Führte Selbstgespräche auf Englisch Schießerei in Unterföhring: Täter ist jetzt in Psychiatrie

, aktualisiert am 21.06.2017 - 07:02 Uhr
Der S-Bahnhof Unterföhring: Hier kam es zu der Schießerei. Foto: dpa

Einen Tag nach der Schießerei in Unterföhring hat die Polizei weitere Details zum Täter bekannt gegeben. Der Gesundheitszustand der Polizistin ist weiter lebensbedrohlich.

München - Ein sichtlich berührter Polizeipräsident gab am Mittwoch weitere Einzelheiten zur Schießerei in Unterföhring bekannt. Zum Gesundheitszustand der schwer verletzten Polizistin sagt Hubertus Andrä, sie sei nicht ansprechbar und schwebe weiter in Lebensgefahr. Ihre Eltern werden derzeit in München betreut.

Der Täter wurde am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt. Gegen ihn war zunächst Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragt worden. Seit dem Nachmittag ist er in der Psychiatrie untergebracht. Ein solcher Unterbringungsbefehl wird allgemein in Fällen erlassen, wenn Menschen gefährdet sind, sich selbst oder anderen etwas anzutun.

Die Chronologie des Tathergangs:

  • Der 37 Jahre alte Täter, Alexander B., lebte offenbar in den USA bei seinem Vater, das sagte dieser der Polizei bei dessen telefonischer Befragung. Außerdem berichtete der Vater, dass sein Sohn auf Europareise gewesen sei. Er hätte dafür einige Kontakte in Deutschland gehabt. Am Abend vor der Tat landete B. um 21 Uhr am Münchner Flughafen mit einer Maschine aus Athen. Die Nacht verbrachte er wohl am Flughafen.
     
  • Am Tag der Tat, am Dienstagmorgen, steigt Alexander B. um 8:03 Uhr in die S8 Richtung Innenstadt. Sein Gepäck hat er in einem Rucksack dabei. Ein Messer, wie gestern zunächst von Augenzeugen vermutet, trägt er nicht bei sich. In Ismaning steigt ein 38 Jahre alter Mann zu, der sich mehrere Meter entfernt von B. auf einen freien Platz setzt. B. und der Mann kennen sich nicht, sind sich nie zuvor begegnet. Dann, plötzlich und völlig unvermittelt, steht B. auf, geht auf den Mann zu, holt aus und schlägt ihm mehrfach mit der Faust ins Gesicht. Umliegende Reisende greifen ein, ziehen B. von seinem Opfer weg, wählen den Notruf. Am S-Bahnhof Unterföhring werden B. und der Verletzte bereits von zwei Polizisten erwartet, sie steigen aus, freiwillig. Das Opfer hat eine blutende Wunde im Gesicht, Sanitäter versorgen den 38-Jährigen.
     
  • Die beiden Polizisten am Bahnsteig beginnen mit der Bearbeitung des Falls, stellen Fragen. Der 30 Jahre alte Hauptmeister hält Stift und Schreibblock in der Hand, in den ersten Minuten verläuft die Befragung von B. völlig normal und ruhig. Dann passiert es: Eine S-Bahn in Richtung Flughafen fährt ein. Mit "voller Wucht und extremer Gewalt", wie Polizeipräsident Andrä sagt,  greift B. den Polizisten an. Es fehlte nicht viel, dass ihn die einfahrende Bahn erfasst hätte. Ob genau das die Absicht des Täters war, ist noch unklar.
     
  • B. hat den 30 Jahre alten Polizisten durch seinen massiven Angriff zu Boden gestoßen. Es kommt zu einem "heftigen Kampf" am Boden zwischen den beiden, so Andrä. Die 26 Jahre alte Polizistin stürzt zu ihrem Kollegen, versucht, ihm zu helfen. Dann nimmt das Drama seinen Lauf: B. schafft es, dem Polizisten die Waffe zu entreißen. Ob diese noch im Holster steckte oder schon vom Polizisten gezogen war, ist aus den bislang zugänglichen Handy- sowie Überwachungsvideoaufnahmen nicht ersichtlich.
     
  • B. hat die Pistole in der Hand - und schießt. Er zielt auf beide Polizisten. Der Hauptmeister hat Glück, B. trifft ihn nicht - dafür aber die 26 Jahre alte Polizistin. Die Kugel erwischt sie direkt am Kopf. Der Täter läuft weg, dabei wirft er die Waffe ins Gleis. Die Polizistin blutet stark, sie ist lebensgefährlich verletzt. Dann bricht die junge Frau zusammen. Auch der Täter ist schwer verletzt. Eine Kugel aus der Waffe der Polizistin hat ihn im Gesäß getroffen. Wann genau sie diese abgefeuert hat, oder ob sich diese kurz nach dem Kopfschuss noch gelöst hat, wird derzeit ermittelt.
     
  • Wie die Polizei berichtet, hat Alexander B. das gesamte Magazin (acht Schuss) verschossen. Zwei weitere Männer, Passanten, wurden ebenfalls durch Kugeln verletzt. Der Täter ist schwer verwundet. Er flüchtet in Richtung Südbahnhof, doch weit kommt er nicht. An der Pforte des nahegelegenen Allianz-Geländes nehmen ihn Beamte der Bundespolizei fest.
     
  • Die kurz zuvor eingefahrene S-Bahn steht während des gesamten Schusswechsels am Bahnsteig. Die Türen sind geschlossen, die Reisenden darin. Panik macht sich breit. "Wir lagen alle flach auf dem Boden, hielten uns an den Händen fest", berichtet eine Augenzeugin der AZ. Niemand habe gewusst, was draußen passiert, ob der Täter möglicherweise die S-Bahn stürmt. Nur die Schüsse waren zu hören.

Täter soll auch in den USA polizeibekannt sein

Die Polizei hat den Vater des Täters ausfindig gemacht, er lebt in den USA. "Bei der telefonischen Befragung des Vaters haben sich wichtige, neue Ermittlungsansätze ergeben", sagt Polizeipräsident Andrä. So soll B. in den USA schon wegen einiger Delikte straffrechtlich in Erscheinung getreten sein. Genaueres muss die Polizei noch ermitteln, sie stehe derzeit in Kontakt mit den US-Behörden.

Vor der Tat führte er Selbstgespräche - auf Englisch

Zeugenaussagen zufolge hat sich B. schon vor der Tat psychisch auffällig verhalten, so Andrä. Der Täter hat demnach Selbstgespräche auf Englisch geführt. B. wird am Mittwoch dem Haftrichter vorgeführt. Auch ein psychologisches Gutachten wird jetzt erstellt. Bislang schweigt B. Er hat weder zur Tat noch zu sich selbst Angaben gemacht. Den genauen Ablauf, wann, wo von wem welche Schüsse abgegeben wurden, ermittelt die Polizei derzeit. Rund 200 Zeugen werden vernommen.

Bei den Ermittlungen hat die Polizei am Bahnhof auch eine 3-D-Kamera des Landeskriminalamts eingesetzt. Diese erstellte ein 3-D-Modell des Tatorts, um den Hergang detaillierter nachvollziehen zu können.

Darüber hinaus hat die Polizei ein Medien-Upload-Portal eingerichtet, über das Zeugen Handyfotos und -videos an die Ermittler schicken können. Gleichzeitig appelliert Polizeipräsident Andrä an alle Zeugen, solche Videos und Bílder keinesfalls allgemein zugänglich im Internet zu veröffentlichen oder zu versenden.

Behauptung über dunkelhäutigen Täter ist unwahr

Ein seit Dienstag kursierendes Gerücht, dass ein dunkelhäutiger Täter überwältigt und abgeführt worden sei, sei unwahr, sagt Polizeipräsident Andrä. Dies konnte durch Videos vom Tatort eindeutig widerlegt werden.

Des Weiteren gebe es keinerlei Anhaltspunkte, dass es sich bei der Tat um einen Amoklauf handeln könnte. "Dafür wäre eine gewisse Vorbereitung nötig. Das scheint hier nicht der Fall zu sein", so Andrä. "Aber was wir uns natürlich alle fragen, ist: Warum tickt der plötzlich so aus, in einer Situation, die ganz normal und ruhig begonnen hat?"

Auch in der Polizeiinspektion in Ismaning, der die schwerstverletzte Polizistin angehört, herrscht Fassungslosigkeit. Der Polizeipräsident war am Dienstag vor Ort. "Die Kollegen erfahren von uns jegliche Unterstützung", sagt er. Um die diensthabenden Polizisten zu entlasten, sind derzeit auch Beamte aus anderen Inspektionen in Ismaning eingesetzt. Zudem betreut der zentrale psychologische Dienst die Polizisten.

"Schweigend, mit hängenden Köpfen, einfach völlig von der Rolle laufen die Polizisten durch die Inspektion"

Auch die evangelische und die katholische Polizeiseelsorge sind im Einsatz, darunter Monsignore Andreas Simbeck. Er war direkt nach der Tat in der Polizeistation. Die Kollegen gingen alle sehr unterschiedlich mit der Situation um, berichtet er mitfühlend. "Schweigend, mit hängenden Köpfen, wie aufgescheuchte Hühner, einfach völlig von der Rolle liefen die Polizisten durch die Inspektion."

Auch der Monsignore wirkt betroffen, während er erzählt. Mit einem Beispiel versucht er zu verdeutlichen, was die Tat für die Inspektion bedeutet: "Stellen Sie sich die Situation vor: Möglicherweise saß die Polizistin kurz vor dem Einsatz noch bei einer Tasse Kaffee im Sozialraum. Sie springt auf, fährt los - und und dann kommt die Kollegin nicht wieder zurück." Einige der Polizisten haben nun die Möglichkeit einer Auszeit in Anspruch genommen. Dies wird grundsätzlich nach solchen Vorfällen angeboten.

Auch der 30 Jahre alte Hauptmeister, der von dem Täter beinahe vor die S-Bahn gestoßen wäre und auf den - erfolglos - geschossen wurde, war am Tattag noch in der Inspektion. "Es ist für alle Beteiligten wichtig, über die Situation zu sprechen", sagt Monsignore Simbeck. Auch der Hauptmeister wird psychologisch betreut.

Tag der offenen Tür abgesagt

Am 17. Juni wollte sich die Polizei ursprünglich mit einem Tag der offenen Tür der Offentlichkeit präsentieren. Die Veranstaltung ist nun aufgrund der Ereignisse abgesagt worden. "Das passt momentan nicht zu unserer Gefühlslage", so Polizeipräsident Andrä.

Lesen Sie hier: Unterföhring - Mann schießt am S-Bahnhof um sich

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