Steffi hat Rüssel, Bruno hat's am Herzen Tierpark Hellabrunn: Die Wehwehchen der Zootiere

Die 51-jährige Elefantenseniorin Steffi (l.) gemeinsam mit Elefanten Kuh Mangala im Tierpark Hellabrunn. Foto: Sven Hoppe/dpa

Im Zoo werden Tiere oft besonders alt. Das bringt so manche Krankheit mit sich: von A wie Arthrose bis Z wie Zahnweh.

Thalkirchen - Sultan (20) hat eine beginnende Arthrose im Fußgelenk, das Aufstehen fällt ihm schwerer als früher. Bruno (48) ist wetterfühlig, hat ein schwaches Herz und wohl Laktoseintoleranz. Das Trampeltier und der Orang-Utan leben im Münchner Tierpark Hellabrunn und plagen sich mit den Folgen des Alters.

"Jeder hat seine Schwachstelle: Beim Einen ist es ein Magen-Darm-Problem, beim Anderen sind es eher Gelenkbeschwerden, der Dritte hat ein schlechteres Immunsystem und bekommt eher mal einen Infekt", sagt die Leitende Tierärztin in Hellabrunn, Christine Gohl. Großkatzen haben im Alter eher mal Nierenprobleme, alte Elefanten haben häufig stark abgenutzte Zähne und müssen dementsprechend anders gefüttert werden.

Altersbedingte Erkrankungen treffen Tiere im Zoo eher als in freier Wildbahn, denn sie werden älter. Kein Wunder, "wenn man 24 Stunden Vollpension hat", es gute Pflege gibt und keine Gefahr durch Fressfeinde droht, sagt Gohl. Der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) verweist auf eine Studie aus dem vergangenen Jahr zu 50 Säugetierarten: Bei 84 Prozent davon lebten Zootiere länger als ihre wilden Vetter.

Der VdZ macht aber auch deutlich, dass die Kenntnisse über die Bedürfnisse gerade exotischer Tiere lange äußerst bescheiden waren. So habe der erste Gorilla auf deutschem Boden im Berliner Aquarium Unter den Linden 1876 eine Diät aus Frankfurter Würstchen, Käse, Stullen und Weißbier bekommen. Das hielt er gerade mal 16 Monate aus.

Sandhaufen für einen entspannteren Schlaf

Inzwischen gibt es europaweite Haltungsrichtlinien für Zootiere. Für spezielle Wehwehchen ihrer Patienten finden die Ärzte und Pfleger im Münchner Tierpark individuelle Lösungen: Elefantenseniorin Steffi ist 51 und liegt beim Schlafen mit Vorliebe auf der linken Seite. Eine Druckstelle an der Schläfe zeugt davon. Mit aufgeschütteten Sandhaufen ermöglichen es ihr die Tierpfleger, optimal liegen und aufstehen zu können. Steffi kann auch nicht mehr so gut kauen. Nach dem fünften und letzten Zahnwechsel können Elefanten weichere Kost besser kauen und benötigen eine individuell angepasste Futterration, wie die Fachtierärztin für Zoo-, Gehege- und Wildtiere erklärt.

"Allgemein können alte Tiere auch nicht mehr so schnell fressen", so Gohl. In der Natur ziehen sie beim Kampf ums Futter oft den Kürzeren. Im Zoo werden diese Tiere zum Fressen separiert, um ihnen die nötige Ruhe zu geben. Anderen wird der Trog mehrmals am Tag gefüllt.

Mit Allergien haben die Tiere in Hellabrunn eigentlich kaum zu kämpfen. Trotzdem hatte Orang-Utan Bruno immer mal wieder Verdauungsprobleme. Die Experten stellten per Ausschlussverfahren fest, dass der Affe vermutlich laktoseintolerant ist. Nun ist ein speziell für Primaten hergestellter, laktosefreier Futterbrei Teil seiner täglichen Ration.

Hellabrunn-Tierärztin: "Bin stolz auf unsere alten Tiere"

Untersuchungen und Behandlungen sind bei Wildtieren oft aufwendiger als bei Haustieren oder Menschen, weil sie für die direkte Behandlung am Tier oftmals erst betäubt werden müssen. Bösartige und akut verlaufende Tumorerkrankungen werden in der Wildtiermedizin oft erst bei der standardmäßig durchgeführten pathologischen Untersuchung des Tierkörpers festgestellt. Obwohl man beim betagten Giraffenbullen Togo glauben konnte, er sei aus Kummer über den Tod seiner langjährigen Lebensgefährtin Kabonga zehn Tage später gestorben, wurde unter anderem ein Karzinom im Darm festgestellt.

Kabonga hatte über längere Zeit altersbedingte Gelenkprobleme gehabt. "Sie konnte zunehmend schlechter laufen und hat sich zuletzt nur wenig hingelegt", sagt Gohl. Am Ende schläferten die Veterinäre die Giraffenkuh ein. "Der behandelnde Tierarzt hat die Verantwortung und die Pflicht, nach tierschutzrechtlichen Aspekten die Entscheidung zu treffen, ein nicht mehr heilbares Tier zu erlösen."

Der Deutsche Tierschutzbund mahnt eine verhaltensgerechte Unterbringung von Tieren an. Das sei gerade bei Exoten wie Tigern, Giraffen und Eisbären häufig kaum möglich. "Denn die Tiere haben sehr spezielle Ansprüche an Klima, Futter oder an die Gehegeeinrichtung", heißt es beim Tierschutzbund. Verhaltensgerecht sei nicht mit der Abwesenheit von Schmerzen, Leiden oder Schäden gleichzusetzen. Vielmehr gehe es um Grundbedürfnisse wie Nahrungserwerb, Eigenkörperpflege, Ruhe- und Sozialverhalten.

"Für uns ist wichtig, dass ältere Tiere Lebensqualität und Spaß haben und fit genug für die Gruppe sind", sagt Gohl. Die Gruppe sei für ältere Tiere wichtig - und ältere Tiere für die Gruppe. Sultan etwa wirke beruhigend auf ungestüme junge Trampeltiere. Elefantendame Steffi führe als älteste Kuh die Herde an. "Ich bin stolz auf unsere alten Tiere", sagt Gohl. "Die dürfen auch mal klappriger aussehen."

Steffi liefert zugleich den Beweis, dass mit steigendem Alter nicht alles nur schlechter wird und eine ausprägte Lernfähigkeit besteht: Von kleinauf hat sie einen gelähmten Rüssel, kann ihn nicht wie andere Elefanten aufrollen, sondern schleudert sich Heu ins Maul. Daher hat sie über Jahrzehnte vom Boden gefressen und die Futterkörbe in luftiger Höhe ignoriert, wie Gohl berichtet. Mit dem Umzug in das im Herbst eröffnete Elefantenhaus habe Steffi nun eine Technik entwickelt, bei der sie den Rüssel am Gestänge des Futterbaums anlehnen und doch Leckerbissen aus dem Korb fischen kann.

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