Um die Gardinen im Schlafzimmer abzuhängen, steigt Lilia W. auf einen Bürostuhl. Der rollt weg, sie kippt aus dem Fenster.

München - Neben der Ledercouch im Wohnzimmer steht ein kleiner Tisch. Darauf: eine weiße Kerze, an die ein Foto einer blonden Frau angelehnt ist. „Das ist meine Lilia. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie nicht mehr bei mir ist“, sagt Mika W. (59). „Wir hatten noch so viel vor.“ Lilia W. († 53) ist beim Hausputz aus dem Fenster im fünften Stock des Mehrfamilienhauses an der Putzbrunner Straße in München-Neuperlach gefallen.

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16 Meter in die Tiefe. Sie ist auf der Stelle tot. „In der Früh habe ich mich von ihr verabschiedet. Sie war mit unserem Foxterrier Bagi Gassi gehen. Ich habe ihr noch ein Bussi gegeben und bin dann in die Arbeit“, erinnert sich Mika W., der Techniker bei den Münchner Stadtwerken ist. Um acht Uhr klingelt sein Telefon in der Arbeit. Seine Frau ist dran: „Ich habe so viel zu tun. Ich muss die Gardinen waschen und die Fenster putzen.“ Sie legt auf.

Als Mika W. am vergangenen Donnerstag von der Arbeit kommt, sieht er neben dem Haus Polizei und Notarzt. „Ich bin näher hin, und dann sah ich auch schon Lilia. Die Polizei sprach erst von Selbstmord. Ich sagte den Beamten, dass das nicht sein kann. Sie war so glücklich.“ Zumal sie eine schwere Krankheit überwunden hat.

„Vor sieben Jahren stürzte sie schwer. Sie bekam falsche Medikamente. Die Leber wurde angegriffen. Sie konnte kaum laufen, war auf einen Rollstuhl angewiesen. Sie musste in Frührente“, sagt Mika W., und: „Es ging immer mehr bergauf. Da steht ihr Rollator. Den brauchte sie nicht mehr.“ Die Gerichtsmediziner stellen fest: ein häuslicher Unfall. Lilia W. telefoniert am Nachmittag vor dem Unglück mit einer Freundin. Über eine Stunde.

Sie freut sich auf den Urlaub im September. Mika W.: „Ich werde da 60 und kann in Rente. Wir wollten uns im Bayerischen Wald ein Einfamilienhaus kaufen, um dort unseren Lebensabend zu verbringen. Allein mache ich das jetzt nicht mehr. Ich gehe zurück nach Polen.“ Nach dem Telefonat bringt Lilia W. gegen 15 Uhr den Putzeimer ins Schlafzimmer. Erst müssen die beiden dunklen Gardinen von der Laufschiene genommen werden.

Sie rollt den Bürostuhl ihres Mannes, der im Schlafzimmer vor einem Computer steht, zum geöffneten Fenster. Die erste Gardine legt sie sofort in die Waschmaschine. Die zweite klemmt. Sie zieht fester. In dem Moment rollt der Stuhl weg. Lilia W. kippt nach hinten durch das geöffnete Fenster in die Tiefe, prallt auf den Grünstreifen. Dort findet man sie eine halbe Stunde später.

Am Mittwoch wird sie eingeäschert. „Ihre Urne nehme ich mit nach Polen, dort werde ich sie beerdigen. Unseren Sohn, der in England als Professor tätig ist, habe ich noch nicht erreicht. Der weiß noch nicht, dass seine Mutter tot ist“, sagt Mika W. mit verweinten Augen. „Warum hat sie nicht die kleine Leiter genommen? Die steht hier auf dem Balkon.

 

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