Der Nachfolger des scheidenden Papstes Benedikt XVI. steht möglicherweise früher fest als bislang angenommen.

Rom - Der Vatikan erwägt, das Konklave zur Wahl des neuen Oberhauptes der katholischen Kirche schon vor Ablauf der üblichen Frist von 15 Tagen nach Beginn der Sedisvakanz ("leerer Stuhl Petri") beginnen zu lassen. Bei seinen letzten öffentlichen Auftritten als Papst wird Benedikt indessen weiter umjubelt. Zehntausende kamen am Sonntag zu seinem vorletzten Angelus-Gebet auf den Petersplatz; laut Vatikan waren es rund 50 000, Bürgermeister Gianni Alemanno sprach sogar von mehr als 100 000.

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Die Beschleunigung der Wahl des neuen Papstes hänge mit den besonderen Umständen zusammen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Samstag. Benedikt hatte vor einer Woche überraschend angekündigt, zum 28. Februar zurückzutreten. Unmittelbar danach hatte es geheißen, bis Ostern solle es ein neues Kirchenoberhaupt geben. Benedikt ist der erste Papst der Neuzeit, der sein Amt freiwillig aufgibt.

Die vorgesehene Frist von 15 bis 20 Tagen bis zum Beginn des Konklave dient normalerweise dazu, den wahlberechtigten Kardinälen genügend Zeit zu geben, um aus aller Welt nach Rom zu reisen. Da sich die Kardinäle nach dieser Ankündigung aber entsprechend vorbereiten könnten, sei es möglich, den Beginn des Konklaves vorzuziehen, sagte Lombardi. Die kirchenrechtlichen Vorschriften zur Wahl eines neuen Papstes könnten so interpretiert werden.

Am Sonntag strömten Zehntausende zu Benedikts vorletzten Angelus-Gebet auf den Petersplatz. Unter großem Jubel trat der 85-Jährige an das Fenster seines Arbeitszimmers und winkte in die Menge. "In den entscheidenden Momenten im Leben, im Grunde genommen sogar in jedem Moment, stehen wir am Scheideweg: Wollen wir dem Ich folgen oder Gott?", sagte Benedikt in einer kurzen Ansprache, "den individuellen Interessen oder dem wirklich Guten?"

Er forderte die Gläubigen zur Erneuerung und zur entschiedenen Hinwendung zu Gott auf. Benedikt dankte den Menschen für ihre Unterstützung in diesen "besonderen Tagen für mich und für die Kirche". Viele Pilger hatten Transparente dabei und feierten den Papst mit "Benedetto"-Rufen.

Rund 1000 Sicherheitskräfte und etwa 200 Freiwillige waren in Rom im Einsatz. Die Straßen rund um den Petersplatz wurden gesperrt, der Nahverkehr verstärkt. Die Veranstaltung war auch ein erster wichtiger Test für die Behörden mit Blick auf das Konklave. Am kommenden Sonntag folgt Benedikts letztes Angelus-Gebet, am Mittwoch darauf seine letzte Generalaudienz. Allein dafür lagen bis Samstag schon 35 000 Anfragen von Pilgern vor.

Bis zu seinem Rücktritt absolviert Benedikt weiterhin offizielle Termine. Am Samstagabend empfing er Italiens Regierungschef Mario Monti zur Privataudienz. Es sei ein "herzliches und intensives Abschiedstreffen" gewesen, hieß es in einer Vatikan-Mitteilung.

Am 28. Februar um 20 Uhr legt der 85-Jährige sein Amt nieder und es beginnt die Sedisvakanz. Benedikt will nach etwa zwei Monaten in der Sommerresidenz Castel Gandolfo in den Vatikan zurückkehren und in ein Kloster ziehen.

Der Theologe Hans Küng kritisierte diese Entscheidung. "Es droht mit Benedikt XVI. ein Schattenpapst, der zwar abgedankt hat, aber indirekt weiter Einfluss nehmen kann", sagte Küng dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Er befürchte nach dem Rücktritt Benedikts einen Machtkampf im Vatikan.

Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich vom künftigen Papst Reformen in der katholischen Kirche. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa hervor. 80 Prozent der Befragten befürworten demnach Reformen etwa im Bereich der Sexualmoral oder beim Zölibat. Nur sieben Prozent wollen das nicht. 77 Prozent stellen zugleich fest, dass der Papst mit seinem Wirken keine Bedeutung für ihren Alltag hat.

Nach Angaben seines Biografen hat Benedikt seine Erschöpfung bereits vor längerer Zeit eingeräumt. Für ein neues Buch über den Papst habe der Journalist Peter Seewald das Kirchenoberhaupt in den vergangenen Monaten mehrere Male getroffen, zuletzt vor etwa zehn Wochen, schreibt der "Focus". Auf die Frage, was noch von seinem Pontifikat zu erwarten sei, habe er im Sommer geantwortet: "Von mir? Nicht mehr viel. Ich bin doch ein alter Mann, die Kraft hört auf."