Triple-Olympiasieger von 2006 Greis: "Laura kann sechs Mal Gold holen"

Jubelsprung nach dem zweiten Streich: Biathlon-Star Laura Dahlmeier ist bereits Doppel-Olympiasiegerin in Pyeongchang, am Mittwoch (ab 12.05 Uhr) hat sie die Chance, die Edelmetall-Sammlung zu vergrößern. Foto: dpa

Biathletin Dahlmeier kannden dritten Gold-Coup schaffen. Exklusiv in der AZ spricht Michael Greis, Triple-Olympiasieger 2006, über ihre Chancen und ihre Stärken. "Sie steht über Neuner".

München - Michael Greis kürte sich bei den Spielen 2006 in Turin zum Triple-Olympiasieger im Biathlon. Der dreimalige Weltmeister beendete 2012 seine Karriere und ist nun als Experte für Eurosport in Pyeongchang tätig.

AZ: Herr Greis, Biathlon-Queen Laura Dahlmeier hat sich bei den Spielen in Pyeongchang bereits ihre zweite Gold-Medaille geholt, nun kann sie im 15-Kilometer-Einzel das dritte folgen lassen. Das haben Sie bei den Spielen 2006 ebenfalls erreicht. Was sagt der Triple-Olympiasieger: Haben wir nun bald eine Triple-Olympiasieger-Nachfolgerin?
MICHAEL GREIS: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Dahlmeier das schafft, dass da noch mindestens ein, zwei Goldene folgen. Ich will hier ganz sicher keinen Druck auf sie aufbauen, aber ich bin davon überzeugt, dass da noch einiges kommt. Sie kann ja am Ende sogar sechs Mal Gold holen. Ich traue ihr das zu. Oder sagen wir es so: Sie hat sechs Trümpfe in der Hand und hat zwei bereits perfekt ausgespielt.

"Die Laura Dahlmeier hat sich nicht beirren lassen"

Wie haben Sie die beiden bisherigen Auftritte von Gold-Laura erlebt?
Ich bin hier ja vor Ort. Es war wirklich beeindruckend, wie sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Es herrschen hier wirklich schwere Bedingungen, man muss von der ersten Sekunde an voll auf der Höhe sein, sonst kann es dich gleich zerlegen. Sie hat das im Sprint perfekt gemacht. Gerade beim Schießen war das unglaublich. Die anderen haben dem Druck, den Bedingungen nicht standgehalten, aber Dahlmeier hat sich nicht beirren lassen und einfach ihr Ding durchgezogen. Das ist eine Stärke, die muss man erst mal haben. Oder in sich finden.

Bei den Männern haben die Überflieger Martin Fourcade und Johannes Thingnes Bø beim Schießen im Sprint geschwächelt.
Biathlon ist eben unglaublich komplex. Das kann immer passieren, der Zuschauer im Fernsehen sieht die Scheiben riesig eingeblendet und denkt sich, da trifft man schon. Aber ich habe ein Interview mit Fourcade nach dem Rennen gesehen. Er hat gesagt, er hat alles richtig gemacht, sich gut gefühlt und dann stehen da drei Scheiben, die er nicht getroffen hat. Er kann sich nicht erklären, wie es passiert ist. Aber Laura ruht derart in sich, das wird sie packen.

Wie schafft man es, nach zwei derartigen Gold-Triumphen die Spannung aufrecht zu erhalten und dabei nicht von der inneren Euphorie und den Dingen, die von außen auf einen einprasseln, erschlagen zu werden?
Da hat die Laura a bisserl den Vorteil, dass Südkorea doch ein wenig ab vom Schuss ist. All das wird erst kommen, wenn sie den Flieger verlässt und den ersten Fuß wieder auf deutschen Boden setzt. Da wird es von Feier zu Feier, von Ehrung zu Ehrung gehen. Insgesamt muss man auch sagen, dass das Umfeld von der Laura ja auch gewaltig dazugelernt hat. Es ist jetzt nicht nur an ihr, zu einigen Dingen schlicht Nein zu sagen, sondern auch das Umfeld muss sie einfach etwas abschotten. Die Erfolge sind toll, aber sie hat ja noch Ziele vor Augen.

Hat Dahlmeier eigentlich überhaupt eine Schwäche?
Wenn sie eine hat, dann habe ich sie noch nicht entdeckt. Für mich ist sie schlicht die perfekte Athletin.

Kann Sie die Rekorde der bisherigen Biathlon-Queen Magdalena Neuner, die 2012 ihre Karriere beendet hat, eigentlich brechen?
Eigentlich hat sie das für mich schon. Beide sind Doppel-Olympiasiegerinnen. Klar, Neuner ist zwölf Mal Weltmeisterin geworden, Laura erst sieben Mal. Aber wenn man gesehen hat, wie souverän und beeindruckend sie in Hochfilzen fünf Mal Gold geholt hat, dann ist das nur eine Frage der Zeit. Man kann die beiden nicht wirklich miteinander vergleichen und Laura ist sicher nicht so das Glamour-Girl, wie es die Magdalena war, aber von der reinen Leistung her steht Laura für mich schon über der Neuner.

Sie schwärmen ja richtig von Dahlmeier.
Ich wünsche ihr einfach noch viele Goldmedaillen und drücke ihr alle vorhandenen Daumen. Mir gefällt, wie sie sich als Athletin nie hat verbiegen lassen, immer ihr Ding gemacht hat. Das ist eine Charaktereigenschaft, die mir sehr sympathisch ist. Sie ist unglaublich bodenständig und einfach in jeder Sekunde authentisch, da gibt es nichts, was sie vortäuscht oder vorspielt. Die Laura ist genauso, wie sie sich gibt. Sie hat eine wirklich beeindruckende mentale Stärke. So was gibt es nur ganz selten.

Kommt das auch von Ihrem großen Hobby? Dahlmeier ist in ihrer Freizeit Extrembergsteigerin.
Ich denke, dass das sehr eng zusammenhängt. Sie muss in diesen Situationen einen klaren, kühlen Kopf behalten und immer Herrin des Moments sein. Sie hat in den Bergen sicher auch gelernt, dass nur dieser eine Moment zählt, in dem man sich gerade befindet. Ich hoffe nur, dass sie bei ihren Bergtouren weniger Risiko geht als beim Biathlon, wo sie ja in schwierigen Situationen gerne alles riskiert.

"Dahlmeier ruht vollkommen in sich selbst"

Sie haben für sich die richtige Balance beim Wettkampf durch die Lektüre des Buches "Zen in der Kunst des Bogenschießens" gefunden. Denken Sie, dass für Dahlmeier das Bergsteigen diese Funktion übernimmt?
Ganz genau. Ein sehr guter Punkt, ich denke, dass da ganz viele Parallelen sind, dass Laura in den Bergen eben vollkommen abschalten kann, den ganzen Rummel der Öffentlichkeit ausblendet und eben mit sich und der Situation allein ist - und damit auch allein fertig werden muss. Wer jemals gesehen hat, was das für Berge sind, die sie bezwingt, der weiß, welche Stärke im Kopf sie haben muss, um das überhaupt zu schaffen. Sie ruht vollkommen in sich selbst, weiß aber eben auch, dass es ein Leben außerhalb des Biathlons gibt. Sie ist extrem bodenständig. Wer immer wieder Momente erlebt, in denen auch alles vorbei sein kann, der kann die Dinge für sich immer in Perspektive setzen und eben nicht abheben.

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