbeste überhaupt. Es hat mehr Kraft, wenn man sich zueinander bekennt. Und ich freue mich über unser Kind.“

Susanna: „Familie bedeutet für mich Liebe, Verantwortung, Glück und Hingabe. Aus zwei Personen entsteht ein kleines Baby. Es geht um Bedingungslosigkeit. Man ist selbst unwichtiger und tritt in den Hintergrund.“

"Kinder - in fünf Jahren"

Stadtrat und Physikstudent Dominik Krause (25) mit seinem Freund, Medizinstudent Sebastian Müller (23). Dominik Krause: „Dem Motto vom CSD stimme ich zu: Familie ist das, was man daraus macht. Ich würde noch ergänzen, dass man füreinander da ist. Wir beide sind seit sieben Jahren zusammen. Das kann man auch als Familie bezeichnen – und unsere Eltern freuen sich mit. In fünf Jahren könnten wir uns Kinder vorstellen. Wir haben jedoch bislang noch nicht geklärt, ob wir Kinder durch Leihmutterschaft oder durch Adoption bekommen wollen.“

Sebastian Müller: „Familie bedeutet für mich, Verantwortung füreinander zu übernehmen.“

"Familie ist der Rahmen für Gefühle"

Der Yogalehrer und medizinische Masseur Philip (34) und seine Freundin Charlie (26, Montessori-Pädagogin und Kinderpflegerin) mit Sohn Milo (19 Monate). Charlie sagt: „Wir sind eine Patchworkfamilie. Philip hat noch die Tochter Maya, 7, aus einer vorherigen Beziehung. Es ist total entspannt mit Maja, sie spielt oft mit unserem Sohn Milo. Familie ist für mich Geborgenheit und da, wo ich mich zu Hause fühle. Für mich hat sich alles verändert, seitdem ich Mutter bin. Es fühlt sich oft sehr schön an, aber zwischendrin habe ich Krisen. Ab Oktober gehe ich auf eine Clownschule und mache dort eine Ausbildung. Ich bin in München geboren, aber mein Papa kommt aus England.“

Philip: „Familie ist für mich der Rahmen, der alle Gefühle halten sollte. Wir sind sehr ehrlich miteinander und sprechen auch über Dinge, die schwierig sind. Es geht uns darum, authentisch zu sein.“

"Nicht ohne meinen Freund"

Hausmeister Peter Rosenhammer (53): „Ich bin seit 17 Jahren mit meinem Freund zusammen. Für mich wird es nicht mehr ohne ihn gehen. Wir haben hundertprozentig Vertrauen ineinander. Ich bin im Heim aufgewachsen und hatte nicht so emotionalen Kontakt zu meiner Familie. Meine Eltern leben nicht mehr. Mein engster Familienkreis sind mein Freund und die Schwiegereltern. Die sind mir näher, als meine eigenen Eltern es waren.“

"Liebe"

Piercer Merlin (33) und Tätowiererin Ulla (29): „Familie bedeutet für uns Zusammenhalt und Liebe. Man muss unserer Meinung nach nicht blutsverwandt sein, um eine Familie zu bilden.“

"Hin und wieder auch Zeit als Paar"

Manager Tom mit seiner Familie: „Familie ist für mich, eine tolle Zeit miteinander zu verbringen – und Verantwortung. Ich bin seit 16 Jahren mit meiner Frau verheiratet, seitdem spiele ich weniger Golf. Meine Frau will, dass ich öfter zu Hause bin und etwas mit der Familie unternehme. Das macht auch Sinn und viel Vergnügen. Man darf aber nicht vergessen, sich als Paar hin und wieder auch Zeit zu nehmen. Wir haben deshalb manchmal einen Babysitter für unsere Kinder, damit wir als Paar beispielsweise an einem Abend gut essen gehen können – auch mal ohne Kinder.“

"In der Tuntenfamilie"

Kate O‘Strophe und Prada Dontosa (beides Künstlernamen), Kate (l.): „Ich würde mir etwas mehr emotionale Nähe zu meiner Ursprungsfamilie wünschen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es die Tuntenfamilie gibt. Wir sind füreinander da und können uns alle aufeinander verlassen. Während des CSD wollen wir diese Familienform promoten. Ich bin männlich, aber ich bin gegen die klassische Rolle von Männlichkeit.“

Prada: „Als ich angefangen habe, mich aufzufummeln, hat mein Vater schon etwas skeptisch geschaut. Mit Homosexualität habe ich in meiner Familie keine Probleme. In meiner Familie fühle ich mich wohl und geborgen. Dennoch bin ich zusätzlich von der Tuntenfamilie getauft. Das ist eine Bereicherung für mich.“

Glück, Sorgen, Leid und Geld teilen

Meltem Abdeslem (39) mit ihrem Mann Naoufel Abdeslem (50, Installateur) mit den Kindern Jasmin (11), Kerim (23 Monate) und Rashid Ibrahim (sieben Monate). Meltem sagt: „Mit Familie verbinde ich: einander zuhören und das Teilen von Glück und von Sorgen, von Leid und Geld. Momentan sind mein Mann und ich arbeitslos. Familie hilft, nicht allein zu sein. Ich fühle mich zur Hälfte als Türkin und zur anderen Hälfte als Deutsche. In der Türkei sehen mich die Leute als eine Fremde, und in München ist es genau das Gleiche. Da, wo wir wohnen, ist unser Zuhause.“

Naoufel: „Familie ist für mich Zusammenhalten und füreinander da sein. Ich fühle mich mit der Kultur in Tunesien verbunden und mit der Bürokratie in Deutschland. Wir leben beim Partnachplatz in einer 30 Quadratmeter großen Wohnung – etwas klein für unsere Familie.“

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