Hier erklärt 1860-Präsident Dieter Schneider das Abstimmungsverhalten der Löwen-Delegierten, die vor Aufsichtsratschef Otto Steiner einen Denkzettel verpassten

AZ: Herr Schneider, die Delegiertenversammlung verlief zwar im Ton sehr harmonisch, bei den Abstimmungen scheint die Basis den 1860-Verantwortlichen aber einen Denkzettel verpasst zu haben. 47 Personen verweigerten dem Präsidium die Entlastung, 23 enthielten sich, 103 stimmten dafür. Noch enger lief es für den Aufsichtsrat, dem sogar 63 Delegierte die Entlastung verweigerten. Zudem enthielten sich 21 und nur 89 stimmten dafür.

DIETER SCHNEIDER: Vergessen Sie nicht, dass gerade sehr heiße Themen auf dem Tapet stehen. Stadion, Satzungsreform und Investor. Das sind genau die Themen, zu denen sich Gruppen gebildet haben, die diesen Themen auf Gedeih und Verderb all ihre Interessen unterordnen.

AZ: 1860 möchte demnächst vom Delegierten- zum Mitgliedersystem zurückkehren. Wenn jetzt schon jedes Mitglied hätte mitbestimmen können – wäre das Votum noch aussagekräftiger gewesen?

Eine Basisdemokratie, wie wir sie anstreben, hat natürlich Vor- und Nachteile. Wenn jedes Mitglied mitstimmen darf – und sie einen guten Querschnitt bekommen über die verschiedenen Meinungen und Interessen – dann ist das in Ordnung. Aber wir wissen, dass es natürlich möglich ist für sehr aktive Gruppen, Stimmung zu erzeugen. Dass diese Gruppen mit allen möglichen Wortmeldungen populistisch Stimmung machen können, ist klar.

AZ: Die knappen Ergebnisse bei der Entlastung und Wahl des Aufsichtsrats können als Watschn für den Vorsitzenden Otto Steiner gewertet werden?

Ich kann auch nur vermuten, wieso so abgestimmt wurde. Aber ich denke, wir werden sehr viel mehr überraschende Ergebnisse bekommen bei solchen Abstimmungen in Zukunft. Und dann muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er mit dem Ergebnis leben kann.

AZ: Droht wieder eine eigentlich schon überwunden geglaubte Spaltung der Fanszene?

Ich hoffe nicht. Ich bin jede Woche, teilweise zwei, drei Mal bei Fanklubs und werbe dafür, dass aus dieser Satzungsreform eben kein Thema wird, das die Fans spalten könnte.

AZ: Vor allem um die so genannte Fernmitgliedschaft ist Streit entbrannt. Mitglieder, die weiter weg von München leben, sollen künftig auch den vollen Mitgliedsbeitrag bezahlen, wenn sie bei den Jahreshauptversammlungen mitstimmen wollen.

Richtig. Ich werbe dafür, dass man da die Emotionen herausnimmt. Ich kämpfe darum, dass die Fans eine Einigung erreichen – die sie von uns als Vereinsführung verlangen.

AZ: Die Einigkeit in der Vereinsführung haben Sie in den letzten Tagen vorgelebt. Beim Vorpreschen von Investor Hasan Ismaik waren sich ausnahmsweise alle Verantwortlichen einig. Macht Sie das stolz?

Das ist ein gutes Zeichen. Wir haben alle aus der Vergangenheit gelernt. Es geht darum, dass man für den Verein das Richtige macht und die richtige Reihenfolge einlegt. Wir dürfen natürlich nicht aus Rechthaberei darauf beharren, diesen Dreijahresplan durchzuziehen. Natürlich kann man darüber nachdenken, diesen Plan mehr oder weniger zu ändern. Aber es geht um den Weg, wie man es macht.

AZ: Von der Basis hat es bei der Delegiertenversammlung kaum Nachfragen gegeben zu diesem Thema.

Es gibt natürlich weiter eine Gruppe, die ganz massiv gegen das Investoren-Modell ist – unabhängig wie’s läuft. Und dann gibt es die kritischen Geister, die das, was in den letzten Wochen passiert ist, nicht mehr so richtig einordnen können und angewiesen sind auf das Vertrauen, dass wir das schon wieder hinbringen werden. Und ich denke, dass man mir persönlich da einen gewissen Vertrauensvorschuss gibt, den ich mir vielleicht auch erarbeitet habe in der Vergangenheit.

AZ: Sie sprachen in Ihrer Rede davon, dass der Investor klarmachen müsste, wie neue Investitionen abgesichert werden sollen. Neue Darlehen werden Sie wohl kaum aufnehmen wollen...

Wenn es soweit ist, dann sollte man natürlich seinen Kopf anstrengen und jede mögliche Form der Finanzierung durchspielen. Wir müssen verhindern – in dieser Pflicht stehen wir alle – dass wir zu schnell wieder in eine Lage kommen, dass wir total überschuldet sind.

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