Bayerns Tierauffangstationen platzen in den Ferien aus allen Nähten.Es gibt  Wartelisten für einen Platz im Tierheim. Die Situation ist besonders bei Katzen schlimm.

München - In einem Waldstück nahe München blitzt unter einer bleiern wirkenden Plastikplane eine Reisetasche hervor. Wimmernd krümmt sich darin ein kleines braunes Fellknäuel: Der ausgesetzte Hund kann kaum atmen, weil ihm eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt wurde. Nur durch Zufall wird er von Spaziergängern gefunden. Indessen sind seine einstigen Herrchen auf dem Weg in den Familienurlaub. Grausame Fälle wie dieser seien in der Ferienzeit keine Seltenheit in Bayern, sagt die Sprecherin des Münchner Tierheims in Riem, Judith Brettmeister. Im Gegenteil, im Sommer werde es eng in dem Tierheim.

Anzeige

Sobald sich die Tür öffnet, schallt Hundegebell über die Anlage. Dutzende Pfoten tapsen aufgeregt durch die Zwinger und große Kulleraugen blicken durch die Gitterstäbe. Überall scheint es zu miauen. „Bei den Katzen haben wir keine Kapazitäten mehr frei und wenn bei den Hunden einer geht, kommt der nächste nach“, erzählt Brettmeister. In den Ferien verzeichne das Tierheim einen durchschnittlichen Zuwachs von 30 Prozent. Und eine Entspannung sei so schnell nicht in Sicht, schätzt die Sprecherin. Mittlerweile müssten sich Tierhalter anstellen, um sich ihrer lästig gewordenen Lieblinge zu entledigen.

Zahl ausgesetzter Katzen steigt jährlich um 20 Prozent

Die Münchner SPD-Stadtratsfraktion titelt schon „Statt Rimini heißt es für Bello und Minka – Endstation Riem“. Derzeit warteten allein in der Landeshauptstadt Hunderte Katzen und Hunde auf ein neues Zuhause, heißt es in einem Schreiben der Partei. Daher möchte die SPD das Tierheim nun beim Bau einer neuen Katzenanlage unterstützen.

Ein zusätzliches Katzenhaus könnte auch das Tierheim in Nürnberg gut gebrauchen. „Wir haben jedes Zimmer, das uns zur Verfügung steht, mit Katzen voll“, sagt Leiterin Heike Weber. Gewöhnlich gebe es Platz für 130 Katzen. Diesen Sommer müssten mehr als doppelt so viele untergebracht werden. Ganz überraschend käme das zwar nicht, die Zahl der ausgesetzten Katzen sei in der Vergangenheit nämlich jährlich um bis zu 20 Prozent gestiegen. „Doch die Zahl ausgesetzter Katzen sprengt dieses Jahr alle Dimensionen“, betont Weber.

Daher werde auch in Nürnberg eine Warteliste für Abgabetiere geführt. „Die sinkenden Vermittlungszahlen im Sommer im Vergleich zu den Tieren, die reinkommen, führen zu der katastrophalen Situation, die wir jetzt haben“, erläutert die Tierheimleiterin. Sie fordert verantwortungsvolle Halter auf, ihre Katzen chippen zu lassen. Nur so könnten ausgebüxte Tiere ihren Besitzern zugeordnet werden.

 „Sie werfen Tiere weg wie Müll“

Von den rund 80 Tierheimen im Freistaat seien die städtischen stets stärker von dem sommerlichen Tieransturm betroffen als die ländlichen, erklärt die Landesverbandspräsidentin des Deutschen Tierschutzbundes in Bayern, Nicole Brühl. „Es trifft wirklich die städtischen Tierheime, gerade die in Flughafenbereichen.“ Insgesamt zeigten die Rückmeldungen an den Tierschutzbund deutlich, „dass die Zahl der ausgesetzten Tiere bayernweit zunimmt“, versichert Brühl.

Nach Schätzungen des Dachverbands müssen Tierheime in der Ferienzeit bundesweit rund 70.000 Tiere aufnehmen. Jährlich sind es fast 300.000. „Es ist traurig, wie einige Menschen mit unseren Mitgeschöpfen umgehen. Sie werfen Tiere weg wie Müll“, beklagt die Sprecherin des Deutschen Tierschutzbundes, Caterina Mülhausen. Ein solches Verhalten sei grausam und müsse konsequent bestraft werden, fordert sie. Das Aussetzen von Tieren sei kein Kavaliersdelikt. Dafür könnten Strafen von bis zu 25.000 Euro verhängt werden.

Dabei müsste kein einziges Tier ausgesetzt werden, betont Mühlhausen. Es gebe unzählige Unterbringungsmöglichkeiten – von organisierten Gruppen, in denen Tierfreunde ihre Schützlinge gegenseitig betreuten, über Angebote der Tierheime bis hin zu speziellen Ferienunterkünften für Haustiere. Auch Menschen, die kein Tier besitzen, könnten vorübergehend eines betreuen – und zugleich erproben, ob sie sich wirklich ein Tier anschaffen möchten.