Starthilfe untersagt Ausbildung: So werden afghanische Flüchtlinge ausgebremst

Die Berater der Industrie- und Handelskammern sollen nicht mehr bei der Suche nach Praktikum oder Lehrstelle helfen dürfen. Foto: Sophia Kembowski/dpa

Einerseits besuchen sie Berufsintegrationskurse, danach sollen ihnen die Handwerkskammern nicht mehr bei der Jobsuche helfen dürfen.

München - Es ist paradox: 5.000 Afghanen werden in Berufsintegrationsklassen auf das Arbeitsleben vorbereitet, unabhängig von ihrem Asylstatus. Doch im Anschluss stehen sie ohne weitere Hilfe da: Die Berater der Industrie- und Handelskammern sollen den noch nicht anerkannten Asylbewerbern aus Afghanistan nicht mehr bei der Suche nach Praktikum oder Lehrstelle behilflich sein. Das geht aus einer Richtlinienänderung des Sozialministeriums hervor. Die Begründung: Afghanistan ist als sicherer Herkunftsstaat eingestuft; sprich: Die Bleibeaussichten afghanischer Asylbewerber sind schlecht.

Handwerkspräsident Franz Xaver Peteranderl kann das nicht verstehen. 40 Prozent der Afghanen würden anerkannt. Und über den Rest sagt er: "Die Praxis zeigt, dass viele Menschen mit einer Duldung aus verschiedenen Gründen das Land zumindest nicht zeitnah verlassen.“ Deswegen ist er der Meinung: "Angesichts zahlreicher unbesetzter Lehrstellen – auch bei uns im Handwerk – halte ich es daher für wenig sinnvoll, dieser wachsenden Gruppe an Menschen den Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt zu verwehren.“

Warum sollten sie von Ausbildung ferngehalten werden?

Peteranderl sagt auf AZ-Anfrage weiter: "Unsere Akquisiteure müssen die Schülerinnen und Schüler informieren und beraten können, ohne jemanden auszuschließen.“ Außer ihre Abschiebung stehe unmittelbar bevor. "Aber es macht doch wenig Sinn, junge Männer, die im Zweifel lange in unserem Land bleiben, von einer Ausbildung fernzuhalten, wenn Betriebe bereit sind, sich ihrer anzunehmen.“

Die Anzahl junger Menschen mit Fluchthintergrund, die im bayerischen Handwerk eine Ausbildung machen, steigt laut Peteranderl: Bis zum 30. September wurden 1.720 neue Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen abgeschlossen. Im gesamten Jahr 2016 waren es dagegen nur gut 900. "Trotzdem könnten es aber sicher noch mehr sein“, sagt Peteranderl. Die Betriebe brauchten Rechtssicherheit, dass Flüchtlinge die Lehre absolvieren dürfen. "Sonst verprellt man die Betriebe.“

Das sehen auch Bayerns Grüne so. Die asyl- und integrationspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, Christine Kamm, ist der Meinung: "Die CSU-Ministerien und deren nachgeordnete Behörden sehen tatenlos zu, wie Ausländerbehörden jungen Menschen die Aufnahme einer Ausbildung verwehren – durch monatelange Nichtbearbeitung von Anträgen oder rechtswidrige Ablehnungen. Auf der einen Seite stehen zahlreiche freie Azubistellen, auf der anderen Seite tröpfelt nur immer mal wieder eine Genehmigung.

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