Tierquälerei Skrupelloser Vogelmord: Endstation Ägypten

Ende einer weiten Reise: eine Wachtel im Fangnetz. Im Hintergrund patroulliert ein Vogeljäger mit Flinte. Foto: Holger Schulz

Mindestens 10 Millionen Zugvögel verenden jedes Jahr im Land der Pharaonen. Sie verheddern sich in Fangnetzen, die skrupellose Vogeljäger entlang der gesamten Mittelmeerküste aufgestellt haben.

Port Said Sie reichen vom Gaza-Streifen bis zur libyschen Grenze: Über 700 Kilometer versperren Fangnetze entlang der ägyptischen Mittelmeerküste den Zugvögeln den Weg. Welche Ausmaße die Jagd angenommen hat, entdeckten BR-Reporter Jens-Uwe Heins und Zugvogelexperte Holger Schulz, die für die TV-Reihe „Expedition Mittelmeer“ im Land der Pharaonen unterwegs waren: Jedes Jahr finden dort mindestens 10 Millionen Vögel den Tod. Für die AZ haben Jens-Uwe Heins und Holger Schulz aufgeschrieben, was sie gesehen und gefilmt haben:

Bei Port Said erreichen wir das Mittelmeer. Schon von der Küstenstraße aus erkennen wir eine regelmäßige Reihe von Pfählen – und dann die dazwischen gespannten Netze. Fangnetz an Fangnetz, in endloser Reihe, etwa 3,5Meter hoch. Wir folgen den Netzen nach Westen. Zehn Kilometer weit, 50 Kilometer, 100 Kilometer – ein Ende ist nicht in Sicht. Fast lückenlos lauert der Tod.

Unterbrochen wird die riesige Fanganlage nur dort, wo Städte und Dörfer bis direkt ans Wasser reichen oder Militäranlagen den Jägern den Zugang verwehren.

Am Straßenrand steht ein Händler neben Stapeln von roh gezimmerten Holzkäfigen. Die Kisten sind voll gestopft mit Wachteln, die er zum Kauf anbietet. Ein paar Kilometer weiter: Ein junger Bursche winkt mit einem großen Bündel. Als wir anhalten, erkennen wir auch hier: 30Wachteln, an den Füßen zusammen gebunden, fertig für ein üppiges Mahl.

Im Souk von El Rasheed, am westlichen Mündungsarm des Nils, finden wir Zugvögel aus ganz Europa: in Käfigen eng zusammengepfercht, hilflos den Schlächtern ausgeliefert – und die haben ihr Handwerk bereits begonnen. Ein Schnitt und die Vogelkehle ist durchtrennt. Der schlaffe Körper landet auf einem Haufen anderer Leichen. Ein paar Jungs rupfen die Kadaver.

Die nackten Vögel, gelb glänzend vom Fett, das ihnen den Flug über die Wüste nach Süden ermöglichen sollte, liegen auf einem blutigen Holzbrett. Ein zweiter Schnitt zerteilt die winzigen Körper. Ein Stück Chilischote rein, ein paar Gewürze, und schon landet das, was einmal ein geschützter Vogel war, in der Styroporpackung für die Gefriertruhen. Fertig aufbereitet für Restaurants in Kairo oder anderswo.

Am Nachbarstand liegen Tausende von toten Singvögeln am Boden. In Holzkäfigen dämmern noch zahllose Gefiederte ihrem Ende: Fitise, Steinschmätzer, Wendehälse und Pirole, Nachtigallen und Neuntöter, Grasmücken und Wiedehopfe. Viele dieser Arten sind in Europa gefährdet und werden bei uns mit großem Aufwand geschützt.

Für die ägyptischen Vogelhändler sind sie nichts weiter als ein fettes Geschäft: Die Wachtel kostet bis zu fünf Euro, ein Singvogel drei. Auf dem Souk von Rasheed zählen wir an diesem Morgen etwa 10000 Singvögel und 3000 Wachteln. Die Ausbeute eines einzigen Tages, auf einem einzigen Markt von vielen im Land.

Vorbei an endlosen Netz-Wänden gelangen wir nach El Alamein. Schon an der Einfahrt lauert der Tod. Ein riesiges Netz ist über einen kargen Baum gespannt und wirkt als Reuse. Sie wird allen Kleinvögeln, die hier Schatten suchen, zum Verhängnis. Überall in den Dörfern und Gehöften um El Alamein entdecken wir ähnliche Netze. In der Nähe knallen Flinten: Ganze Gruppen von Jägern sind dort vor allem auf Turteltauben aus.

Als wir unterhalb von El Alamein an die Dünen gelangen, hören wir laut und deutlich mehrere Wachteln rufen. Fasziniert lauschen wir dem Konzert – aber dann kommt uns all das irgendwie seltsam vor. Kein Wunder, denn die glockenklaren Rufe kommen aus einem Lautsprecher, der auf einen Jeep montiert ist. Mit der Klang-Attrappe vom Band locken die Jäger die Vögel in ihre Netze.

Was kann man tun, um dieses Massaker zu beenden? Hier hilft nur internationaler Protest: Schreiben Sie an die ägyptische Botschaft und fordern Sie den sofortigen Stopp des massenhaften Zugvogelmordes an der ägyptischen Mittelmeerküste. Auch der Nabu wird sich mit einer großangelegten Kampagne in Ägypten engagieren.

 

 

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