"Demagoge!", "Brandstifter!", "Aufwiegler!": Bei Anne Will geht es in der Diskussion um das Schweizer Referendum recht undiplomatisch zur Sache.

Berlin - Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Gökhan Inler, Tranquillo Barnetta, Diego Benaglio... - ohne "Masseneinwanderer" würde die Schweizer Fußball-Nationalmannschaft zusammenschrumpfen. So lautet das Fazit des Einspielfilms zu Beginn der ARD-Sendung am späten Mittwochabend. Eine Montage zeigt eine zur traurigen Drei gewordene Elf.

"Wir haben unsere Fußballer gerne", kommentiert Christoph Mörgeli lächelnd. Er ist Programmchef der Schweizer Volkspartei (SVP), die das Referendum gegen ausländischen Zustrom initiiert hat. Und rechnet vor, dass man eine Fläche von 4500 Fußballfeldern überbauen müsste, um die Masseneinwanderung zu bewältigen. Die Landschaft sei dafür zu schön. Offenbar hat er genau diese Frage schon häufiger beantwortet.

"Ich finde es furchtbar schlecht, dass man gegenüber Ausländern den Eindruck erweckt, sie seien eine Last", entgegnet die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan. "Reine Demagogie!", faucht Mörgeli. Nach drei Minuten ist die Atmosphäre im Eimer.

Unbeirrt fährt Schwan fort: Die Schweizer Volkspartei "schüre Ressentiments". Das Argument, dass die Schweiz zubetoniert werde, lasse sie nicht gelten. Solvente Rentner und Millionäre seien ja weiterhin willkommen, egal, was sie mit ihren Villen platt machen.

"Sie wollen weniger Ausländer"

"Das, was die Schweizer gemacht haben, ist für mich ein sehr lebendiger Ausdruck einer funktionierenden Demokratie", findet dagegen Frauke Petry, Sprecherin der "Alternative für Deutschland".

Ob die AfD-Sprecherin der Meinung sei, dass es zu viele Ausländer in der Schweiz gebe, will Anne Will wissen. Petry weicht aus, will nicht antworten. Die Moderatorin hakt mehrmals nach. Das zu finden, sei das gute Recht der Schweizer, formuliert Petry schließlich.

"Sie wollen weniger Ausländer", rechnet Markus Spillmann seinem Gegenüber Mörgeli vor. Er ist Chefredakteur der "Neuen Zürcher Zeitung", die gegen das Referendum angeschrieben hatte. Ja, das sei ein "Angstschrei der Schweizer" gewesen, entgegnet der Angesprochene freimütig.

"Machen Sie einen Zaun um die Schweiz und leben Sie in Ruhe!", schlägt der Luxemburgische Außenminister Jean Asselborn sarkastisch vor.

"Es gibt auch eine andere Schweiz, die nicht von Herrn Mörgeli repräsentiert wird", stellt Journalist Spillmann klar und zählt die letzten Pro-Europa-Entscheidungen des Landes auf. Mörgelis Parteikollege Christoph Blocher sei dagegen ein "Brandstifter".

Schwan macht "eine generelle Phobie gegen die Anderen" aus. Und übt Kritik an die EU. In den letzten Jahren sei in deren Institutionen immer mehr an den "Eigennutz" gedacht worden. Die Schweizer Bürger hätten nach dem gleichen Prinzip entschieden.

Immigranten als schwarze Schafe

In einem zweiten Einspielfilm wird der Wahlkampf der SVP gezeigt, der zum Teil mit drastischer Symbolik arbeitet. Unter anderem ist ein Computerspiel von 2007 zu sehen, in dem schwarze Schafe, unerwünschte Ausländer, per Mausklick weggekickt werden.

"Ist die SVP ausländerfeindlich?", will Will wissen.

"Sie gemeindet auch ausländerfeindliche Strömungen in sich ein", sagt Chefredakteur Spillmann, der an diesem Abend kaum zu Wort kommt. "Wir gehen außerordentlich freundlich mit den Ausländern um!", säuselt Mörgeli. Und das Computerspiel sei ja wohl "liebevoll".

"Sie sind ein liebevoller Aufwiegler!", braust Jean Asselborn auf. "Verlieren Sie nicht die Nerven!", stichelt ein dauergrinsender Mörgeli in der zunehmend aggressiver werdenden Debatte.

Ist die AfD rechtspopulistisch?

Nach einer knappen Stunde schlägt ein dritter Einspielfilm den Bogen zum französischen Front National, einer rechtsextremen Partei, der österreichischen FPÖ, dem Niederländer Geert Wilders - und der deutschen AfD.

Das gefällt deren Sprecherin Petry naturgemäß weniger. Anne Will, die ganze Sendung souverän im Thema, zitiert einen Satz aus dem Entwurf des Wahlprogramms, dem zufolge Menschen, die sich "mangels ausreichenden Einkommens keinen menschenwürdigen Lebensstandard sichern können, in ihr Heimatland zurückkehren" sollen. Das sei ja nur ein Entwurf, eiert Petry.

"Selbstverständlich wollen wir niemanden zurückschicken", schiebt die AfD-Frau hinterher. Aber wer keine Arbeit finde, müsse darüber nachdenken, dahin zurückzugehen, woher er komme. Immerhin mal eine Aussage.

"Wer arbeitslos wird, fliegt raus?", fasst eine angriffslustige Schwan die zusammen. Das will Chemikerin Petry, die während der Sendung ihr Bundesverdienstkreuz trägt, so nicht stehen lassen. Schließlich gebe es Sozialsysteme, in die man möglicherweise eingezahlt habe.

Den gängigen Schlusssatz, dass man Argumente ausgetauscht habe, schenkt sich Will ehrlicherweise - an einem Abend, in dem es mehr um Gefühle ging. Wie wohl auch bei der Schweizer Abstimmung.