Caruso in der Antarktis: Am 31. Januar wird die Oper "South Pole" im Nationaltheater uraufgeführt. Sie beschäftigt sich mit dem Wettlauf zum Südpol vor 100 Jahren

Die Partitur ist einen halben Meter hoch – und damit größer als die von Bernd Alois Zimmermanns „Die Soldaten“. Fünf Jahre hat der Komponist Miroslaw Srnka an der Oper „South Pole“ gearbeitet. Im vergangenen Oktober wurde er fertig. Am 31. Januar wird sie im Nationaltheater uraufgeführt – mit Thomas Hampson und Rolando Villazón in den beiden Hauptrollen. Den Text schrieb der Dramatiker Tom Holloway.

AZ: Herr Srnka, wie kamen Sie auf die Idee, eine Oper über die Polarforscher Roald Amundsen und Robert F. Scott zu komponieren?

MIROSLAW SRNKA: Ich gehe jedes Jahr mit meiner Familie und Freunden auf eine Hütte im Riesengebirge. Sie ist zehn Kilometer von jeder Zivilisation entfernt und hat keinen Strom. Man muss alles hintragen. Jemand hat da ein Buch über den Polarforscher Ernest Shackleton mitgebracht. Ich habe es dort gelesen und fand: Das wäre ein Thema. Die weiße Landschaft bringt eine Stilisierung mit, die zum Genre Oper passt.

Warum haben Sie sich doch für Scott und Amundsen entschieden, die sich im Winter 1910/11 einen Wettlauf um den Pol lieferten, den der Brite nicht überlebte?

Zwei Wege und ein Wettkampf sind doch reizvoller als Shackletons abenteuerliche Reise. Wir haben das lange überlegt, aber als ich mich für einen bestimmten Stoff entscheiden musste, betrat ich in München einen Laden, und auf dem ersten Stapel lag ein T-Shirt mit Amundsens Schiff „Fram“.

Welche anderen Stoffe haben Sie erwogen?

Nach der Uraufführung von „Make no noise“ bei den Festspielen 2011 im Pavillon 21 hat mir Nikolaus Bachler angeboten, eine Oper für das Nationaltheater zu schreiben. Ich habe gezögert: Man darf bei so einem Angebot nicht vor lauter Freude „Ja!“ sagen. Wir haben viel Literatur von Haruki Murakami, Thomas Mann, Elfriede Jelinek oder Orhan Pamuk geprüft, aber letztlich keinen Weg gefunden, diese Stoffe auf die Bühne zu bringen.

Lesen Sie auch das Interview mit Rolando Villazón über "South Pole"

Mr. Holloway, warum nennen Sie „South Pole“ im Untertitel „Double Opera“?

TOM HOLLOWAY: Die beiden Rivalen Amundsen und Scott haben sich nie getroffen. Aber sie haben natürlich ständig aneinander gedacht. Wir erzählen zwei Geschichten, verschränkt zu einer Oper in zwei Teilen zu etwa je einer Stunde. Die Gleichzeitigkeit ist heute ein großes Thema: Wir schauen Fernsehen und kommentieren die Sendung zugleich auf dem Smartphone. Daher hat ein heutiges Publikum kein Problem, zwei Geschichten parallel zu folgen.

Und wie setzt man das auf der Bühne um?

Die Bühne ist zweigeteilt, in der Mitte, durch einen Balken. Jedes der beiden Teams hat eine eigene Übertitelanlage.

Wie klingen zwei gleichzeitige Geschichten?

MIROSLAV SRNKA: Das menschliche Gehör kann mehrere Schichten unterscheiden. In „South Pole“ gibt es aber auch einen gemeinsamen Klangstrom der Antarktis. Amundsens Team besteht aus fünf Baritonen, Scotts Team aus fünf Tenören. Die Norweger waren sportlicher, die Briten kämpften mehr um den nationalen Ruhm. Da passen hohe Stimmen besser, die leichter kaputt gehen. Ein Bariton hat demgegenüber eine gewisse Sicherheit. Anfangs singen beide Gruppen in kompakten Ensembles, je näher sie dem Pol kommen, desto individueller werden die Stimmen.

Warum ist die Partitur so groß?

Die Orchesterbesetzung entspricht einer Oper von Richard Strauss. Aber sie ist viel stärker individualisiert, mit vielfach geteilten Streichern. Ein Strauss-Orchester neigt dazu, die Stimmen zu decken. Deshalb müsste man für einen speziellen Typus von schweren Stimmen schreiben. Das wollte ich nicht.

Ist „South Pole“ eine reine Männer-Oper?

Es war uns wichtig, Scotts Frau Kathleen einzubeziehen, und zwar nicht nur aus musikalischen Gründen. Sie blieb während der Expedition ihres Mannes in Neuseeland und war sehr tatkräftig. Amundsen dagegen hat niemanden nah an sich herangelassen. Er hatte viele Beziehungen und heimliche Affären.

Wie haben Sie zusammengearbeitet?

TOM HOLLOWAY: Miroslaw lebt in Prag, ich die meiste Zeit in Australien. Wir haben uns in Norwegen getroffen, wo ich eine Weile gelebt habe. Dort haben wir Amundsens Schiff angeschaut und mit einer Person gesprochen, die schon einmal in der Antarktis war. Aber die meiste Zeit hatten wir Kontakt über Skype und Mail. Das funktioniert sehr gut.

Im Bühnenbild-Modell sehe ich zwei Klaviere. Was machen die in der Antarktis?

Beide Teams hatten Klaviere, Grammophone und 400 Schellackplatten im Basislager, denn in der Polarnacht wird einem schnell langweilig. Jedes Team hat als musikalisches Erkennungszeichen zwei Zivilisations-Zitate: die Norweger Solveigs Lied von Edward Grieg, Scott die Blumenarie aus „Carmen“, französisch gesungen von Enrico Caruso. Nachdem der Wecker kaputt gegangen war, wurde bei einer anderen Expedition Scotts diese Platte zum Wecken benutzt: Eine Kerze brannte im Lauf der Zeit einen Faden durch. Dann setzte das Grammophon ein. Sie nahmen Caruso, weil es die lauteste Platte war, die sie hatten.

Hans Neuenfels inszeniert die Uraufführung. Er lässt gerne Tiere auftreten. Auch in „South Pole“?

In der Antarktis gibt es keine Eisbären. Aber die Expeditionen brachten Hunde und Ponys mit. Die werden Sie auf der Bühne sehen.

Was hören Sie eigentlich privat?

MIROSLAW SRNKA: Alles mögliche. Im Moment interessiert mich Postmodern Jukebox, eine Gruppe aus den USA. Die nehmen die allerblödesten Hits aus den Charts und verwandeln sie mit unglaublicher Virtuosität in andere Stile. Diese Meta-Pop-Musik bewundere ich.

Waren Sie selbst in der Antarktis?

Leider nicht. Wir haben an einem Wettbewerb teilgenommen. Aber ein Fotograf wurde uns vorgezogen.

TOM HOLLOWAY: Ich habe in Tasmanien das Hotel gesehen, von dem aus Amundsen sein Telegramm geschickt hat, in dem er der Presse den Erfolg der Expedition meldete.

Woher wissen Sie dann, wie die Antarktis klingt?

MIROSLAV SRNKA: Aus dem Internet. Alle meinen, in der Antarktis sei es totenstill. Dabei ist es wegen des Winds ziemlich laut. Und unbeschreiblich fremd. Robert Braunmüller

Premiere am 31. Januar, 19 Uhr, ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 3., 6., 9. und 11 Februar. Karten unter Telefon 21 85 19 20. Weitere Infos zu "South Pole" unter www.staatsoper.de/southpole.html