Ursache unklar Das mysteriöse Verschwinden der Meisen

Kohlmeisen werden wie Blaumeisen seltener – warum ist noch unklar. Foto: dpa

Bei der „Stunde der Wintervögel“ werden 20 Prozent weniger fliegende Gäste in Bayerns Gärten gezählt. Jetzt suchen Naturschützer nach den Ursachen für das Fernbleiben mehrerer häufiger Arten.

Erste Anzeichen für das rätselhafte Phänomen hat es schon im Dezember gegeben. „Bei uns sind bereits vor der ,Stunde der Wintervögel’ vermehrt Hinweise eingegangen“, bestätigt Markus Erlwein vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Jetzt beweist ein Zwischenergebnis der Zähl-Aktion vom Wochenende: Die Summe der Vögel, die Bayerns Tierfreunde in ihren Gärten oder vom Fenster aus registriert haben, ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 20 Prozent zurückgegangen. Vor allem Höhlenbrüter wie Kohl- und Blaumeise wurden deutlich seltener beobachtet.

Noch sind nicht alle Daten des Vogel-Zensus’ ausgewertet. Doch schon jetzt rechnen die LBV-Experten mit einem neuen Rekord. Vieles deute darauf hin, dass heuer 30 000 Menschen in Bayern mitgezählt haben, sagt Markus Erlwein – so viele wie noch nie. Allerdings bekamen die Tierfreunde deutlich weniger Piepmätze zu Gesicht als 2016: Die durchschnittliche Zahl pro Garten sank von 40 auf maximal 33.

Die Kohlmeise – in der Vergangenheit stets Garantin für einen Spitzenplatz – ist besonders stark abgestürzt. Sie landet hinter Feldsperling, Spatz und Amsel nur mehr auf Platz vier des Häufigkeits-Rankings. Die Naturschützer verzeichnen ein Minus von 4,4 Prozent. Noch seltener ist die Blaumeise geworden. Ihre Zahl ist um 3,4 Prozent gesunken. Damit landet sie auf dem fünften Rang.

Der Auslöser des mysteriösen Meisen-Schwindens ist unklar. „Es gibt immer mal Schwankungen in der Natur. Wir wissen noch nicht alles und müssen weiterforschen“, sagt Markus Erlwein. „Erst dann können wir beurteilen, ob es Grund zur Beunruhigung gibt.“ 2016 war wohl ein verhängnisvolles Jahr für bayerische Meisen. „Wegen des schlechten Wetters könnten sie weniger Jungvögel durchgebracht haben – bis hin zum völligen Ausfall der Brut“, sagt Erlwein.

Der Buchfink ist krank, viele Zugvögel bleiben zuhause

Auch der Rückgang der Insekten durch den Pestizid-Einsatz in der Landwirtschaft könnte eine Ursache für das Nachwuchs-Problem sein. Außerdem gebe es Hinweise darauf, dass weniger Kohlmeisen aus Nord- und Nordosteuropa im Freistaat überwintern. „An Nord- und Ostsee stehen Vogelstationen, wo Zugvögel beringt und gezählt werden. Dort hat sich schon im Herbst gezeigt, dass weniger in unsere Richtung gezogen sind.“

Vermutlich hätten die Tiere in ihrer Heimat genug Fressen gefunden und die Reise deshalb nicht angetreten. Auch Seidenschwanz und Erlenzeisig, die sich in den Vorjahren zahlreich an bayerischen Vogelhäuschen bedient hatten, seien in diesem Winter weggeblieben.

Schillernde Stare sieht man jetzt öfter am Futterhaus

Einen starken Einbruch haben die Experten zudem beim Buchfink-Bestand festgestellt – ebenfalls um 4,4 Prozent im Vergleich zu 2016. Ein Parasit macht dieser Art bereits seit langem das Überleben schwer. Der LBV ruft daher dazu auf, Futterplätze und Wasserschalen regelmäßig gründlich zu reinigen.

Erfreulich für Vogelfreunde ist hingegen, dass immer mehr Stare bei uns überwintern. Weil es bis Neujahr im Freistaat kaum geschneit hat, konnten sie hier genug Nahrung finden und haben sich den anstrengenden Flug gen Süden gespart. Weil ihnen der Neuschnee nun die Futtersuche erschwert, sieht man sie aktuell besonders häufig an den Vogelhäuschen.


Auf stunde-der-wintervoegel.de können dem LBV Beobachtungen aus der „Stunde der Wintervögel“ bis 16. Januar gemeldet werden.

JETZT LESEN

9 Kommentare