Wohnen in Gemeinschaft Architekturausstellung: Zusammen ist man weniger allein

Genossenschaftliches Wohnen in der Münchner Messestadt: Die Häuser sind mit Brücken verbunden. Foto: Wohnbaugenossenschaft wagnis eG

Das Haus der Architektur zeigt die Ausstellung "Daheim - Bauen und Wohnen in Gemeinschaft".

Wohnen in Gemeinschaft wird immer beliebter. Warum? Weil bei den unbezahlbaren Grundstückspreisen in und um München und anderen Metropolen der Traum vom Eigenheim für die allermeisten eben nur Traum bleibt. Und die Selbstverwirklichung in den auch nicht gerade günstigen Mietwohnungen hält sich auch sehr in Grenzen. So suchen viele nach anderen Wegen, um selbstbestimmtes Wohnen zu verwirklichen und kommen auf die – uralte – Idee: zu teilen! Wenn man mit ähnlich denkenden, fühlenden Partnern, Familien, Freunden die Freiflächen, den Garten und bestimmte Räume gemeinsam nutzt, wird’s billiger, geselliger solidarischer und meistens angenehmer.

Schließlich lebt man dann ein bisschen wie in einer Großfamilie. Mit vielen Vor- und wenigen Nachteilen. Denn wie heißt es in einem Song? "Home is where the heart is". Dieser Trend zum Wohnen mit Herz – in Berlin bereits zu einem regelrechten Boom angeschwollen – inspirierte nun das Deutsche Architekturmuseum aus Frankfurt zu einer auf Tischen präsentierten Wanderausstellung, die 26 gebaute Projekte aus aller Welt vorstellt. 12 davon aus Deutschland. Und mit "Wagnis 3" auch eins aus Münchens Messestadt.

Zu sehen ist die kompakte Schau, die zu jedem Projekt Fotografien, Modelle, Zeichnungen und erklärende Texte versammelt, im Haus der Architektur in Neuhausen. Die Kuratorinnen Annette Becker und Laura Kienbaum interessierte vor allem, wie und warum immer mehr Menschen in Gemeinschaft bauen und leben wollen und wie sich dieses Phänomen in der Architektur widerspiegelt.

Freilich sind die Gründe vielschichtig, aber Stichworte wie "flexible Lebensentwürfe", "veränderte Familienstrukturen", "verstärkte Individualisierung" oder "demographischer Wandel" weisen daraufhin, dass gesellschaftliche Veränderungen eine große Rolle spielen. Natürlich kommt hinzu, dass der gewinnorientierte Massenwohnungsbau es nur noch selten möglich macht, das Wohnumfeld mitzubestimmen. Aber man möchte Nachbarschaften und Freundschaften nicht bloß virtuell pflegen, sondern Raum und soziale Verantwortung mit anderen teilen. Halt das Herz mit wohnen lassen.

Für den Erfolg der Projekte, so die Kuratorinnen, sei es allerdings wichtig, den Grad an Gemeinsamkeit exakt zu definieren. Wie etwa im Frankfurter Ostend. Dort bauten "Planbar Architekten" 10 Wohnungen zwischen gut 40 und gut 200 Quadratmetern für Singles, Paare, große und kleine Familien. Altersspanne: 6 bis 66 Jahre. Und einmal in der Woche kocht ein älteres Ehepaar Spaghetti für alle Kinder im Haus im Gemeinschaftsraum.

Ganz anders ein Künstlerhaus in Yokohama mit vier klitzekleinen Wohnungen von jeweils 20 Quadratmetern. Hier ist der großzügige offene Atelier- und Essküchenraum im Erdgeschoss nicht das luxuriöse Plus, sondern bei aller Wohnraumknappheit eben eine bitter notwendige Fläche, auf die alle angewiesen sind.

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PPAG Architekten wiederum stiegen mitten in Wien einem Gründerzeithaus sozusagen aufs Dach. Dort platzierten sie vier würfelig gestaltete Wohnungen, die Einfamilienhausqualität besitzen. Dazu kam eine gemeinsam zu nutzende Dachterrasse.

Aber selbst ursprünglich für ganz andere Funktionen vorgesehene Gebäude sind vor den Gemeinschaftsbauern nicht sicher. So verwandelten etwa in Hannover-Südstadt die Mosaik Architeken für eine Baugemeinschaft mit 16 Parteien eine alte Schule in ein Wohngebäude. Plus drei Büros und Jugendbibliothek. Mit viel Herzblut.

In Zürich bauten Adrian Streich Architekten ein Jugendheim zu 26 Wohnungen um. Besonderheit: eine siebenstöckige Gemeinschaftsterrasse und so genannte Clusterwohnungen: eine Mischform zwischen Wohngemeinschaft und Kleinwohnung.

Aber es geht auch konventionell: So wurde in Dießen etwa eine Kleinsiedlung mit sechs Doppelhäusern (Bembé Dellinger Architekten) neu gebaut. Das private Grundstück nahe dem Ammersee wollte der einstige Alleineigentümer auch in Zukunft noch gerne betreten können, ohne dass sich sein Herz verkrampft. Deshalb hat er Spekulation und Bauträger ausgeschlossen und stattdessen Mit-Bauherren gesucht. Eine Bedingung blieb: Das Erscheinungsbild sollte einheitlich bleiben. Mit Sichtbeton, Stahl, Glas und Fichtenholz wurde es auch ansehnlich.

Den kreativen Möglichkeiten, Gemeinschaft zu bauen, sind offensichtlich kaum Grenzen gesetzt. Dazu ist aber die Schau auf einfachen Tapeziertischen erst einmal recht streng konzipiert, was aber der Klarheit bei diesem bunten Thema sehr gut tut. Die Kuratorinnen machten sogar den Versuch der Vergleichbarkeit und recherchierten für jedes Projekt Antworten auf die vier gleichen, zentralen Fragen. So erfährt man, wie sich die Baugruppe fand und wie das Grundstück. Was das Projekt (pro Quadratmeter kostete) und wie lange alles dauerte. Das investierte Herzblut ließ sich freilich nicht messen.


Haus der Architektur, Waisenhausstraße 4 (U-Bahn Rotkreuzplatz): bis 24. März, Montag bis Donnerstag, 9 – 17 Uhr, Freitag, 9 – 15 Uhr, Eintritt frei, Katalog: Birkhäuser Verlag, 59 Euro

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