Der TSV 1860 verliert mit dem 20-Jährigen mal wieder ein Juwel - an Hannover. "Solche Dinge laufen bei uns seit Jahren verkehrt", schimpft Karsten Wettberg, Sportchef Oliver Kreuzer verteidigt die Entscheidung: "Im Sommer wäre er zu 100 Prozent gewechselt"

München - "Jetzt bin ich der einzige Verbliebene", sagt Maximilian Wittek der AZ. Der junge Linksverteidiger des TSV 1860 ist das letzte Glied des einstigen Trios großer Nachwuchs-Hoffnungen der Löwen – Weigl, Wolf, Wittek –, den WWW-boys. "Schade ist es schon", sagt Wittek ein bisschen betrübt, „aber ich gönne den Jungs den Schritt in die Bundesliga.“ Die Löwen verlieren nach Julian Weigl in diesen Tagen mit Marius Wolf mal wieder ihr nächstes zweibeiniges Tafelsilber.

Weigl ging schon im Sommer – und schlug bei Borussia Dortmund dermaßen ein, dass er mit Sven Bender einen Ex-Löwen und gestandenen Bundesliga-Profi verdrängte. Jetzt zieht Wolf nach: Gestern Nachmittag trudelte auch die Zustimmung von Investor Hasan Ismaik ein, die zum Wechsel nach Hannover noch fehlte. Nach dem Medizincheck reiste Wolf den 96ern ins Trainingslager nach Belek hinterher. "Vor ein paar Wochen hätte ich nicht gedacht, dass es so schnell für mich geht, in die Bundesliga zu kommen. Ich habe bei 1860 meine ersten Schritte im Profifußball gemacht. Dafür bin ich dem Verein dankbar", sagte der 20-Jährige.

Sein Abgang sorgt bei jenen, die an den Löwen hängen, für eine Gefühlswelt aus Tristesse und Wut: "Das schmerzt natürlich – genau solche Dinge laufen bei uns seit Jahren verkehrt", sagt ein frustrierter Karsten Wettberg der AZ. "Weigl war mit den zwei Millionen Ablöse weit unterbezahlt. Und bei Wolf war es mir schon klar, als er im November seinen neuen Vertrag unterschrieben hat – mit Ausstiegsklausel. Wir brauchen nicht zu diskutieren, dass er Fähigkeiten hat, die man jetzt im Abstiegskampf brauchen könnte."

Für Wettberg war es ein "handwerklicher Fehler der Ära Poschner", weil es der Ex-Sportchef nicht schaffte, mit Wolf frühzeitig zu verlängern: "Das hätte man erkennen müssen!" Interims-Manager Necat Aygün holte es nach, allerdings nicht ohne besagte Klausel, die im Sommer gegriffen hätte – und im Falle eines Abstiegs hätte Wolf sogar ablösefrei gehen können.

Der jetzige Sportchef Oliver Kreuzer rechtfertigt den Wechsel – oder redet er ihn schön? "Natürlich ist es schade, wenn so eine talentierter Spieler geht", sagt er der AZ über Wolf, "aber: Er hat im Herbst weit unter seinen Möglichkeiten gespielt. Ein gutes Pokalspiel gegen Hoffenheim, Tor gegen Duisburg, aber in Summe keine gute Halbserie. Und dann kommt so ein Spieler und sagt: Hannover interessiert mich – dann musst du abwägen", sagt Kreuzer, wohlwissend um die Vertragslage im Sommer: "Da wäre er zu 100 Prozent gewechselt und wir hätten keine Handhabe gehabt."

Daher lasse Kreuzer auch das Argument, eine Identifikationsfigur zu verlieren, nicht durchgehen: "Das Wort Identifikation ist das eine, die Realität das andere. Wenn er das so gesehen hätte, gesagt hätte: Ich bin ein Giesinger Bua – dann hätte er es durchgezogen.“ Die Löwen glauben also: Der Youngster ist im Abstiegskampf unter den gegebenen Voraussetzungen verzichtbar. Kreuzer: „Wir brauchen in den letzten 15 Spielern nur Spieler, die zu 100 Prozent einstehen für den Verein."

Und der letzte Part des WWW-Trios? Wittek, der etwaige Verhandlungen mit dem FC Augsburg im vergangenen Sommer ins Reich der Spekulationen verweist, über seine Zukunft: "Es zählt jetzt nur, die Klasse zu halten. Alles andere muss man hinten anstellen." Es gibt sie also noch, die echten Löwen.