Tito: eine neue Biografie Tito - Der sozialistische Sonnenkönig

Tito-Devotionalien, wie man sie im gesamten Ex-Jugoslawien angeboten bekommt. Foto: isfort

Joze Pirjevec hat die erste umfassende Biografie über Josip Broz geschrieben, der als jugoslawischer Staatschef Tito dem Osten und Westen die Stirn bot

Bescheidenheit kannte er nicht. Doch vielleicht hätte sich selbst Tito über die Anteilnahme an seinem Tod gewundert. Vertreter aus 127 Nationen (154 gab es) nahmen am 8. Mai 1980 Abschied vom jugoslawischen Staatschef, der vier Tage zuvor kurz vor seinem 88. Geburtstag gestorben war. Die Zusammenkunft von Regierenden von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs und aus den blockfreien Staaten war einmalig außerhalb einer Versammlung der Vereinten Nationen.

Was für ein Ende eines Lebens, das am 7. Mai 1892 im österreich-ungarischen Kumrovec (heute Kroatien) begann, als Josip Broz als siebtes Kind von slowenisch-kroatischen Kleinbauern das Licht der Welt erblickte. Der slowenische Historiker Jože Pirjevec arbeitete Jahrzehnte an der ersten großen Gesamtdarstellung von Titos Leben, die nun erschienen ist: Es zeigt einen Mann, der in den Wirren des 20. Jahrhunderts ungewöhnliche Aufstiegsmöglichkeiten fand. Aber nichts im Leben des Schlossers mit nur vier Jahren Schulbildung, der im Ersten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geriet, wäre so verlaufen, wenn Tito nicht schon früh seinen Weg mit Skrupellosigkeit, Führungsstärke und Charisma unbeirrt verfolgt hätte. Er beschaffte Geld für die (illegale) Kommunistische Partei des 1918 gegründeten Königreichs Jugoslawien, wurde zwischen 1929 und 1934 fünf Jahre inhaftiert, engagierte sich für die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg und erlebte den Machiavellismus der kommunistischen Macht in angstbesetzten Monaten im Moskauer Hotel Lux (wo er Herbert Wehner kennenlernte).

Die Säuberungspolitik lernte er von Stalin

Die stalinistische Säuberungspolitik spülte Tito an die Spitze der jugoslawischen Kommunisten. Seine große Stunde schlug, als Deutschland 1941 Jugoslawien überfiel. Tito organisierte den Widerstand der kommunistischen Partisanengruppen – und machte den deutschen und italienische Truppen das Leben schwer. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, erklärte seinen Offizieren: „Tito ist unser Feind, aber ich wünschte, dass wir ein Dutzend solcher Titos in Deutschland hätten, Leute von solchen Führungsqualitäten und solcher Entschlossenheit.“

Mit einem Spezialeinsatz, dem „Unternehmen Rösselsprung“, an dem mehrere tausend deutsche Soldaten beteiligt waren, sollte Titos Kommandostand, eine Baracke im Becken von Drvar, eingenommen werden. Die Aktion am 25. Mai 1944 gelang, aber Tito entkam um Haaresbreite und sollte diesen Tag fortan als seinen Geburtstag feiern und als Tag des Sieges der Partisanen.

Tito konnte nach Bari ausgeflogen werden. Bald darauf traf er Winston Churchill, dem er versicherte, nicht die Absicht zu haben, in Jugoslawien ein kommunistisches Regime einzuführen. Dann schlug seine (blutige) Stunde. Der Bürgerkrieg schwelte auch nach Mai 1945 in Jugoslawien bis „zur völligen Liquidierung jeden Widerstands gegen das siegreiche kommunistische Regime“. Die Propaganda versuchte, die verfeindeten Völker mit „Wir sind Tito“ zu einigen. Und Tito konstruierte Jugoslawien als föderative Volksrepublik, in der er – zum Ärger Stalins – seine eigene Rezeptur sozialistischer Ideen entwickelte, inklusive Privatwirtschaft in kleinem Maßstab.

Armut für das Volk, Luxus für Tito

Genosse Tito, die „Erdbeere aus dem Morgentau und Stolz unserer Völker“ – wie es in einem Huldigungsgedicht hieß – sammelte Luxuslimousinen und Paläste. Bald schon kostete der Führungs- und Repräsentationsstil Titos den jugoslawischen Staat weitaus mehr, als König Alexander jemals beansprucht hatte. Tito achtete auf sein stets gebräuntes Antlitz als Kontrast zu seinen mit echtem Gold verzierten weißen Fantasieuniformen. Sein legendärer Frauenverschleiß und die Taufe von Straßen, Städten und Bergen mit seinem Namen rundeten das Gesamtbild des autokratischen Sonnenkönigs ab. Die Anekdote, dass Tito regelmäßig Milchbäder genommen habe, zu einem Zeitpunkt, da die meisten Kinder kaum Zugang zu Milch hatten, könnte aber auch russische Propaganda sein, wie Jože Pirjevec schreibt.

Dennoch, das Volk stand in den Nachkriegsjahren oft ganze Nächte hindurch Schlange vor Lebensmittelläden, während Tito den istrischen Archipel Brioni ausbauen ließ, ein Komplex, der nach Auskunft eines westdeutschen Botschafters „an das Landgut eines römischen Kaisers“ erinnerte, inklusive aufgeforstetem Hochwald und einem Privatzoo mit exotischen Tieren. In den folgenden Jahren konnte Tito dort so illustre Gäste wir Orson Welles, Sophia Loren, Liz Taylor und Richard Burton begrüßen, die in jugoslawischen Filmen mitspielten. 200 Filme über den heroischen Partisanenkampf sollen entstanden sein. Pirjevec urteilt: „In diesem verzuckerten Paradies Brioni arbeiteten mehrere tausend Menschen für seine Bequemlichkeit und Sicherheit.“ Wie einer von Titos Leibärzten notierte, lebte „kein zeitgenössischer Herrscher in größerem Luxus und Wohlstand“. Bis zu sechs Monate jährlich hielt sich Tito hier auf. Als in den 60er Jahren ein Film über Titos Alltag auf Brioni gezeigt wurde, ging der Schuss nach hinten los: Die Menschen klagten, dass „auf Brioni für die Tiere besser gesorgt wird als in diesem Staat für die Arbeiter“.

Dass es dennoch nicht zu einer völligen Entfremdung zwischen Volk und Regierung kam, lag auch an Titos Status als Kriegsheld, Revolutionär, der Stalin die Stirn bot, und seinem Geschick, Jugoslawien einen ganz besonderen Status zu verleihen. Er wolle nicht „im Kuhhandel der Großmächte das Kleingeld sein“, hatte Tito vor Tausenden von Zuhörern verkündet, und er hielt sich mit Geschick, Mut und Starrköpfigkeit an diese Regel.

Innenpolitisch hatte er dafür gesorgt, dass Armee und Polizei in der Hand der kommunistischen Führungseliten blieben, außenpolitisch konnte er sich über Wasser halten, obwohl Stalin Jugoslawien aus dem Kominform ausschloss. Dass Tito sich nicht von Moskau in die Knie zwingen ließ und es auf der Weltbühne wagte, die Allmacht des Kremls infrage zu stellen, war dem Westen Geld und Waffen wert – und Lobpreisungen: „Sie verglichen Tito mit Martin Luther und Heinrich VIII. und meinten, dass sein Vorbild dem monolithischen Sowjetblock stark zusetzen werde“, schreibt Pirjevec. Der britische Außenminister prägte den Ausdruck, der noch auf viele Diktatoren übertragen werden sollte: Tito sei zwar ein Hurensohn, „aber jetzt ist er unser Hurensohn“.

Der Aufstieg zum Weltpolitiker

Doch Tito band sich und Jugoslawien in einem artistischen Balanceakt an niemanden – zumindest nicht dauerhaft. Im Juli 1956 legte er gemeinsam mit dem indischen Ministerpräsidenten Nehru und dem ägyptischen Präsidenten Nasser mit einer Deklaration das Fundament für die Bewegung der blockfreien Staaten, die das dualistische Weltbild des Kalten Krieges überwinden wollte. Dies bedeutete Titos Aufstieg zum Weltmann, doch in Jugoslawien verschärften sich die Probleme. Tito unternahm dreimonatige Reisen nach Asien und Afrika, knüpfte Kontakte und rief zum Kampf gegen den Kolonialismus auf, heimische Probleme blieben ungelöst: Demonstrationen und Streiks wurden vom „Sicherheitsdienst“ erstickt, bevor es zum Flächenbrand kommen konnte. Auch in der politischen Führungsriege gab es Kämpfe, aber Titos charismatische Herrschaft konnte niemand gefährden.

Im Unterschied zu Bewohnern anderer sozialistischer Staaten genossen die Jugoslawen große Privilegien wie die Reisefreiheit. Hunderttausende arbeiteten im Ausland – vor allem in Westdeutschland. Und die kroatische Küste war ein riesiger Devisenbringer für die rückständige Wirtschaft des Landes, die nie den Anschluss an westliches Niveau fand. Dazu gab es gravierende Unterschiede innerhalb des Vielvölkerstaates: 1970 war das Bruttonationaleinkommen in Slowenien pro Kopf fünf mal höher als im Kosovo, was die nationalen Spannungen noch verschärfte. In Zagreb kursierten Parolen wie „Bisher tranken wir dalmatinischen Wein, jetzt trinken wir serbisches Blut“, in Priština zogen Tausende durch die Straßen, skandierten „Es lebe Enver Hoxha“ und forderten die Vereinigung mit Albanien. „Hier wird es zuerst knallen“, war sich Tito sicher.

Dass es der Titoismus nicht geschafft hatte, die Nationalismen im Vielvölkerstaat zu bezwingen, war wohl seine empfindlichste Niederlage. „Jugoslawien gibt es nicht mehr“, soll er einem alten Kampfgenossen wenige Jahre vor seinem Tod gesagt haben. „Als nationaler Patriarch, Retter und politischer Organisator ist Tito unersetzlich“, urteilte die CIA.

Davon war Tito selbst so überzeugt, dass er es unterließ, einen Nachfolger aufzubauen. Immer weltentrückter, von schwerer Krankheit gezeichnet und zunehmend isoliert, verbrachte er die Abendröte seiner Macht. Sein Tod jedoch schockierte das Land, es kam zu Hamsterkäufen, weil niemand an ein Jugoslawien ohne Tito glauben konnte. Und als ein gewisser Slobodan Miloševic 1986 zum Führer der serbischen Kommunisten aufstieg begann eine Radikalisierung, die schließlich zur blutigen Auflösung Jugoslawiens führte.

Nicht jede Maserung im Marmorblock Tito wäre unbedingt erwähnenswert gewesen, Jože Pirjevec’ Fleißarbeit deckt auch die mageren Unterhaltungsqualitäten von Parteitagen und Politbüroquerelen auf. Aber es ist bewundernswert, wie der Autor die Balance zwischen Respekt und Distanz hält und die Schwachstellen des Autokraten ebenso ausleuchtet wie dessen unbestrittenen Verdienste.

Die wahre Rolle des Geheimdienstes Udba und dessen zahlreiche Morde an jugoslawischen Dissidenten (auch in Westdeutschland!) allerdings kann auch Pirjevecs ansonsten überwältigend umfassendes Buch nicht klären. Sie bleibt bis auf weiteres eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte eines verschwundenen Landes.

Volker Isfort

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