Tunis - Baker Ben Fredj ist noch nicht fertig. Draußen schwirrt die Luft, die Zitronenbäume laden viermal im Jahr zur Ernte, die Opuntien treiben ihre süßen stacheligen Früchte. In seinem kühlen Atelier in Hammamet lehnen zwei der drei Teile eines neuen Triptychons an der Wand, auf denen er in kalligrafischen Mustern die Graffiti und Wandzeitungen der tunesischen Revolution aufarbeiten will. Warum sollte sich Baker beeilen?

Sicher, am 14. Januar 2011 hatte das Volk den Diktator Ben Ali und Teile seiner korrupten Familie ins Exil nach Saudi-Arabien gejagt, hatten sich in der Hauptstadt Tunis und anderswo Zehntausende zum großen Aufschrei, zum überraschenden Aufstand versammelt. In Tunis steht die Wiege des Arabischen Frühlings. Mittlerweile haben die Tunesier ein islamistisch dominiertes Parlament gewählt, die erste Übergangsregierung schon wieder vertrieben und die Hoffnung auf eine neue demokratische Verfassung ohne islamische Bevormundung. noch nicht aufgegeben. Im kommenden März soll noch einmal abgestimmt werden. Erst dann wird man sehen, wohin Tunesiens Weg geht. „Bis dahin hat sich die politische Lage stabilisiert, haben sich berechenbarere Lager zusammengefunden“, glaubt Baker Ben Fredj. Nein, fertig ist die Jasmin-Revolution noch lange nicht.

Im Jahre 2011 ist die Zahl der Touristen auf mehr als die Hälfte geschrumpft

Bakers Triptychon hat noch Zeit. Der Tourismusindustrie aber läuft sie davon. Die Revolution hat die Gäste vertrieben. Waren 2006 aus Deutschland noch knapp 550 000 Sonnenhungrige angereist, so sind es im Revolutionsjahr 2011 nur noch 270 000, nicht einmal die Hälfte. Die Einreisen aus Europa gingen im selben Zeitraum von knapp vier Millionen auf gut 2,1 Millionen zurück. Ob die nagelneue Luxusherberge Mövenpick in Sousse, das Wellness-Highlight Royal Thalassa in Monastir oder Vier-Sterne-Anlagen wie das Le Sultan in Hammamet: Die Hotels an den feinen Sandstränden der Touristenhochburgen haben schwierige Monate hinter sich. Allein das seit Ende der 50er Jahre von einem Fischerdorf auf 60 000 Einwohner gewachsene Hammamet könnte in der Hochsaison Juli/August locker eine halbe Million Touristen beherbergen. Doch noch bleiben in den Restaurants am Yachthafen des Ferienparks von Port El Kantaoui viele Tische am Abend leer, schwingt die Bauchtänzerin im „La Daurade“ vor wenigen Gästen ihre Hüften. Die Händler vor dem in dunklem Ocker leuchtenden Kolosseum von El Djem machen kein Geschäft wie früher. In der Medina von Hammamet streiten sich die Taxifahrer um Fahrgäste, und auf dem neuen Flughafen Enfihda zwischen Monastir und Sousse kann Zied Abdel-Ali, der PR-Chef, die Passagiere fast persönlich begrüßen. Auch im Museum von Karthago gibt es neben den Relikten aus ruhmreichen phönizischen Zeiten vor allem eines zu genießen: Ruhe.

In diesem Jahr scheint sich die Lage zu normalisieren. „In den letzten Monaten haben wir einen Zuwachs von 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, sagt Tourismusminister Elyes Fakhfakh. Minus 13 statt minus 50 Prozent. Ein Hoffnungsschimmer. „Tunesien gilt weltweit als Musterland für einen friedlichen Wandel in Nordafrika“, sagt Stefan Suska von Alltours. Der deutsche Ferienveranstalter rechnet damit, zum Jahresende Gästezahlen wie vor der Revolution zu erreichen. „Tunesien ist im Tourismus professionell zur Tagesordnung übergegangen“, sagt Suska - auch weil viele Hotels ihre Preise gesenkt haben, bis zu sieben Prozent. „Wir werden aber keine Billigpreis-Destination“, sagt Fakhfakh. „Wir werden Dienstleistungen und Qualität verbessern, dann wird der Preis wieder höher sein.“ Zukunftsträume.

„Alle sind froh, dass die Touristen wieder da sind“, sagt Mohamed Haoula. Der 66-jährige Jurist ist Bürgermeister in Touzla, das seit Jahrhunderten vom Olivenanbau lebt. In der alten Ölpresse backen Frauen schmackhaftes Fladenbrot, das, in frisches Olivenöl und dunklen Honig getaucht, wunderbar zur breiigen Mehlsuppe passt. Jeder Bauer hat ein eigenes Becken, obwohl die meisten mittlerweile ihre Ernte zur modernen Presse fahren, in guten Zeiten zwei bis drei Tonnen pro Tag. Doch das Idyll trügt. „Die Jungen wandern in die Stadt ab“, klagt Haoula, „sie wollen nicht in der Landwirtschaft ihrer Väter bleiben.“ Inschallah.

„Die Tunesier wollen Respekt und eine Arbeitsperspektive“

Das Klack-klack-klack der Seidenweber hallt in Mahdia durch die weißen Gassen, durch die der würzige Geruch von Couscous und gegrilltem Fisch zieht. Weben ist Männersache. „Das ist seit Ewigkeiten unser Takt“, sagt Youssef Ouaz, der Sportlehrer mit dem Diplom der Kölner Hochschule, im Schatten des kleinen Cafés vor der großen Moschee, wo einst die Kalifen der Fatimiden im 10. Jahrhundert nach Christus Hof hielten. Man trinkt Zitronade, selbst gemacht, fruchtig. Am Freitag verwandelt sich die Skiffa El Kahla, der Wochenmarkt, in eine Höhle aus Tausendundeiner Nacht. Heile Welt? Wie man’s nimmt, seufzt Ouaz. Sein Sohn studiert in Deutschland Umweltschutztechnik. Ein Job mit Zukunft. „Ob er aber zurückkommt, ist fraglich“, sagt Ouaz, „hier wird es in den nächsten Jahren keine Arbeit geben.“

Unter den dunkelblauen Sonnenschirmen auf der Terrasse des mondänen Dar Zarrouk über dem Hafen des Künstlerörtchens Sidi Bou Said, wo einst August Macke und Ernst Klee malten, redet der Tourismusexperte Afif Kchouk nicht um den heißen Brei herum. Ja, die Unzufriedenheit sei noch immer groß. Ja, die Menschen hätten noch immer zu wenig Geduld, ja, die Früchte der Revolution wüchsen nur langsam. So sieht es auch Mehdi Allani, der Besitzer des Hotels Le Sultan in Hammamet - auch er einer der Demonstranten, die Ben Ali mit dem Ruf „Dégage“, hau ab, aus dem Amt schrien. Und natürlich sperren vor dem Sitz des Premierministers noch immer dreifache Stacheldrahtrollen den Platz hermetisch ab.

Die Erwartungen seien zu hoch, glaubt Kchouk: „Die Tunesier wollen Respekt und eine Arbeitsperspektive.“ Erst dann Freiheit. „Wir haben doch keine islamische Revolution gehabt.“ Er lächelt: Schließlich habe sich seit einem Jahr der Bierverkauf in Tunesien um 30 Prozent erhöht. „Wir sind gute Moslems, aber keine Islamisten!“ Samira El Ayari, gebürtige Heidelbergerin und PR-Chefin der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer in Tunis, sieht aber auch einen Wandel: „Die Moscheen sind voller geworden, und auf dem Land tragen mehr Frauen als früher Schleier.“

Alltag in der Medina von Tunis. Männer essen für zwei Dinar (rund ein Euro) in den engen Gassen ihr Frühstück: Thunfisch, Oliven, Ei und Brot. Polizei patrouilliert, kein Militär. In den Souks hämmern die Handwerker, backen Bäcker ihre Brote, färben alte Männer Filzkappen rot. Wie immer. „Die Lage ist im ganzen Land entspannt“, sagt Mouldi Hammadi, Deutschlehrer an der Reiseleiterschule in Hammamet. Anders als zu Ben Alis Zeiten gibt es kleine Privathotels wie in Tunis das exklusive Dar El Medina in der Rue Sidi Ben Arous. In der Altstadt, wo in Seitenstraßen noch Graffiti junger Rebellen an den Wänden zu sehen sind, bieten Händler T-Shirts­ mit dem Revolutionsschrei „Dégage“ an - für 20 Dinar. Als Gag.

„Tunesien hat alles, um innerhalb von zehn Jahren seinen Tourismus zu ändern und seine Wettbewerbsfähigkeiten zu erhalten“, glaubt Fakhfakh. Das Land habe immer zu den ersten Urlaubszielen im Mittelmeerraum gezählt. Doch andere sind vorbeigezogen. „Wir lagen bei den Deutschen an zweiter Stelle, jetzt sind wir auf Platz 12 oder 13“, sagt der Tourismusminister.
Auf ein Neues also. Frage an die Nouvelair-Nachbarin auf dem Rückflug nach Stuttgart: Hatte sie Angst vor Unruhen? Sie guckt verständnislos. „Nee, Angst hatten wir nur vorm Durchfall.“ Es lebe die Revolution!