Toth-Angehörige kämpfen um Freilassung Neun Jahre nach dem Mord: AZ im Böhringer-Penthouse

In der Wohnung, in der Charlotte Böhringer (links) ermordet wurde, hat sich in neun Jahren nicht viel getan. Sogar Spuren von der Tat und von den Ermittlungen sind noch zu sehen. Klicken Sie durch die Bilderstrecke! Foto: job

Die Familie des als Mörder inhaftierten Bence Toth (40) kämpft um seine Freilassung – und gewährt erstmals Zutritt ins Penthouse, das zum Tatort wurde.

München – Es ist kühl in der riesigen Wohnung. Die Besucher frösteln. Doch es liegt nicht nur an den ungeheizten Räumen oder den kalten Marmorböden. Es ist das Bewusstsein, dass hier ein grausames Verbrechen geschehen ist. Auch nach so langer Zeit sind noch Spuren der Tat zu sehen.

In sechs Monaten jährt sich der Mord an Charlotte Böhringer († 59) zum zehnten Mal. Am 15. Mai 2006 wurde die Millionärswitwe, die alleine über ihrem Parkhaus mit Tankstelle in bester Innenstadtlage lebte, beim Verlassen ihrer Wohnung brutal ermordet. Der Täter schlug ihr 24 Mal mit großer Wucht gegen den Kopf.

 

Die Familie des verurteilten Mörders glaubt weiter an seine Unschuld

 

Drei Tage später wurde ihr Neffe Benedikt Toth, genannt Bence, verhaftet. Der heute 40-Jährige ist als Mörder verurteilt – und beteuert bis heute seine Unschuld. Seine Eltern, sein jüngerer Bruder Mate und seine Freunde stehen unerschütterlich zu ihm. Juristisch sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft (AZ berichtete). „Ich bin mit meinen Möglichkeiten langsam am Ende“, sagt sein Anwalt Peter Witting.

Lesen Sie hier: Benedikt Toth: "Ich bin kein Mörder"

Bences Familie will trotzdem weiter kämpfen. „Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass seine Unschuld doch noch bewiesen wird. Das gibt uns die Stärke, ebenfalls nicht aufzugeben“, sagt sein Vater Bence Toth Senior. Vor ein paar Monaten hat sein Sohn im Gefängnis in Straubing einen Artikel über den PR-Experten Terry Swartzberg gelesen. Der 62-jährige gebürtige US-Amerikaner lebt seit 30 Jahren in München und leitet die Initiative „Stolpersteine für München“.

Er bat seine Familie, Terry Swartzberg zu engagieren. Gestern luden sie Journalisten zu einer Pressekonferenz in die Mordwohnung in der Baaderstraße ein. Erklärtes Ziel ist, den Fall Böhringer im Bewusstsein der Öffentlichkeit wachzuhalten, ihn zum Politikum zu machen – und vor allem, mögliche Zeugen oder Mitwisser dazu zu bringen, auszupacken.

„Wenn Bence Toth seine Tante nicht ermordet hat, läuft der wahre Mörder frei herum. Diesen Menschen zu finden, ist unser Ziel“, so Swartzberg. Für entsprechende Hinweise lobte die Familie 2014 eine Belohnung von 250 000 Euro aus.

 

Pressekonferenz in der Mordwohnung

 

Die Pressekonferenz in der Mordwohnung findet im „kleinen Esszimmer“ statt. Die Gäste nehmen auf antiken Stühlen mit geschnitzten Löwenköpfen Platz. Der passende Tisch steht auf Löwentatzen.

Im „kleinen Esszimmer“ saß Charlotte Böhringer, wenn sie wenige Gäste hatte. „An Ostern oder Weihnachten haben wir hier zusammen gegessen“, erinnert sich Emese Toth. Die 62-Jährige ist die Schwester des Mordopfers und die Mutter von Bence.

„Für meine Frau ist es eine doppelte Tragödie“, sagt ihr Mann. „Unser Leben ist ruiniert. Seit Mai 2006 gibt es für uns kein Weihnachten, kein Silvester und keine Geburtstage mehr. Unser einziges Glück sind unsere drei Enkelinnen.“

Die Penthouse-Wohnung mit einer Grundfläche von 400 Quadratmetern und Blick auf die Frauentürme steckt noch voller Erinnerungen an die Ermordete. Im Schlafzimmer steht noch ihr Bett, darüber eine edle Tagesdecke. Im „großen Esszimmer“ hängen üppig geraffte goldene Vorhänge. Goldfarben sind auch die Wasserhähne in den drei Bädern und sogar die Verkleidungen der Steckdosen.

 

"Von uns will niemand hier wohnen"

 

Jahrelang hat Mate Toth, der die Wohnung erbte, kaum etwas verändert. An der Tür des Fahrstuhls gegenüber der Sauna klebt noch Graphitpulver, mit dem der Erkennungsdienst Spuren sicherte. Das Gleiche in der Küche: Am Kühlschrank, am Geschirrspüler und in der Spüle sind noch die Reste der Polizeiarbeit zu sehen.

Neuneinhalb Jahre nach dem Mord an seiner Tante will Mate Toth die Wohnung nun komplett renovieren lassen. „Von uns will niemand hier wohnen“, sagt er. Auch sein Bruder Bence, der jetzt im Gefängnis ein Buch schreibt, würde nicht in die Wohnung seiner Tante einziehen wollen, wenn er entlassen wird.

Mate Toth sagt, dass er erfahren habe, dass der Besitzer einer ähnlich großen Wohnung in der Reichenbachstraße 20 000 Euro Miete verlangt habe. Allerdings ist dort kein Verbrechen geschehen.

 

 

Der Fall

 

Charlotte Böhringer wurde am 15. Mai 2006 an ihrer Wohnungstür zurückgedrängt und erschlagen. Das Tatwerkzeug blieb unauffindbar. Drei Tage später verhaftete die Polizei Bence Toth.

Nach Überzeugung der Ermittler war sein Motiv Habgier: Der Neffe habe gefürchtet, wegen seines abgebrochenen Jura-Studiums enterbt zu werden.

2008 das Urteil: Lebenlang mit besonderer Schwere der Schuld. Frühestens 2028 könnte er freikommen. Bence Toth hat die Tat stets geleugnet. Das Urteil wurde vom BGH bestätigt. Wiederaufnameantrag und Verfassungsbeschwerde scheiterten.

Der Mordfall Böhringer ist am 14.11.15 Thema bei Vox: „In den Fängen der Justiz“, 20.15 Uhr.

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