Amputierte Beine, der Eklat mit dem Anwalt des Angeklagten, die Ernährung von Rudiolf U.: Selten war ein Prozess so bizarr wie der um den Todesschützen von Dachau.

München - Am Donnerstag wird das Urteil im Dachauer Mordprozess gefällt. Vermutlich muss Rudolf U. (55) lebenslänglich hinter Gitter. Am 11. Januar erschoss der Transportunternehmer den jungen Staatsanwalt Tilmann T. (31) und versuchte anschließend Richter Lukas Neubeck zu erschießen.

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Sein Motiv: Rache wegen Hass an der Justiz. Während des Prozesses wurden immer mehr schockierende Details bekannt: Die erschütternde Aussage der Witwe, die schockierenden Worte des Todesschützen, die Frage, um den richtigen Anwalt und ein Krankenbett im Gerichtssaal: Es war ein Prozess voller Eklats und bizarrer Szenen.

Lesen Sie hier was seit den Todesschüssen passierte:

 

Vorgeschichte

5 Schüsse im Dachauer Amtsgericht: Richter Lukas N. verliest gerade am seine Urteilsbegründung am Dachauer Amtsgericht, als der Angeklagte Rudolf U. eine Waffe zieht. Er schießt um sich und tötete den jungen Staatsanwalt Tilmann T. Dann zielt er auf den Richtertisch, bevor ihn zwei Prozessbeteiligte überwältigen.

Das Opfer: Tilmann T. ist nur zufällig am Dachauer Amtsgericht eingeteilt. Er ist seinem Mörder vorher nie begegnet. Das der junge, aufstrebende Staatsanwalt getötet wird, ist ein tragischer Zufall. Rudolf U. will den Richter töten.

Das Motiv: Rache. Nach mehreren verlorenen Prozessen wegen Betrugs entlädt sich der ganze Hass Rudolf U.s gegen die Justiz in den Schüssen in Dachau.

Pflicht- oder Wahlverteidiger? Maximilian Kaiser ist der Wahlverteidiger des Mörders.

Zwei Halbe Bier vor dem Mord: Wenige Minuten vor dem Prozess sitzt Rudolf U. im Dachauer Schlossrestaurant neben dem Amtsgericht und trinkt zwei Halbe Bier. Schon dort wirkt er auf den Restaurantleiter sehr aggressiv.

„Bein amputiert“: In U-Haft in der JVA Stadelheim verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Diabetikers Rudolf U. Er tritt in Hungerstreik, verliert 50 Kilo Gewicht. Im Juli wird ihm ein Bein amputiert. Bis Oktober ist nicht klar, ob der Prozess platzt. Ende Oktober wird ihm auch der rechte Unterschenkel amputiert. Damit ist sein Leben gerettet – der Prozess kann beginnen.

„Todesschütze von Dachau will klagen“: In der Amputation des zweiten Beines sieht Rudolf U. eine schwere Körperverletzung.

 

Der Prozess

Der Schmerz der Witwe - „Sie haben mein Leben ruiniert" Ihre Stimme zittert. Aber sie wendet sich direkt an den Todesschützen Rudolf U. Am 22. November spricht die 31-jährige Witwe des erschossenen Staatsanwalts vor Gericht. Es sind dramatische Worte: "Sie haben ihn mir einfach weggenommen! Es gibt keine Rechtfertigung, und es tut Ihnen nicht einmal leid. Sie haben mein Leben ruiniert.“

Die Anklage der Mutter: Tilmann T.s Familie tritt im Prozess als Nebenkläger auf. Die Mutter sagt in ihrer Aussage, dass die Justiz versagt habe und ihr Sohn nicht genug geschützt wurde. Seit dem Mord werden die Sicherheitsmaßnahmen in allen Bayerischen Gerichten massiv verschärft, etwa durch Metalldetektoren. In Dachau gab es zuvor keine Kontrollen am Eingangsbereich. „Die schwarze Robe wurde sein Todeskleid“, sagt die Mutter Tilmann T.s vor dem Münchner Schwurgericht. „Das ist eine Schande für Bayern.“

„Die Bilder werde ich nie vergessen“ Vor dem Schwurgericht München gesteht Rudolf U.: Amtsrichter Lukas N. (36) hätte sterben sollen. Der Richtertisch rettet ihm jedoch das Leben. Als Rudolf U. um sich schießt, findet der Richter dort vor den Schüssen Schutz. „Die Bilder werde ich nie vergessen. “, sagte Lukas N. als Zeuge im Mordprozess.

„Er wusste genau was er tat, er ist voll schuldfähig“: So unfassbar die Tat ist: Ein psychiatrischer Gutachter bestätigt die Schuldfähigkeit des Angeklagten Rudolf U. Zwar habe er eine Persönlichkeitsstörung mit fanatischen und querulatorischen Zügen, sein Einsichts- und Steuerungsvermögen sei jedoch nicht beeinträchtigt.

Die Entschuldigung: Spät, aber sie kommt nach einigen Prozesstagen, die Entschuldigung von Rudolf U. bei der Familie des Opfers Tilmann T.: „Es tut mir leid als Mensch. Ich kann nicht mehr sagen.“

Der erste Eklat: Todesschütze brüllt Richter an: „Genau das ist euer Stil!“ Am 7. November verliest Richter Martin Rieder die Anklageschrift. Außer Mord wird ihm noch Mordversuch in drei Fällen vorgeworfen. Doch Rudolf U. besteht darauf er habe nur den Richter treffen wollen. Als Rudolf U. in München gefragt wird, ob mehrere Prozesse gegen ihn und Geldstrafen einen Mord rechtfertigen, brüllt er den Richter an: „So macht's ihr weiter und weiter. Genau das ist euer Stil. So habe ich mir das vorgestellt.“

Anwalt verlässt den Gerichtssaal Nächster Eklat im Dachau-Prozess: Erst pöbelt der Angeklagte, dann legt sich sein Anwalt mit dem Richter an. Maximilian Kaiser wird nicht vom Wahl- zum Pflichtverteidiger des Todesschützen ernannt. Aus Protest verlässt er am 7. November den Gerichtssaal. Rudolf U. nennt es eine Sauerei und droht: „Ich gehe heim!“

„Zwangsweise Vorführung“ Richter Martin Rieder beschließt die zwangsweise Vorführung von Rudolf U. (55) beim Prozess. Im Krankenbett verfolgt er die Verhandlung. Sein Anblick ist gespenstisch: Unter einer blauen Decke liegt der beidseitig beinamputierte Rudolf U. Sein Gesicht ist fast weiß.

 

Richter soll abgesetzt werden: Der Wahlverteidiger von Rudolf U., Maximilian Kaiser, beantragte den Richter Martin Rieder wegen Befangenheit abzusetzen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Die Anwälte von Tilmann T.s Familie kritisieren das Vorgehen des Wahlverteidigers Maximilian K. als Schmierentheater.

„Kein Herzloses Monster“ sei Rudolf U., sagt sein Pflichtverteidiger Wilfried Eysell. Am 23. November plädiert er dafür seinen Mandanten wegen Mordes und versuchten Mordes in nur einem Fall zu verurteilen.

„Lebenslang“, fordert Staatsanwältin Nicole Selzmann. Eine lebenslängliche Gefängnisstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Rudolf U. würde so nicht nach 15 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen werden.

Beschwerde vor Europäischem Gerichtshof Wahlverteidiger Maximilian Kaiser hat eine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingelegt. Sein Mandant sei nicht fair behandelt worden. In einer Patientenverfügung habe er betont, er wolle sterben, aber keinen Selbstmord begehen.

Diabetiker Trotz seiner schweren Erkrankung ernähre sich der Angeklagte Rudolf U. nur von Chips, Schokolade und Milch.

 

 

 

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