Tradition rettet Tradition Die Besitzer der Kristalldruse gehen in den Ruhestand

Ein Prachtstück von einem Bergkristall, den Freia Weise hier in der Hand hält. In ihrer "Kristalldruse" gibt’s aber noch viel mehr Preziosen. Foto: Daniel von Loeper

Die Besitzer der Kristalldruse gehen in den Ruhestand. Doch das Geschäft darf bleiben. Die Juweliere Bleiholder haben zum neuen Jahr übernommen.

MünchenUnter den Münchnern kennen sie viele vielleicht gar nicht, aber bei den Liebhabern von Mineralien und schönen Steinen kennt sie jeder – die "Kristalldruse" am Oberanger.

Seit 50 Jahren besteht der Laden, seit 1975 unter der Führung von Christian und Freia Weise. Als das Ehepaar nun beschloss, in den Ruhestand zu gehen, war die Zukunft der Kristalldruse zunächst unsicher. Würde wieder ein Traditionsgeschäft in München schließen müssen? Und was wäre mit den Mitarbeitern und den Stammkunden? "Die Kristalldruse ist, soweit ich weiß, das einzige Fachgeschäft dieser Art in ganz Deutschland. Die Kunden kommen von überall her", sagt Christian Weise.

Neue Besitzer der Kristalldruse: "Wir wollen alles so lassen, wie es ist"

Doch zum Glück kennt man sich in der Branche. "Meine Frau hat Herrn Bleiholder dann mal beim Einkaufen getroffen, im Gespräch stellte sich heraus, dass er etwas suchte und wir etwas verkaufen wollten", erzählt Christian Weise.

Die Brüder Rudolf und Robert Bleiholder betreiben ihre Goldschmiedewerkstatt und das dazugehörige Juweliergeschäft im Königshof am Stachus. Ihr Betrieb ist sogar noch älter als die Kristalldruse – seit 95 Jahren besteht er bereits. In diesem Sinne wird also ein Münchner Traditionsbetrieb zum Retter für den anderen.

"Wir wollen alles so lassen, wie es ist, und auch das Personal wird natürlich übernommen", sagt Robert Bleiholder. Die würden den Laden ja am besten kennen. So wie Ingrid Reng, die sich seit 1989 in der Kristalldruse im Angerblock um die Kunden kümmert. "Ich habe das eigentlich entspannt gesehen, ich verstehe ja, dass es Veränderungen gibt. Aber natürlich ist es schön, dass der Laden jetzt so bleibt, man kann ja nicht einfach alles umkrempeln."

Wenn der Königshof abgerissen wird, könnte es allerdings etwas enger werden in der Kristalldruse: "Wir haben die Idee, dann mit dem Juwelierladen dort quasi Asyl zu bekommen. Dann müsste man eben etwas zusammenrücken", sagt Rudolf Bleiholder zu den Plänen für die beiden Geschäfte.

"Die gute Seele des Hauses war immer meine Frau", betont Christian Weise, "ich war eher im Hintergrund." Oder in der Welt unterwegs. Von Arizona über Brasilien bis nach Russland und in die Ukraine haben ihn seine Reisen geführt – überall hat er die kostbaren Steine eingekauft.

Kunden aus aller Welt kommen in die Kristalldruse

Denn selbst finden kann man kaum etwas, besonders in Deutschland und Österreich. "In den 60er Jahren war das noch anders, weil es hier nach dem Krieg viel aktiven Bergbau und auch Steinbrüche gab. Und in Österreich sind viele Gegenden schon abgesammelt oder in Naturschutzgebiete verwandelt, wie die Hohen Tauern", erklärt Weise.

Als er in den 60er Jahren noch sein Geschäft in der Clemensstraße betrieb, gab es noch sechs andere Läden dieser Art in München, heute ist nur die Kristalldruse übrig. Das liegt auch daran, dass Christian Weise zusätzlich einen Verlag gegründet hat, der Bücher und eine eigene Zeitschrift vertreibt.

Das lockt Kunden aus der ganzen Welt in die Kristalldruse. "In diesem Jahr habe ich einen 13 Zentimeter großen Aquamarinkristall mit einer Sammlung gekauft, der einzige, der je in Portugal gefunden wurde. Da ist dann ein Kunde extra aus Spanien gekommen", sagt Weise. Obwohl er selbst Geophysiker ist und jahrelang am Institut der Ludwig-Maximilians-Universität geforscht hat, wird er in seiner Begeisterung immer noch oft von seinen Kunden mitgerissen. "Wenn ich da etwa an die Dame denke, die ganz rote Wangen bekam vor Begeisterung über einen Stein, dann sind das schon sehr schöne Erinnerungen", erinnert er sich.

Trotzdem ist es jetzt an der Zeit in den Ruhestand zu gehen – dank der Übernahme durch Bleiholder tut Christian Weise das mit einem guten Gefühl. Und die neue Freizeit? Die will er zum Reisen nutzen. Zu Zielen, die endlich nicht mehr der Beruf bestimmt.

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