Antalya - 87 Stufen müssen erklommen werden. Das weiß komischerweise sonst niemand, der oben am Eintritt der Wasserrutsche ankommt. Nur der Rutschenanfänger zählt unbewusst mit - tut quasi alles, um sich von der bevorstehenden Überwindung abzulenken. Die kostet es, will man sich in den Schlund der King Cobra, einer der größten Wasserrutschen in der Türkei, begeben.

Schon zu Beginn der Rutschenrundreise, die drei Tage zuvor westlich von Antalya begonnen hatte, ließen Namen wie Freefall- und Tsunamirutsche das Herz des Rutschenneulings höherschlagen. Im Aquapark des Güral Premier Hotel in Tekirova in der Nähe von Kemer gibt es 22 Wasserrutschen, darunter neun „für Erwachsene“. Heißt: für Menschen ab zehn Jahren. Heißt auch: Kleine, dünne, von der Urlaubssonne braun gebrannte Jungs, die nicht älter als acht Jahre sind, flitzen an einem vorbei, während man selbst noch wie angewurzelt dasteht und vor sich hin sinniert, welche Rutsche soll die erste sein? Die 52 Meter lange Kamikazerutsche oder die 135 Meter lange Black-Hole-Rutsche, die - der Name sagt es bereits - im Dunkeln bezwungen werden muss.

"Hilfsmittel" wie Sonnencreme oder Öl machen niemanden schneller

Während die Jungs sich einer nach dem anderen, mit einem Reifen voll Luft bewaffnet und vor Freude juchzend, in die dunkle Röhre stürzen, fällt die Entscheidung für die Kamikaze-Rutsche. Denn die sieht harmlos aus: in zartem Beige führt sie einfach gerade nach unten, lediglich ein kleiner Hubbel befindet sich in der Mitte. Also rein in den Ring - und schon haben Schwer- und Fliehkraft die Oberhand gewonnen. Von wegen harmlos . . .

Wo manch einer alles versucht, die Fahrt so gut es geht zu verlangsamen, kann es anderen nicht schnell genug gehen. Florian Pfeiffer zum Beispiel. Der 22-jährige Reisebüromitarbeiter aus Uslar ist amtierender deutscher Meister im Wasserrutschen. Hilfsmittel wie Sonnencreme oder Öl machen entgegen kursierender Gerüchte niemanden schneller, weiß Pfeiffer aus eigenen Experimenten. „Am schnellsten wird es mit der Dreipunkttechnik: Hinlegen, Füße überkreuzen und das Gewicht auf einer Ferse und den beiden Schultern halten. Der Rest des Körpers wird angespannt.“ Für Frauen sei es besser, wenn sie sich nach vorn lehnten, anstatt gerade zu liegen. „Wegen des Bikinioberteils. Stoff bremst. Oder er ist, wenn es schnell wird, einfach weg“, so Pfeiffer. Ein Phänomen, dem man schnell selbst auf die Schliche kommt.

Seit Mitte der 1990er Jahre werden Wasserrutschen bei Pauschaltouristen immer beliebter. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung entscheiden in fast jeder zweiten Familie die Kinder, wohin die nächste Urlaubsreise gehen wird. Dabei stehen neben Animation und kindgerechtem Essen - dazu zählen der Schlange an der Ausgabe zufolge hauptsächlich Burger und Pommes - „außergewöhnliche Wasserrutschen“ ganz hoch im Kurs. An der türkischen Riviera gibt es etwa 940 Hotels, 27 haben einen eigenen Aquapark. Das ist gern gesehen und bietet zumindest etwas Abwechslung vom riesigen All-inclusive-Büfett - und ganz nebenbei auch den Vätern mal ein wenig Bewegung. Denn die freuen sich fast genauso wie ihr quirliger Nachwuchs über den Wasserspaß.

40 Grad geht es an der Öffnung nach unten

Nachvollziehbar. Denn die anfängliche Panik weicht schnell einer gelassenen Routine. So wird die zuvor so beängstigende Trichterrutsche mit einem Mal von Mitreisenden als „lasch“ abgetan, und auch die Tourbulance kann keinen in der Reisegruppe mehr wirklich beeindrucken.

Als alle schon dachten, nun kann sie so leicht nichts mehr beeindrucken, steht sie da: die Königskobra. Von dem 17 Meter hohen Turm ist die Aussicht beeindruckend. In der Ebene liegt friedlich die Stadt Belek, am Horizont erstreckt sich das mächtige Taurus-Gebirge. „Nur zu zweit“, lautet die Ansage von Serkan, dem Rettungsschwimmer, der aufpasst, dass auf der Königskobra im Wasserpark des Maxx Royal Hotels alles sicher zugeht. Also: Hinein mit der Rutschgenossin in den quietschblauen Doppelreifen und los - allem Bitten und Flehen zum Trotz noch mit einem kräftigen Anschubser von Serkan.

Und so rast der Reifen mit seinen zwei Insassinnen durch den orange-weiß gemusterten Schlangenkörper, mal durch eine Röhre, mal im Freien, mal rechts herum, mal links herum, bis er schließlich im gefühlt freien Fall dem Maul des Reptils entgegenschießt - um sich dann im Schlund der Kobra gemütlich auszupendeln. 40 Grad geht es an der Öffnung nach unten, bis zu 50 Kilometer je Stunde erreicht der Rutscher dort.

Gut, dass die Königin der Wasserrutschen erst am Schluss der Reise steht. Denn wer im Reifen vorn saß, hat nun erst einmal genug Adrenalin für den Rest des Jahres intus.