Vermieter spricht nur von "Sanierung" Mieter in Angst: Unser Haus soll weg!

Vor dem Haus Schleißheimer Straße 90: Britta Gürtler (CSU) ist Mieterbeirätin der Stadt. Sie rät den Mietern, sich zu vernetzen. Foto: Petra Schramek

Maxvorstadt: Den Bewohnern der Schleißheimer Straße 90 wird erzählt, ihr Haus wird saniert. Doch es läuft ein Antrag auf Neubau. Britta Gürtler (43) vom BA rüttelt die Leute wach.

München - Was ist denn hier los? Den Mietern in der Maxvorstadt wird erzählt, ihr Haus in der Schleißheimer Straße 90 werde saniert. Doch offiziell liegt ein Antrag auf "Neubau" vor - beim örtlichen Bezirksausschuss (BA) Maxvorstadt. Davor muss abgerissen werden!

"Hier soll eine riesige Baugrube entstehen. Eine zweigeschossige Tiefgarage ist geplant. Darüber zwei neue Häuser, so steht es in den Plänen", empört sich Britta Gürtler (CSU) vom BA Maxvorstadt.

Das alte, aber schlichte Vorderhaus in der Schleißheimer Straße 90 hatte einer Erbengemeinschaft gehört. Die investierte kaum: Richtige Bäder fehlen. Mobile Duschen und selbst eingebaute Gas-Heizungen stehen in den meisten Wohnungen.

Doch im September hat eine Münchner Immobiliengesellschaft das Anwesen gekauft: die Grundstücksverwaltung HAG mit Sitz am eleganten Maximiliansplatz.

Die Firma hat den Mietern geschrieben, das Haus werde saniert. Und: Für diese Zeit würden Ersatzwohnungen angeboten, erzählen Mieter.

Interessant dabei ist: Der neue Eigentümer HAG ist eine 92-prozentige Tochter des Immobilienriesen Ariston Real Estate mit Sitz in München - ein börsennotiertes Immobilienunternehmen mit "renditeorientierter Investitionspolitik". Das klingt eher nach Kapitalismus als nach Karitas.

Dieter Lorenz, Geschäftsführer der HAG, sagt: "Wir werden nicht kündigen, aber Abfindungen anbieten." Ob er wirklich abreißen will, hänge vom Zustand der Bausubstanz ab, sagt Lorenz. Sonst werde saniert.

Die Stadtviertelpolitiker sind gegen den Bauantrag

Egal was kommt: Die Mieter haben jetzt trotzdem große Angst: Der Inhaber des Friseurgeschäfts "Reinhard's". Und weitere zirka 20 Mieter im Vorder- und Hinterhaus, die hier in bezahlbaren Wohnungen (für bis zu 14 Euro pro Quadratmeter) leben.

"Mit Schrecken" hat die Bauingenieurin und Mieterbeirätin Britta Gürtler den Umgang mit den Mietern konstatiert. Sie war vor Ort - und handelte prompt: Letztes Wochenende informierte sie alle Mieter per Zettel im Briefkasten über den möglichen Abriss. Nun lädt sie die Mieter auch zur nächsten BA-Sitzung am 5. Dezember.

Der Tagesordnungspunkt: "Schleißheimerstraße 90: Neubau eines Wohnhauses mit Laden und Tiefgarage" wird da besprochen und abgestimmt.

Die Stadtviertelpolitiker sind gegen den Bauantrag. Zwei neue, moderne Häuser sollen hier gebaut werden. Das Vorderhaus soll das denkmalgeschützte Nachbarhaus um ein Stockwerk überragen. Britta Gürtler hat Sorge, dass die zweigeschossige Tiefgarage bis ans Grundwasser reicht. Außerdem will sie prüfen lassen, ob die Schleißheimer Straße 90 ein Denkmal ist.

"Den Mietern wurde mitgeteilt, hier wird saniert, sie kriegen Ersatzwohnungen. Was wir auf dem Tisch haben, entspricht dem nicht", schimpft die Stadtviertelpolitikerin: "Die Mieter sollten dringend zum Mieterschutzbund gehen und sich in einer Mietervereinigung vernetzen." Gerade auch die alteingesessenen Bewohner, die bereits seit Jahrzehnten hier leben.

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"Meine Existenz ist bedroht"

"Das ist jetzt furchtbar. Die Häuser werden ohne Rücksicht auf Verluste plattgemacht, neue Häuser gebaut und sündhaft teuer verkauft. Wer kann sich das denn leisten?", sagt Reinhard Zettel (55), der das kleine Haar- und Kosmetikstudio "Reinhard's" im Vorderhaus der Schleißheimer Straße 90 hat – seit 1987, zusammen mit seiner Frau Heike.

"Für mich ist es utopisch, zu neuen Konditionen hier einen Laden zu mieten. Meine Existenz ist bedroht, nicht nur mein Job, auch der meiner Frau geht flöten. Ich denke, für die älteren Herrschaften unter den Mietern hier wird es ziemlich heftig. Die kriegen auch massive Existenzangst.

Nach dem Hausverkauf hatte ich ein komisches Gefühl. Ich habe sofort eine Gewerbe-Rechtsschutzversicherung abgeschlossen. Meine Investition wäre aber weg: Ich habe den Laden erst für 50 000 Euro renoviert.

Ich kämpfe jetzt um Luft – um einen Abriss, solange es geht, hinauszuzögern."

"Wo soll ich denn hin?"

Seit über 30 Jahren wohnt Maria Morcone (51) im Hinterhaus der Schleißheimer Straße 90: "Ich habe einen Herren im Haus gesehen, der zu den neuen Eigentümern gehört. Das sind reiche Leute. Die fahren Cabrio und tragen eine Rolex-Uhr.

Ich liebe meine Wohnung. Ich habe meine Küche eingebaut. Ich will hier bleiben – und dafür kämpfe ich. Morgen gehe ich zum Mieterschutzbund!

Die Fenster an unserem Haus sind gut, nur die alte Haustüre gehört neu gemacht, und eine Wärmedämmung brauchen wir, denn in den Wohnungen ist es kalt. Abriss? Damit bin ich nicht einverstanden. Ich bin voll dagegen! Ich wohne seit über 30 Jahren hier. Das ist meins. Ja, wo soll ich denn hin – als Postangestellte und Hausmeisterin? Ich verdiene viel zu wenig. Jetzt zahle ich eine Miete von 402 Euro kalt.

Ich kenne auch die alten Leute im Haus, die wollen alle bleiben. Niemand will weg, bis auf eine alte Dame vielleicht, die Probleme mit den Treppenstufen hat. Ich verstehe nicht, warum man das hier abreißen möchte. Nur ein bisschen Renovierung – und alles ist gut.

Verrückt ist, dass eine Wohnung im Erdgeschoss, die seit 1. Oktober neu vermietet ist, gerade komplett renoviert wird. Das wäre herausgeschmissenes Geld."     

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