Zum 40. Todestag Maria Callas: Jeder Ton auf Leben und Tod

Lässig intensive Partiturarbeit: Maria Callas mit der britischen Klassik-Produzenten-Legende Walter Legge. Foto: Warner

Vor 40 Jahren: Nach einem tragisch-märchenhaften Leben starb Maria Callas an gebrochenem Herzen. Sie war das Ausnahmetalent zum richtigen Zeitpunkt, um die "Jahrhundertstimme" zu werden.

Ein Sylvester-Auftritt mit der Anrufung der "Casta diva", der keuschen Göttin. Anschließend die große Feier im römischen Nachtclub Circolo degli Sacchi. Und am Neujahrsmorgen 1958 war sie plötzlich weg - diese "große, hässliche Stimme", die nicht samtig war, sondern einen metallenen Kern hatte, der von innen her leuchtete: die Koloraturen brillant, die Mittellage dunkel abgetönt, als singe sie in eine Flasche, und in der Tiefe unheimlich dramatisch.

Diese verstörende Jahrhundertstimme, die das bürgerliche Publikum mit flackernden Stromstößen aus dem biederen Kunst-Genuss riss, eine Stimme, in der sich die Dramen einer verletzten Seele abspielten, eine Leidensstimme voller Wildheit und Nacht: Diese Stimme war jetzt verloren!

Am folgenden Abend nimmt sie ihren berühmten Willen und ihre ganze Kraft zusammen. Aber im Publikum entsteht Unruhe. Nach dem ersten Akt bricht Maria Callas die "Norma" ab. Statt "Viva la Callas!" wird "Via, via, via la Callas!", "Hau ab, Callas!" gebrüllt. Zu dieser Zeit war ihr bereits etwas Außergewöhnliches gelungen: Sie hatte den elitären Zirkel der Opernfans und Klassik-Freaks aufgebrochen, war zum Superstar aufgestiegen, der völlig unabhängig von seiner Kunst ein Objekt hysterischer Verehrung und Beobachtung wurde.

Neun Jahre zuvor hatte sich die Callas neu erfunden. Am 26. Dezember 1952 stand sie noch 92 Kilo schwer als "La Gioconda" auf der Bühne, am 12. April 1954 wiegt sie als Elisabetta in "Don Carlo" noch 64 Kilo.

Klatschspalten kolportieren, sie hätte absichtlich einen Bandwurm verschluckt. Ehemann in dieser Zeit ist der fast 30 Jahre ältere Giovanni Battista Meneghini. In Künstlerkreisen gilt ihre väterlich-freundschaftliche Verbindung als "Die Firma". So überrascht es nicht, dass im Sommer 1959 Maria Callas ihren Gefühlen hilflos ausgesetzt ist, als sie ihre große - für sie am Ende tragische - Liebe trifft: Aristoteles Onassis, der sie für Jackie Kennedy verlässt.

Cecilia Sophia Anna Maria Kalogeropoulos wird Anfang Dezember 1923 in New York als Tochter griechischer Einwanderer geboren. Das genaue Datum ist unbekannt. Die Mutter aber kehrt nach der Scheidung mit Tochter Maria nach Griechenland zurück. Schon mit 14 Jahren gewinnt Maria den ersten Preis bei einem Studentenkonzert des Konservatoriums.

Im Dezember 1951 ist ihr Debüt an der Mailänder Scala, und sie wird schnell zum neuen Belcanto-Opernstar, weil sie den Wahnsinn als Geisteszustand, Liebe, Hass, Wut und Verzweiflung aufgrund von eigenen Gefühlsenttäuschungen verkörperte wie keine andere. Bei der Callas brannte jeder Ton, weil es bei ihr in jedem Takt um Leben und Tod zu gehen schien.

Belcanto verlangt vor allem die Beherrschung, Töne aus dem Pianissimo anzusetzen, sie zu entwickeln, durch Atemführung Sinn und Dramatik zu erzeugen und dann auch noch die Melodiebögen zu verzieren und mit Trillern, Vorschlägen und Vibrato inhaltlich unterstützend anzureichern. Das alles konnte die Callas unnachahmlich.

Maria Callas hat über ihre Technik am Beispiel der "Traviata" einmal offenbart: "Violettas Krankheit verlangt, dass sie etwas kürzer atmet und ihre Stimme leicht müde klingt. Ich habe sehr hart daran gearbeitet, dieses Stadium der Figur zu vermitteln. Alles hängt vom Atem ab. Man muss eine sehr offene Kehle haben, um dieses ,müde' Singen durchzuhalten. Es ist gefährlich, aber man muss es tun."

Nicht zuletzt auch dieser Mut und die unglaubliche Disziplin der Callas verschafften ihr die Größe, zur bedeutendsten Sängerin des 20. Jahrhunderts zu werden.

Denn die Callas war zwar ein Stimmwunder, aber erst das Zurücktreten der perfekten Technik hinter dem Gesang schafft den Eindruck vollkommener Natürlichkeit. Es mag Sängerinnen geben, die technisch ebenso perfekt sind, eine schönere Stimme haben, aber Maria Callas bleibt eine fulminante Ausnahmeerscheinung. Auch, weil sie das Glück hatte, dass mit ihrem Auftreten sich eine erstarrte Kunstform neu erfunden hat und beseelt wurde: der Belcanto von Rossini, Cherubini, Bellini, Donizetti und dem jungen Verdi.

Star war sie zu Lebzeiten, ein Mythos wurde sie nach ihrem frühen, unerwarteten Tod durch Herzversagen mit knapp 54 Jahren in Paris - am 16. September 1977: ein Tod, den es sonst nur in der Kunst gibt, der Tod aus gebrochenem Herzen, aus Einsamkeit.

Nur elf Jahre hat die Callas die Opernwelt beherrscht. Aber diese Jahre haben zu einer neuen Zeitrechnung geführt: a. C. und p. C. "vor und nach Callas". Ihrem Wunsch folgend wurde Maria Callas' Asche in der Ägäis verstreut.


Neu zum Todestag: "Maria Callas: The Live Recordings" (42 CDs, Warner)

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