Wer wahrt den Ursprung? Leitfigur gesucht: Bayerischer Identitätsverlust

Schwindende Identitätsstifter: Philipp Lahm (l.) geht, Bastian Schweinsteiger (r.) ist weg. Bleibt nur Thomas Müller. Foto: R’steiner, sampics/bd. Augenklick

Philipp Lahm macht im Sommer Schluss, Bastian Schweinsteiger ist schon länger weg – und eine Frage drängt sich auf: Wer wahrt den Ursprung des Klubs?

München - Aus den Worten von Jupp Heynckes war neben all dem Lob auch Sorge herauszulesen. Nicht etwa um Philipp Lahm, dessen Rücktrittsankündigung Heynckes in der Rheinischen Post als "konsequent" bezeichnete und von einer "klugen Entscheidung" sprach.

Heynckes’ Sorge war auf seinen Ex-Klub bezogen. "Der FC Bayern verliert nach Bastian Schweinsteiger die nächste Identifikationsfigur", sagte der Triple-Trainer von 2013 – und drückte damit eines der großen Probleme aus, die der Abschied von Lahm mit sich bringt.

Hummels, Neuer und Alaba nur bedingt als Identitätsstifter geeignet

Wer wahrt in Zukunft den Ursprung des Klubs, die bayerische Identität? Diese Frage muss sich der FC Bayern nun dringender denn je stellen. Ab dem Sommer wird Thomas Müller, gebürtig aus Weilheim, der einzig verbliebene Spieler im Kader sein, der als echter Vertreter dieser verschwindenden Spezies durchgeht: Der designierte neue Kapitän Manuel Neuer, den Aufsichtsratsmitglied Edmund Stoiber im AZ-Interview als "gelernten Bayer" bezeichnete, Mats Hummels, acht Jahre im Dortmunder Exil, sowie David Alaba, der zwar seit 2010 im Klub ist, aber keine Führungsrolle einnimmt, gehen nur bedingt als Identitätsstifter durch. Eine Entwicklung, die nicht nur Bayern-Fans beschäftigt, sondern auch Spieler.

"Ich glaube, es ist wichtig für den Verein, seine Identität und die Fans, dass ein harter Kern an deutschen und an einheimischen Spielern da ist, so dass die Identität des Klubs nicht verloren geht." Das sagte Thomas Müller, als Bastian Schweinsteiger im Sommer 2015 gerade zu Manchester United gewechselt war: "Da müssen wir schauen, dass das passt." Jetzt droht noch mehr bayerischer Identitätsverlust.

Rosenheim statt Rio

Aktuell passt es nicht mehr – um es in Müllers Worten auszudrücken. Im Winter wurde auch noch Holger Badstuber an Schalke verliehen. Ob er zurückkehrt, ist offen. Aus der Jugend drängen sich keine Talente auf. Künftig sollten neue Spieler für die Bayern wieder "eher aus Rosenheim als aus Rio" kommen, kündigte Karl-Heinz Rummenigge an. Das klang gut. Realistisch betrachtet, wird es angesichts der Ansammlung von Weltklassespielern in Carlo Ancelottis Team aber immer schwerer für junge Spieler, den Weg nach oben zu schaffen.

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Probieren wollen es die Bayern-Bosse trotzdem – mit dem neuen Nachwuchsleistungszentrum, das in diesem Jahr eröffnet wird. "Wenn man so ein tolles Ding hat, muss man demnächst alle drei Jahre einen Spieler für die erste Mannschaft rauskriegen", forderte Präsident Uli Hoeneß bei BFV.TV. Ein ehrgeiziges Ziel.

Tür bleibt auf

Bayerische Identität ist indes nicht nur auf dem Platz gefragt. Mit Uli Hoeneß ist der wichtigste Träger der Bayern-DNA an die Spitze des Vereins zurückgekehrt. Doch Hoeneß ist 65 Jahre alt, er wird in nicht allzu ferner Zukunft seine Nachfolge regeln wollen. Gleiches gilt für Rummenigge (61), der noch nicht entschieden hat, ob er nach Ende seines Vertrags 2019 weiter als Vorstandsboss zur Verfügung steht. "Es wäre toll, wenn wir nach den drei überragenden Spielern – Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge – wieder eine Generation großer Spieler in die Führungsebene integrieren könnten", hatte Edmund Stoiber der AZ zuletzt gesagt.

In der Vergangenheit ist das bei Spielern wie Lothar Matthäus, Stefan Effenberg oder Oliver Kahn nicht gelungen. Und auch Lahm hat sich (vorerst) gegen einen Job bei den Bayern entschieden. Hoeneß und Rummenigge halten ihm dennoch jede Tür offen. Sie wissen, dass Heynckes’ Sorge berechtigt ist.

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