MÜNCHEN Ein Siegertreppchen. Auf Platz drei der Mercedes-Stern, auf Platz zwei die Audi-Ringe, und als Sieger auf dem Podest das BMW-Emblem. Auf seiner Website verkündet der ADAC heute noch launig das Ergebnis seines letzten Automarken-Vergleichs. Eine Entscheidungshilfe für den Käufer? Möglicherweise nicht. Der ADAC hat offensichtlich auch bei der Bewertung aktueller Automodelle geschummelt – nicht nur, was die Beteiligung an der Publikumswahl angeht.

Die „SZ“ berichtet, bei der Abstimmung 2014 sei ein 5er BMW zunächst nicht unter den ersten Fünf gelandet, sondern nur auf dem siebten Platz. Trotzdem habe ihn der Club als Fünften präsentiert. Der eigentlich Fünftplatzierte – der VW Tiguan – sei unter den Tisch gefallen. Dieser Betrug werde aus internen Unterlagen des Vereins ersichtlich.

Auch der Gelsenkirchener Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer berichtet von Merkwürdigkeiten rund um den „Gelben Engel“. So sei 2013 die neue Mercedes A-Klasse als Lieblingsauto der Deutschen ausgezeichnet worden. Dabei habe sie es im Jahr 2012 nur auf 32161 Neuwagenzulassungen in Deutschland gebracht. Damit sei sie nur auf Platz 25 der Zulassungsstatistik gestanden. Viele Autofahrer, sagt Dudenhöffer, hätten die neuen Modelle noch gar nicht gekannt.

Merkwürdig auch die Auszeichnung des Audi Q3 im Jahr 2012 als  Lieblingsauto der Deutschen. Im – für die Auszeichnung maßgeblichen – Jahr 2011 sei das Auto auf Platz 169 der amtlichen Zulassungsstatistik gelandet. Bei der Leserwahl von „Auto Motor Sport“ habe es der Q3 nicht unter die ersten zehn geschafft, gibt Dudenhöffer zu bedenken.

Ungereimtheiten gab es außerdem bei der Auszeichnung 2007 (hier machte der Audi TT das Rennen). Zu denken gäben generell die Angaben über die Zahl der Teilnehmer an den ADAC-Wettbewerben: Mal über 350000, mal 220000, mal 300000 – „untypisch für Wettbewerbe, die periodisch mit gleichem Profil veranstaltet werden“, urteilt Dudenhöffer.

Dass geschummelt wurde, scheint offensichtlich – die Frage ist: Wozu? Trudelten am Ende Schecks beim ADAC ein – mal vom Petuelring, mal aus Wolfsburg, mal aus Stuttgart – damit das Ranking im Sinn des jeweiligen Geldgebers ausfiel?

Die Autokonzerne als heimliche Sponsoren des ADAC – diese Lesart ist den Herstellern höchst unangenehm (siehe Bericht unten). Wahrscheinlicher ist: Der Schmu war Teil des eigenartigen Marketing-Konzepts unter dem früheren Kommunikationschef Michael Ramstetter, mit Wissen des Präsidiums.

Der großspurige Öffentlichkeitsarbeiter habe alles getan, um dem ADAC Prominenz zu verleihen, heißt es in Branchenkreisen. Sein Problem: Kein Top-Manager der Autobranche habe gerne zu den Preisverleihungen kommen wollen – ein für sie langweiliger Termin, der sich über Stunden hinwegzog und wertvolle Arbeitszeit stahl. Hersteller, die keinen Preis zu erwarten hatten, hätten keinen Vertreter geschickt. Erst recht habe dies für ausländische Hersteller gegolten, deren Bosse eigens ins Flugzeug hätten steigen müssen, um dem ADAC-Präsidenten medienwirksam die Hand zu schütteln.

Was hätte aber ein Event ohne die Vorstandschefs von Daimler, Volkswagen oder BMW hergemacht? Deshalb habe Ramstetter deutsche Autos auf die vorderen Plätze gehievt – immer mal wieder ein anderes, um Abwechslung bei den Preisträgern zu garantieren.

Dazu kamen womöglich handfeste wirtschaftliche Interessen. Dudenhöffer berichtet von einer denkwürdigen Kooperation des ADAC mit der Fachhochschule Gelsenkirchen vor einigen Jahren. Mitarbeiter der Fachhochschule sammelten für den ADAC eine Fülle von Daten über die Autos auf deutschen Straßen – unter anderem über die Pannenhäufigkeit. Ein bestimmtes Modell sei dabei durch seine Pannenanfälligkeit im Zusammenhang mit defekten Batterien aufgefallen.

Ausgerechnet dieser Hersteller habe seinen Mobilitäts-Service aber vom ADAC abwickeln lassen – ein lukratives Geschäft für den Club. Der Pkw-Konzern und der Club hätten auf die Fachhochschule deswegen massiven Druck ausgeübt, um zu erreichen, dass die Pannenstatistik im Sinn des Autokonzerns frisiert wurde.

Dubiose Auszeichnungen, grobe Fouls bei der Beurteilung von Automarken – war dies alles das alleinige Werk eines egozentrischen Pressechefs? Wohl kaum, glaubt Dudenhöffer. „Präsident und Geschäftsführer hätten diese starken Unregelmäßigkeiten schon seit einigen Jahren auffallen müssen“, sagt der Professor. Entweder sie seien ahnungslos – „oder sie wollen „ahnungslos sein.“ S. Stephan

Autohersteller wollen notfalls ihre Preise zurückgeben

 

In der nächsten Woche will der ADAC das Ergebnis der aktuell laufenden internen Untersuchung einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft vorlegen. Bis dahin will der Club die Betrugs-Vorwürfe weder bestätigen noch dementieren.

Währenddessen machen sich die Autohersteller schon darauf gefasst, dass sich der Verdacht von Manipulationen bewahrheitet. Sollte es Manipulationen auch bei der Rangfolge des ADAC-Preises gegeben haben, dann wären die Preise nach den Worten von BMW-Sprecher Kai Lichte „für uns wertlos und wir würden sie zurückgeben“. Ähnliche Überlegungen gibt es bei Daimler und VW. „Wenn sich die Vorwürfe der Manipulation durch die Untersuchungen bestätigen, werden wir alle "Gelben Engel" definitiv zurückgeben“, kündigte eine Sprecherin von Daimler an. Und ein VW-Sprecher sagte der „Bild“-Zeitung: „Wenn das stimmt, schicken wir dem ADAC eine ganze Wagenladung Preise zurück! Die sind jetzt schon angekratzt, dann sind sie ganz wertlos.“

Der ADAC beschloss unterdessen einen Zehn-Punkte-Plan zum angekündigten Reformkurs. So werde – ähnlich wie bei Korruptions-geplagten Unternehmen – die Funktion eines Chief Compliance Officers geschaffen. Dieser solle auf die Einhaltung von Verhaltensrichtlinien achten und Verstöße aufdecken. Zudem will der ADAC eine externe Website freischalten, auf der Mitglieder – auch anonym – auf Missstände hinweisen könnten. Der ADAC brauche eine Zäsur, sagte sein Präsident Peter Meyer.

Die Rechtsanwaltskanzlei Freshfields soll zudem sämtliche Compliance-Regelungen des ADAC überprüfen und ein erweitertes Compliance-System entwickeln. Deren Spezialisten sollen sich mit der ADAC-Zentrale in München, aber auch mit den 18 Regionalclubs befassen. Nach dem 10-Punkte-Plan gibt es ab sofort für Pannenhelfer des ADAC keinen Bonus mehr für den Verkauf von Auto-Batterien. Damit reagiert der Autoclub auf Vorwürfe, als Folge der Bonuszahlungen würden liegengebliebenen Autofahrern oftmals ohne Not neue Autobatterien aufgeschwatzt.