Bayerns Abwehrchef Jerome Boateng droht das Saison-Aus. Im Klub häufen sich die Muskelverletzungen. Doch woran liegt’s – und welche Rolle spielt Trainer Pep Guardiola?

München - Der Sonntag war frei für die Bayern-Profis, David Alaba etwa machte einen Ausflug nach Kitzbühel zum Hahnenkamm-Slalom. Was, schon wieder frei? Bevor Kritiker schimpfen: Ab Montag hat Pep Guardiola noch ganze sechs Tage, um seine Mannschaft nach dem 2:1 beim Hamburger SV zum Rückrunden-Auftakt auf den nächsten Gegner TSG Hoffenheim (Sonntag) vorzubereiten.

Was der Trainer auch hat: Sorgen, große Sorgen. Weil er Jérôme Boateng (27) nicht mehr hat. Ihn, den Abwehrchef, den besten Innenverteidiger der Bundesliga, den Weltmeister, der sich seit dem Triumph von Brasilien 2014 noch mal erheblich gesteigert hatte. Boateng zog sich einen Muskelbündelriss im linken Adduktoren-Bereich zu.

 

Boateng droht eine Pause von drei Monaten

 

Ein Schock für Boateng, Guardiola, den FC Bayern und sogar Nationaltrainer Joachim Löw. Denn Boateng droht eine Pause von rund drei Monaten, vielleicht vier. Das hieße: Bei einem Comeback im Mai käme er nach Erreichen des vorherigen Levels höchstens für das Pokal-Finale in Berlin (21. Mai) und das Champions-League-Endspiel in Mailand (28. Mai) infrage. Gut für Löw: Die EM in Frankreich, Beginn 10. Juni, dürfte dagegen nicht in Gefahr sein.

 

So verletzte sich Jerome Boateng

 

Es war ein harmloser Zweikampf, der die schlimme Verletzung verursachte: Ein Sprint, ein Duell mit HSV-Verteidiger Dennis Diekmeier. Boateng hob ab, fiel und zeigte sofort an: Das war’s. Auswechseln! Nach 56 Minuten humpelte er vom Platz. Ging damit auch Bayerns Triple-Traum dahin? Ohne den Felsen in der Abwehr? Ohne die Konstante der Hinrunde?

Guardiola nahm es am Freitag recht kühl zur Kenntnis: „Wenn wir Jérôme für längere Zeit verlieren sollten, werden wir weiter mit elf Mann spielen.“ Ein üblicher Spruch von Pep, wenn er seine wahren Emotionen nicht zeigen will. Tatsächlich ist der Spanier verzweifelt. Schon wieder! Der nächste Profi, der mit einer schweren Muskelverletzung ausfällt, die Nummer sieben. Die Liste war und ist lang: Mario Götze (Muskelsehnen-Ausriss in den Adduktoren), Franck Ribéry (Muskelbündelriss im linken Oberschenkel), Juan Bernat (Bündelriss, danach nun überwundene Adduktorenprobleme), und bereits mehrmals Medhi Benatia (Muskelbündelriss im Oberschenkel). Das Trio soll im Februar nach und nach zurückkehren. Arjen Robben hatte beim HSV sein Comeback mit einem Kurzeinsatz gegeben, wegen muskulären Probleme fehlte der Holländer seit Ende November. Von Saisonbeginn bis Anfang November musste Holger Badstuber wegen eines Muskelrisses im Oberschenkel zuschauen.

 

Thomas Müller: "Wir haben die Seuche am Stiefel!"

 

Haben die Bayern so schwaches Fleisch? Wirklich nur Pech? Oder liegt es etwa am Training, an der Steuerung der Einheiten? „Das ist normal, wenn Spieler alle Wettbewerbe spielen und zu ihren Nationalmannschaften gehen“, meinte der Trainer. Thomas Müller drückte wohl das aus, was sich Guardiola dachte: „Irgendwie haben wir da die Seuche am Stiefel. Ich weiß auch nicht, warum. Das ist schwierig zu erklären, ob wir da was falsch machen. Keine Ahnung.“

Lesen Sie hier: Uli Hoeneß - verleumdet, erpresst und ausspioniert?

Die Serie von gravierenden Muskelverletzungen ist eklatant und gefährdet Bayerns Saisonziele. Ja, machen sie, also Guardiola, denn etwas falsch? Bekannt ist, dass es dem Spanier nicht schnell genug gehen kann, wenn Spieler aus der Reha wieder zurück auf den Platz sollen. Fakt ist, dass der Dauerzoff mit dem legendären Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt im April zu dessen Rücktritt führte.

 

Hat Guardiola die schweren Plätze in Deutschland unterschätzt?

 

Außerdem, so heißt es, lasse Guardiola hauptsächlich auf Tempo und weniger auf Ausdauer trainieren. Er habe die schweren, tiefen Plätze in Deutschland unterschätzt, das kannte der 45-Jährige aus seiner Zeit in Spanien nicht. Außerdem sei der neue Hybridrasen-Trainingsplatz – extra angelegt, um das schnelle Kurzpassspiel zu üben – extrem hart.

Lesen Sie hier: Juan Bernat wieder im Training

Wer kann und muss Boateng nun ersetzen? Am ehesten noch Javi Martínez (27) als Kopf einer Dreier- oder Viererkette, neben ihm Badstuber (26). Benatia (28), ständig verletzt, eher nicht. Womöglich Alaba (23), die Allzweckwaffe. Nicht ausgeschlossen, dass Bayern bis Ende der Wintertransferperiode am 1. Februar noch einen Abwehrspieler verpflichtet. Doch wen? Ex-Trainer Felix Magath nannte Dortmunds Kapitän Mats Hummels. Er schmunzelte dabei. Wahr ist, dass Weltklasse-Innenverteidiger bereits für ihre Klubs in der Champions-League eingesetzt wurden und daher nicht einsatzberechtigt wären. Boah! Schwierig.