Vorbild für andere Betriebe Günstig wohnen? Stadtwerkler gründen Genossenschaft

Schöne Aussichten in München. Aber wer kann es sich noch leisten, hier zu wohnen? Foto: dpa

Mitarbeiter der Stadtwerke gründen eine Genossenschaft, um günstige Wohnungen zu bauen. Jetzt wollen sie andere Betriebe ermutigen, selbst günstigen Wohnraum zu schaffen.

München - Günstige Mieten und lebenslanges Wohnrecht: Diesen Traum eines jeden Münchners haben Beschäftigte der Stadtwerke jetzt angepackt. Sie brauchen nur ein Grundstück, auf dem sie ihre Genossenschaftswohnungen bauen können.

31 Mitarbeiter der Stadtwerke taten sich Ende 2013 zusammen, um die Stadtwerkschaft eG zu gründen. Die Idee: Wir bauen unseren Wohnraum selbst und haben dabei ein starkes Unternehmen im Rücken. Doch so einfach war die Gründung einer Genossenschaft doch nicht. "Da braucht man einen langen Atem", sagt der SWM-Betriebsratsvorsitzende Karl Geigenberger, der auch dem Aufsichtsrat der Stadtwerkschaft vorsitzt.

Ein Jahr hat es gedauert, bis die Stadtwerke ihre Unterstützung zugesagt haben. Sie haben die Beratung bei der Mietwohnzentrale bezahlt und stellen Räume für Treffen und Arbeit der Genossen zur Verfügung. Was die eigentlich wollen: ein Grundstück der Stadtwerke. "Wir sind derzeit in positiven Verhandlungen und müssen noch prüfen, dass die Grundstücksvergabe sauber über die Bühne geht, weil die Stadtwerke eine städtische Gesellschaft sind", sagt Geigenberger.

Die Grundstücke sind knapp, das beste Konzept gewinnt

Denn die Stadt schreibt günstige Grundstücke speziell für die rund 40 Münchner Genossenschaften aus. "Allerdings gibt es mehr Bedarf als Grundstücke. Hier bekommt die Genossenschaft mit dem besten Konzept den Zuschlag", sagt Geigenberger, der auch andere ermutigen möchte, eine Betriebsgenossenschaft zu gründen und gemeinsam mit dem Arbeitgeber eine Lösung für ein Grundstück zu finden. "Wir geben unser Wissen gerne weiter, wenn jemand eine Betriebsgenossenschaft gründen will", sagt Geigenberger. Ansonsten hilft die Mitwohnzentrale.

Der DGB München sieht auch Konzerne in der Verantwortung beim Wohnungsbau. "Immer mehr Fachkräfte werden sich die Region München nicht leisten können", sagt DGB-München-Chefin Simone Burger. Die Stadtwerke haben das Problem erkannt und bauen jetzt wieder Werkswohnungen. Aktuell haben die Stadtwerke 600 Wohnungen für ihre Mitarbeiter. Bis 2022 sollen 500 weitere Werkswohnungen gebaut werden. "Wir stehen nicht in Konkurrenz zu den Werkwohnungen, denn die Situation am Wohnungsmarkt ist so angespannt", sagt Geigenberger.

Es braucht neue Betriebsgenossenschaften

Die Stadtgewerkschaft will in einem ersten Projekt 80 Wohneinheiten bauen. Wenn sie ein Grundstück haben, wird es schätzungsweise zweieinhalb Jahre dauern, bis die bezugsfertig sind. Dafür haben die Genossen jeder eine Mindesteinlage von 1500 Euro gezahlt. "Das Eigenkapital, das wir noch einbringen müssen, ist enorm. Aber machbar. Das haben schon andere Genossenschaften vor uns geschafft", sagt Geigenberger.

Doch als neu gegründete Betriebsgenossenschaft sind sie in München einzigartig. Die Eisenbahner und die Postler gibt’s noch, die jetzt auch wieder bauen. Aber das sind altehrwürdige Betriebsgenossenschaften.

Ein Jahr muss man bei den Stadtwerken arbeiten, um Genosse mit Wohnrecht zu werden, das auch weiterbesteht, wenn man nicht mehr dort arbeitet. Genossenschaftsmitglied ist man dann auf Lebenszeit und bestimmt demokratisch mit, wie sich die Genossenschaft entwickelt.

Lesen Sie hier den AZ-Kommentar zum Thema: "Genau so!"


Kurz erklärt: Genossen oder Baugesellschaften

In einer Genossenschaftswohnung zu wohnen bedeutet, nicht Mieter und nicht Eigentümer zu sein – sondern Genosse.

Genossenschaften sind sowohl Wirtschaftsunternehmen als auch Sozialgemeinschaft. Sie streben nicht nach Gewinn. Bei vielen Genossenschaften müssen Anteile gezeichnet werden, um eine Wohnung bekommen zu können. Dafür liegen die Mieten dann oft deutlich unter den am freien Markt üblichen Preisen. Darüber hinaus versprechen Genossenschaften den Bewohnern ihren Mitgliedern weitere Vorteile – insbesondere ein lebenslanges Wohnrecht, keine Sorgen vor Luxussanierungen – teilweise wird das Wohnrecht auch an Kinder vererbt. Genossenschaften sind demokratisch organisiert. Jedes Mitglied ist mit seinen Genossenschaftsanteilen an der Genossenschaft beteiligt.

Von Genossenschaften zu unterscheiden sind die Baugesellschaften, die nicht von Genossen getragen werden, aber auch gemeinnützig agieren können. In München ist das etwa die Gewofag als 100-Prozent-Tochter der Stadt, die 35 000 Wohnungen hat.


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