"Wir gehen jetzt zur Po-li-zei!" S-Bahn-Skandal: Rabiater Kontrolleur verängstigt junge Chinesin

, , aktualisiert am 25.05.2016 - 22:49 Uhr
Weil sie das Münchner Ticket-System und die Sprache nicht verstand, wurde einer Chinesin in der S-Bahn der Pass abgenommen. Foto: dpa

Stellen Sie sich vor, Sie kommen gerade in einem anderen Land an, in dem Ihnen Leute und Sprache fremd sind. Und nur wenige Minuten später steht plötzlich ein Mann vor Ihnen, der Ihnen den Pass wegnimmt und dann immer wieder auf Sie einredet, dass er Sie jetzt zur Polizei schleifen müsste. Genau dieses extrem beunruhigende Szenario musste eine junge Chinesin am Mittwochmittag in München durchleben. Und deshalb zieht über der S-Bahn nun ein gewaltiger Shitstorm auf.

München – Der Münchner Journalist Michael Praetorius war gerade mit der Flughafen-S-Bahn auf dem Rückweg von einem Geschäftstermin, als eine der üblichen Fahrschein-Kontrollen stattfand. Der Kontrolleur in Zivil baute sich dabei vor der Vierer-Sitzgruppe auf und fragte in schönster Mundart nach den Fahrkarten – ganz ohne sich selber auszuweisen.

Für Praetorius kein Problem, doch eine Frau aus China, die ihm gegenüber saß, war auf eine Tücke des Münchner Ticket-Systems hereingefallen: Sie hatte zwar einen gültigen Fahrschein vom Flughafen, auf dem sie eben erst gelandet war und wo sie erstmals deutschen Boden betreten hatte, bis in die Innenstadt. Aber sie hatte vergessen, das Ticket abzustempeln – und wurde so ungewollt zur Schwarzfahrerin.

Herzloser Kontrolleur in der Weltstadt mit Herz

Was folgte ist ein menschliches Drama, das mit einem bisschen guten Willen leicht zu verhindern gewesen wäre. Der Kontrolleur hätte einfach mal ein Auge zudrücken können und die Dame mit einer mündlichen Verwarnung davonkommen lassen – immerhin hatte sie ja nicht mutwillig gegen die Ticket-Regeln verstoßen, sondern regulär gezahlt. Tat er aber nicht. Oder er hätte einfach ihre Personalien aufnehmen und einen "Strafzettel" ausstellen können, dessen Betrag dann hinterher überwiesen wird. Tat er aber nicht.

Stattdessen ging er vor, wie die Axt im Walde. Weil die Kontrollierte kein deutsches Bargeld vorweisen konnte, um die 60 Euro "Fahrpreisnacherhebung" an Ort und Stelle zu bezahlen, verlangte er ihren Ausweis zur Erfassung der persönlichen Daten. Als die Frau ihm ihren chinesischen Pass und weitere Ausweisdokumente aushändigte, stellte der Kontrolleur plötzlich fest, dass die Chinesin eine Arbeitserlaubnis für Deutschland hatte. Und sofort stand für ihn fest: Diese Frau muss sich also auch mit unserem S-Bahn-System auskennen und ist dementsprechend vorsätzlich und bewusst schwarzgefahren!

Eine Frau fährt schwarz und der Kontrolleur sieht rot

Der Bahn-Mitarbeiter weigert sich, der jungen Frau den Pass zurückzugeben und bläut ihr stattdessen immer wieder ein, dass er jetzt mit ihr zur Polizei müsse. "Zur Po-li-zei!". Laut Michael Praetorius, der bei dem Zwischenfall vermitteln wollte und zwischen gebrochenem Englisch auf Seite der Chinesin und Bayerisch auf Seiten des Kontrolleurs dolmetschte, war die vermeintliche Schwarzfahrerin spätestens an diesem Punkt völlig panisch und verängstigt.

Unter Tränen bat sie immer wieder um ihren Pass, doch der Kontrolleur blieb hart: Man werde jetzt gemeinsam zum Ostbahnhof fahren, dort solle ihm die Frau bis zur Wache der Bundespolizei folgen und erst dann bekäme sie ihre persönlichen Dokumente zurück. Dass er damit eine hoheitliche Tätigkeit ausübte, die in Deutschland Polizisten und Behörden vorbehalten ist, schien ihn dabei nicht zu stören.

Praetorius entschied sich, der Dame eine andere Seite von München zu zeigen: Die freundliche und hilfsbereite. Er begleitete sie bis zur Polizeiwache und entdeckte dort schließlich eine Möglichkeit, den Konflikt ohne Gesetzeshüter zu beenden. Direkt neben der Türe befindet sich ein Geldautomat, an dem der Münchner spontan 60 Euro abhob und so auf eigene Kosten die Ausweisdokumente der jungen Frau auslöste.

"Ich schäme mich so sehr für diesen Kontrolleur"

Doch auch wenn die Angelegenheit für den Kontrolleur damit erledigt war, weigert sich Michael Praetorius, den Vorfall einfach so ad acta zu legen. Bereits aus der S-Bahn heraus versuchte er, per Twitter-Nachrichten an die Bahn, die Situation zu entschärfen. Doch über den Kurznachrichten-Dienst vermeldete der S-Bahn-Betreiber nur: "Das hört sich nicht gut an. Ich kann dazu jedoch nichts sagen und bei der Angelegenheit nicht behilflich sein. Tut mir leid."

Ein Statement, das Praetorius nicht unbedingt besänftigte. Im Gegenteil: Er wandte sich mit seiner Geschichte an die AZ und beschloss, seinen Unmut auch noch in Form eines Videos zu äußern. Darin schildert er den Vorfall noch einmal und verbrennt anschließend seine frisch gekaufte Isarcard – weil er mit so einer S-Bahn nicht mehr fahren will. "Ich schäme mich so sehr für diesen Kontrolleur", sagt Praetorius. Er fordert in seinem Video, dass sich die S-Bahn "öffentlich für so eine Kack-Scheiße entschuldigt".

Für ihn steht fest: "Wenn der Kontrolleur über seine Kompetenzen hinausgegangen ist, dann sollte er sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Und wenn dieser Kontrolleur vorschriftsmäßig, nach den Vorschriften der Bahn, gehandelt hat, dann fahr ich nicht mehr mit der Bahn."

Ein Video wird für die Bahn zum Albtraum

 Praetorius gut sechs Minuten lange Abrechnung mit der Bahn findet dabei keineswegs unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Der Medienmacher ist hervorragend vernetzt, hat tausende Follower auf Twitter und Facebook. Und so wurde das Video bereits innerhalb der ersten drei Stunden nach der Veröffentlichung bereits mehr als 25.000 Mal angesehen und über 500 Mal geteilt.

Die Deutsche Bahn erlebt in den Kommentaren unter dem Facebook-Video und auf Twitter einen gewaltigen Shitstorm, der von Minute zu Minute an Intensität zuzunehmen scheint. Ein Abebben der kollektiven Empörungswelle scheint dabei nicht absehbar. Denn wie die AZ von der Bahn erfuhr, wird man sich dort erst nach dem Feiertag mit dem Vorfall beschäftigen können.

Wenn man dann mit dem Kontrolleur über den Vorfall spricht, wird man ihn wohl auch fragen, ob er sich denn bei der Chinesin erkundigt habe, warum sie über eine Arbeitserlaubnis für Deutschland verfügt. Hat er leider nicht. Sonst hätte er wohl sofort kapiert, weshalb es sich bei der Dame wohl kaum um eine notorische Schwarzfahrerin handelte: Die junge Frau ist als Au Pair nach Deutschland gekommen und hat am Donnerstag ihren ersten Tag.

Hoffentlich wird sie von ihrer Gastfamilie freundlicher empfangen, als von der Deutschen Bahn.

 

JETZT LESEN

Auch interessant

149 Kommentare