Streicheln, quälen, schlachten Richard David Precht über das Verhältnis zwischen Tier und Mensch

Dürfen wir Tiere quälen und töten, um sie zu essen? Oder zu unserem Vergnügen gefangen halten? Der Philosoph Richard David Precht hat sich in seinem neuen Buch „Tiere denken“ grundsätzlich mit dem Verhältnis Mensch und Tier auseinandergesetzt... Foto: dpa/az

Unser Verhältnis zu Tieren ist komplex, äußerst widersprüchlich und müsste unbedingt mal neu überdacht werden, findet der Philosoph Richard David Precht, sein BuchTiere denken“ wirbt für einen neuen Umgang.

Dürfen wir Tiere quälen und töten, um sie zu essen? Der Philosoph Richard David Precht hat sich in seinem neuen Buch „Tiere denken“ grundsätzlich mit dem Verhältnis Mensch und Tier auseinandergesetzt – und wie es sich über die Jahrtausende entwickelt hat. Es ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Richard David Precht: Der 51-jährige Philosoph und Autor wurde 2007 durch den Millionenseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ bekannt, er hat eine Sendung im ZDF (Foto: rbb/Amanda Berens/Goldmann Verlag).

AZ: Herr Precht, Sie haben dieses Buch vor zwanzig Jahren schon einmal veröffentlicht – und nun gründlich aktualisiert. Die Situation der Tiere hat sich leider nicht verbessert.

RICHARD DAVID PRECHT: Tatsächlich ist die real existierende Praxis der Massentierhaltung schlimmer geworden, weil global die Fleischpreise gesunken sind. Deutschland war vor zwanzig Jahren nicht konkurrenzfähig und hat dann die Massentierhaltung so rationalisiert, dass man exportfähig wurde. Dadurch sind die Verhältnisse quantitativ noch barbarischer geworden als vorher. Aber positiv könnte man immerhin verzeichnen, dass die Sensibilität darüber, was man mit Tieren machen darf oder soll, in den letzten zwanzig Jahren durchaus gestiegen ist. Außerdem gibt es rund acht Millionen Menschen in Deutschland, die auf Fleisch verzichten, das waren damals wahrscheinlich nur ein paar Zehntausend.

Was hilft es? Wir haben mehr gequälte Tiere als je zuvor in Deutschland.

Das stimmt. Aber die Asymmetrie zwischen dem, was die Leute denken, und dem, was hinter den Kulissen geschieht, ist heute absurder, als sie früher war, so dass wir dem großen Knall tendenziell näherkommen.

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Wieso gibt es keine Einsicht?

Die gibt es. Ich habe neulich einen Vortrag vor Milchbauern gehalten. Auch denen ist klar, dass Massentierhaltung, wie sie global betrieben wird, ein Klimakiller ist, Verseuchung der Böden, Landraub, Monokulturen und andere furchtbare Nebeneffekte hervorbringt. Man kann die Fakten nicht bestreiten. Die Frage ist aber: Welches politische Korrektiv gibt es zur ökonomischen Vernunft? Die Grünen sind mal als eine solche Partei angetreten. Sie sind es aber nicht mehr. Es gibt engagierte Leute wie Anton Hofreiter, der ein Buch gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft geschrieben hat. Aber insgesamt ist das für die Grünen ein untergeordnetes Thema geworden.

Sie setzen Ihre Hoffnung eher auf das „Kulturfleisch“, also im Labor durch Gewebezüchtung hergestelltes Fleisch.

Das ist eine sehr spannende Geschichte. Wodurch geschieht der Wandel? Durch Sensibilisierung? Das dauert sehr lange. Das Kulturfleisch wäre aber eine Lösung weltweit. Ich fände es bloß wichtig, dass wir es nicht dem Silicon Valley überlassen. Dort investieren die Spitzenmanager massenhaft in das Kulturfleisch. Aber was sie wirklich wollen, ist das Monopol.

Wie realistisch ist denn die Umsetzung?

Der erste, an der Universität in Maastricht entwickelte Burger hat noch 250 000 Euro gekostet, jetzt geht es schon für ein paar hundert Euro. Das Hauptproblem bleibt bislang die zu langsame Zellteilung. Wenn man diese stark beschleunigen könnte, wäre die Rentabilität so groß, dass die konventionelle Massentierhaltung genauso schnell verschwinden würde wie bald der Verbrennungsmotor und der individualisierte Verkehr aus den Städten.

Das klingt nach einer schönen, neuen Welt.

Ich bin überrascht, dass es Leute gibt, die mich sofort als den Bösen sehen, wenn ich für das Kulturfleisch Werbung mache. Sie argumentieren mit ihrer eigenen Technikfeindlichkeit und übersehen dabei, dass man Gentechnik furchtbar und gut einsetzen kann. Das ist aber vielen Menschen, die sich mit Bio- und Ökothemen beschäftigen, gar nicht zu vermitteln, die haben so eingetragene Feindbilder.

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Apropos Feindbilder: „Zoos sind KZs, die von Kriminellen geführt und von Idioten besucht werden“, steht in Ihrem Buch.

Das hat mir der Tierrechtler Helmut Kaplan mal geschrieben.

Das ist aber nicht Ihre Haltung?

Nein, gar nicht. Wenn das Tier ganz aus dem Fokus der Gesellschaft gerät, würde sich eine noch größere Gleichgültigkeit breit machen. Die Argumentation der Zoos ist, dass die Tiere dort Botschafter sind für den Artenschutz in den Heimatländern. Das klingt plausibel. Die Frage aber ist: Wie müsste ein Zoo aussehen, der diese Funktion erfüllt? Ich bin für Zoos, aber bei weitem nicht für jeden Zoo und schon gar nicht für alles, was ich in den Zoos sehe. Aber die plumpe These, der Mensch habe nicht das Recht, ein Tier zu halten, unterschreibe ich nicht.

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Die eine ja, die andere geht dort auch freiwillig hin. Was ich aber sagen wollte: Wir halten ja keine Haustiere, um Tiere glücklich zu machen – sondern uns.

Ist das egoistisch?

Natürlich kann man Haustiere haben, wenn man sich um sie kümmert. Ich selber habe zu kuscheligen Haustieren keinen richtigen Bezug. Meine Faszination für Tiere ist, dass es in der Welt Lebewesen gibt, die der Mensch nicht erschaffen hat, die nach ihren eigenen Vorstellungen existieren. Haustiere sind da schon eher eine Mischform, Züchtungen nach dem Willen des Menschen.

Die Menschen haben lange gebraucht, zu akzeptieren, dass wir einen gemeinsamen Ursprung haben mit Gorillas und Schimpansen.

Wir akzeptieren es heute – aber ohne rechtliche Konsequenzen! Wir bestreiten nicht mehr, dass Schimpansen wahnsinnig komplexe Lebewesen sind mit Gefühlen, sozialen Strukturen, Sprache. Wieso aber trennen wir dann Menschen und Tiere? Warum gilt für den Schimpansen das Tierschutzgesetz, das eine Art Sachgesetz ist? Es ist ein Text über das Töten, in dem fast nur davon gesprochen wird, wie man sachgerecht Tiere zerlegt oder sachgerecht zum späteren Töten hält. Das ist kein Gesetz, bei dem ein Schimpanse jubeln würde. Ich mache mich dafür stark, dass man subjektive Anspruchsrechte für Primaten gerichtlich geltend machen kann. Und zwar in Form der Verbandsklage.

Was sollte das bringen?

Wenn ein Hersteller beispielsweise einen giftigen Joghurt herstellt, dann kann ich im Sinne der Verbraucher gegen die Firma klagen. Auch ohne dass mich ein Verbraucher beauftragt hat. Genauso muss ich im Sinne der Affen im Labor in der Lage sein, gegen denjenigen, der mit ihnen Versuche anstellt, zu klagen. Das wäre die Einstiegsluke für Recht. Das bedeutet nicht, dass Affen Steuern zahlen müssen oder zum Militärdienst eingezogen werden, sondern sie sollten vor Gericht in ihren subjektiven Ansprüchen vertretbar sein. Darum geht es.

Immerhin kümmert sich der Gesetzgeber auch um Kröten oder Fledermäuse, die schon Brücken- und Autobahnbauten verhindert haben.

Das gibt es im ökologischen Kontext aber nur dann, wenn es um eine seltene Tierart geht. Aus dem Lebensinteresse eines Tieres ist es völlig egal, ob es selten ist oder nicht. Das Artenschutzkriterium ist aber allein die Seltenheit oder der Erhalt von Biodiversität. Auf diese Art und Weise haben wir dann auch das Staatsziel Tierschutz verankert, indem wir es in den Umweltkontext hineingeschrieben haben. Dass wir die Pflicht und die Verantwortung haben, uns um die Natur zu sorgen – und die Tiere. Tiere rechtlich wie einen Teich zu behandeln, finde ich nicht haltbar.

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Wenigstens sind Tierversuche bei Menschenaffen inzwischen verboten.

Nein, das sind sie in Deutschland nicht. Sie werden nur nicht mehr praktiziert, weil der Aufschrei zu groß wäre, wenn das herauskommt. Wo ist aber der Unterschied, ob ich einen Schimpansen im Labor quäle oder einen Rhesusaffen? In deutschen Labors werden jährlich 2800 Primaten „verbraucht“, wie es so zynisch heißt.

Ein Feindbild bleibt noch: der Jäger.

Der Metzger des Waldes, wie ihn Robert Musil genannt hat. Den ersten Vergleich zwischen Jäger und Metzger hat schon Thomas Morus im 16. Jahrhundert gemacht. Auch Leonardo da Vinci war ein großer Gegner der Jagd.

Wie konnte sie sich so lange halten?

Das ist eine reine Lobbygeschichte. Die Jagd widerspricht nun wirklich dem Tierschutzgesetz – sogar mehr als die Massentierhaltung. Das Motiv des Jägers ist die Mordlust. Wenn das nicht so wäre, dann bräuchte man ja keine Jäger, dann könnte man den Job ja dem Förster und ein paar Profis überlassen. Stattdessen zahlen Jäger ein Heidengeld dafür, Tiere abzuknallen. Menschen, die gerne töten, werden ansonsten in unserer Gesellschaft weggesperrt, warum machen wir da eine Ausnahme? Wenn ich das Bedürfnis hätte, jeden Monat ein paar Rinder im Stall mit dem Vorschlaghammer zu ermorden, würde mich jeder für vollkommen gestört erklären. Mache ich es mit dem Gewehr im Wald, ist es edles Kulturgut? Das verstehe ich nicht.

Ihr Buch verzichtet auf Handlungsanweisungen ...

Ich bin kein Priester, der den Menschen sagt, was sie zu tun haben. In dem Buch sind einfach Gedanken zu dem sehr komplexen Thema enthalten, und jeder kann seine eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen. Ich werde gerade von Veganern angefeindet, weil ihnen das Buch nicht weit genug geht und weil ich gesagt habe, dass ich gelegentlich Fleisch verzehre. Ihrer einfachen Logik nach darf ich zu diesem Thema deswegen gar kein Buch schreiben.

Das ist Fundamentalismus.

Es gibt aus ethischen Gründen einiges, was für eine vegane Lebenshaltung spricht. Aber man sollte die Menschen nicht mit dem Holzhammer zu überzeugen versuchen. Es geht darum, dass wir Schritt für Schritt das, was wir bei uns für vertretbar halten, und das, was wir praktizieren, in Einklang bringen, die Doppelmoral beenden.


Richard David Precht: „Tiere denken – vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen“ (Goldmann, 510 S., 22.99 Euro).

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