Mutlosigkeit, Langeweile, Einheitsgebäude – Hauptsache, die Rendite stimmt: Die Münchner Architektur wird immer unerträglicher. Eine Polemik

München - Als vor kurzem an der Maximilianstraße eine Tiefgarage ausgehoben werden sollte, stießen die Bauarbeiter auf ein 700 Jahre altes Trumm: das Stück einer einst 4000 Meter langen Stadtmauer. Ein imposantes Zeugnis Münchner Stadtgeschichte – und ein baugeschichtliches Statement:

Die Stadt wurde bedroht – also baute man einen riesigen Schutzwall aus Ziegel und Lehm. Besonders schön war das Teil nicht, aber wie sagt der Architekt? Form follows function.

Heute wird die Stadt auch wieder bedroht, und diesmal sind die Architekten nicht die Lösung, sondern das Problem: Sie müllen die Stadt so lange mit langweiligen, mutlosen, gesichtslosen Einheitsbauten zu, bis sie ihr eigenes Gesicht verliert.

Am Altstadtring beispielsweise, ein paar Meter vom Fundort der Stadtmauer entfernt, steht ein fader Versicherungspalast aus Glas und Stahl neben dem anderen. Einfallslose Fassaden, öde Formen, riesige Fenster. Wir stellen uns vor, in 700 Jahren würden wieder mal Teile der Stadt ausgegraben – was findet man dann?

Wir sehen den verzweifelten Archäologen im Jahr 2714 vor uns: „Chef, schon wieder ein Glashaufen!“ – „Und sonst?“ – „Viereckiger Grundriss.“

Ich bin kein Architekt und kein Architekturkritiker, sondern nur ein Münchner, der zunehmend deprimiert durch seine Heimatstadt läuft. Diagnose: Überall sieht es gleich aus, egal in welchen Stadtteil man kommt.

Die architektonische Allzweckwaffe der Gegenwart ist die vergrößerte Schuhschachtel: Ein zumeist weiß angepinselter Quader mit Flachdach und Fenstern. Man begegnet ihm überall, jedes bisherige Bauwerk – vom Dreißiger-Jahre-Einfamilienhäuschen bis zur charakteristischen Industriehalle – wird von ihm ersetzt. Offensichtlich lässt sich mit dieser Grundform die magische Münchner Formel „Langeweile plus maximale Raumausnutzung ergibt höchsten Investorengewinn“ optimal umsetzen.

Heraus kommen Gebäude wie die „Welfenhöfe“ in der Au. Auf der Internetseite dieser Wohnanlage schreiben die Immobilienhändler von Schörghuber in kabarettreifer Investoren-Prosa: „Hier treffen vielfältiges Wohlgefühl und wirtschaftliche Effizienz aufeinander, um sich zu einem harmonischen Miteinander von Bewohnern und Mitarbeitern zu vereinen.“

In Wahrheit erinnert das harmonische Miteinander schwer an Gefängnisarchitektur: Einfallslose, abweisende graue Fassaden, der Innenhof ist eng, die farbigen Punkte an einer absurd trostlosen Betonwand signalisieren: Hier geht’s zu einer Kindertagesstätte.

Neuestes Beispiel für die Münchner Beliebigkeitsarchitektur sind die Pläne für die Bayernkaserne. Auf dem 48 Hektar großen Areal im Münchner Norden sollen 4000 Wohnungen gebaut werden. Wie das am besten geht? Logisch, mit eng aneinandergestellten Schuhschachteln, die alle Entwürfe vorsehen. Zumindest am Namen des neuen Wohngeländes müssen die Planer nichts mehr ändern: Kaserne passt optimal.

Auch in allen anderen Stadtvierteln feiert die Schuhschachtel Triumphe: Am kilometerlangen Bahngelände zwischen Hauptbahnhof und Laim gibt es praktisch keine andere Form, ebenso wenig wie in Riem oder in der unendlich faden „Parkstadt Schwabing“, deren Durchquerung dem Betrachter auf Anhieb alle Sinne lähmt.

Habe ich schon den Willy-Brandt-Platz in Riem erwähnt? Der ist an Schauerlichkeit wirklich nicht zu überbieten. Diese Pflastersteinwüste wirkt ungefähr so einladend wie der Potsdamer Platz in Berlin vor der Wende, nur die Grenzposten und der Stacheldrahtverhau fehlen.

Sogar der Architekt findet, der Platz habe „null Aufenthaltsqualität“. Aufenthaltsqualität, was für ein schönes Wort! Man sollte Stadtplaner und Investoren an einen Tisch setzen und sie zwingen, hundertmal zu schreiben: „Ich muss mehr auf die Aufenthaltsqualität achten! Ich muss mehr auf die Aufenthaltsqualität achten!“

Dabei geht es keineswegs um Romantik im Stadtbild, nicht um Butzenscheiben und Schnörkel und idyllische Bächlein. Ein schlimmes Beispiel für missverstandene Heimeligkeit ist die Neue Pinakothek mit ihren lieblichen Fensterchen. Nichts gegen moderne, klare Formen. Es geht um Gebäude, die die Einzigartigkeit der Stadt symbolisieren. Um Mut für originelle Entwürfe.

Natürlich gibt es auch dafür Beispiele aus jüngerer Zeit. Wenige allerdings. Hochhäuser bauen können sie beim ADAC entschieden besser als Preise verleihen. Das ADAC-Haus mit seiner geschwungenen Form, seiner reizvollen Farbgebung ragt meilenweit aus dem Einerlei heraus. Genauso wie der großartige Wohnturm mit dem dämlichen Namen „Park Plaza“ von Otto Steidle auf dem alten Messegelände.

Und es gibt noch ganz spezielle Fälle – nennen wir sie Klassiker der Hässlichkeit: Gebäude, die so grauenvoll sind, dass man sie schon wieder mag. Zum Beispiel das bizarre Betongebirge an der Theresienhöhe, als „Hacker-Zentrum“ entworfen vom Münchner Architekten (und Karikaturisten) Ernst Maria Lang.

Oder der frühere „Schwarze Riese" an der Münchner Freiheit, ein Turm, der so abstoßend war, dass einem beim Betrachten die Augen schmerzten. Aber der „Riese“ – es handelte sich um das Hertie-Hochhaus – war eine Marke. Ein Bollwerk gegen den Aufhübschungs-Wahn. Natürlich musste Hertie den Riesen umbauen, um die Verkaufsfläche zu vergrößern. Aus dem Hochhaus wurde ein Breithaus, das sich in die Altschwabinger Landschaft quetscht wie ein breitarschiger Manager in den Flugzeugsitz.

Übrigens soll es neuerdings Pläne geben, den vielgehassten Kaufhof am Marienplatz abzureißen. Ich vermute, er soll durch eine schicke Schuhschachtel ersetzt werden. Bitte, lasst ihn stehen.