Vorwurf von Anne-Sophie Mutter Konzertsaal-Debatte: Beging Seehofer Wortbruch?

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Foto: dpa

Die Weltklasse-Geigerin Anne-Sophie Mutter hat Ministerpräsident Horst Seehofer in der Frage eines neuen Konzertsaales für München Wortbruch vorgeworfen.

Die Weltklasse-Geigerin Anne-Sophie Mutter hat Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in der Frage eines neuen Konzertsaales für München Wortbruch vorgeworfen. «Ein Umbau ist kein neuer Konzertsaal», sagte die 51-Jährige im Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Zweifellos ist Seehofer wortbrüchig geworden.» Auch Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU) habe ihr im persönlichen Gespräch zugesagt, dass eine Entscheidung für einen weiteren Konzertsaal fallen wird. Die in München lebende Musikerin nannte die Festlegung, auf den Bau eines dritten Konzertsaales neben Philharmonie und Herkulessaal zu verzichten, eine «katastrophale Fehlentscheidung».

DPA: Was sagen Sie dazu, die Philharmonie im Gasteig zu entkernen und anstelle des bestehenden einen neuen Konzertsaal zu bauen?

Mutter: Das ist die schlechteste aller denkbaren Alternativen - von Lösung will ich schon gar nicht sprechen: eine katastrophale Fehlentscheidung.

Bei einem Umbau der Philharmonie gäbe es in München für einige Jahre überhaupt keinen großen Konzertsaal mehr. Besteht die Gefahr, dass berühmte Orchester und Solisten deshalb dauerhaft einen Bogen um die Stadt machen?

M: Im Jahr 2020, wenn nach Seehofers Plan mit der Entkernung des Gasteig begonnen werden soll, wird weltweit der 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens gefeiert. München wird also nicht Teil dieses Festes sein können. Erst 50 Jahre danach wird es erneut die Chance zu einer vergleichbaren Repertoire-Wiederentdeckung geben. Aber nicht nur wegen des Beethoven-Jubiläums brauchen wir einen zusätzlichen Konzertsaal in München. Denn es ist - entgegen den von Seehofer zitierten Zahlen - eine steigende Konzertnachfrage zu beobachten, die auch für die Zukunft tragen wird. Und neben der Klassik gibt es auch noch weitere lebenswichtige Musikformen, denen das Wasser abgegraben wird, wie beispielsweise dem Jazz. Die Konsequenzen liegen auf der Hand: eine Beschneidung des Repertoires sowie der Anzahl der Künstler und Orchester, die in München auftreten können. Wenn so wenig Auftrittsmöglichkeiten übrig bleiben, werden die Veranstalter noch stärker auf bereits bekannte Namen setzen, für junge Musiker ist in München dann gar kein Platz mehr.

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Sehen Sie noch eine Chance, dass die Entscheidung revidiert wird?

M: Ja natürlich, denn ich bin der Überzeugung, dass der Ministerpräsident den breiten Unmut über sein Konzept unterschätzt hat. Seine Begründung, es würden sich zukünftig weniger Menschen für die klassische Musik interessieren, geht nicht nur an den Tatsachen vorbei, sie ist auch ein Schlag ins Gesicht aller Kulturinteressierten. Eigentlich müssten alle Musiker und Musikfans, die Seehofer als Ministerpräsident ausgezeichnet hat, ihre Orden zurückgeben. Ein Glück nur: Politiker seines Schlages kommen und gehen, die Musik aber bleibt.

Ist Seehofer in Ihren Augen wortbrüchig geworden?

M: Zweifellos ist Seehofer wortbrüchig geworden, denn ein Umbau ist kein neuer Konzertsaal. Aber nicht nur Seehofer: Mir hat Kultusminister Spaenle im persönlichen Gespräch zugesagt, dass eine Entscheidung für einen neuen, einen weiteren Konzertsaal fallen wird.

Werden Sie sich trotz der nun getroffenen Festlegung weiterhin für einen neuen Konzertsaal einsetzen oder geben Sie die Hoffnung auf?

M: Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es geht jetzt darum, die Konsequenzen dieser Fehlentscheidung einer breiten Öffentlichkeit deutlich zu machen. Und dafür kämpfe ich.

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Sie sind seit langem in München daheim, wenn Sie nicht gerade in New York, Tokio oder einer anderen Musikmetropole der Welt gastieren. Schmerzt es Sie, dass ausgerechnet Ihre Heimatstadt sich mit einem neuen Konzertsaal von internationaler Güte so schwertut?

M: Ich schäme mich zutiefst und bin seit langem in einer endlosen Erklärungsnot. Ich schäme mich auch für die Respektlosigkeit dem treuen Publikum und den zahlreich nachwachsenden jungen Konzertbesuchern gegenüber, denn ihre Interessen werden schlichtweg ignoriert.

ZUR PERSON: Anne-Sophie Mutter gehört zu den weltbesten Geigerinnen. Sie begann ihre internationale Karriere 1976 bei den Festwochen Luzern. Im Jahr darauf gab sie unter Leitung Herbert von Karajans ihr Salzburg-Debüt. Seitdem gastiert sie weltweit in allen bedeutenden Musikzentren. Die Mutter zweier erwachsener Kinder engagiert sich für zeitgenössische Musik und nutzt ihre Popularität für Benefizprojekte und die Förderung musikalischen Spitzennachwuchses.

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