Im zweiten Teil des AZ-Interviews spricht Löwen-Sportdirektor Poschner über die Tabellensituation, die Mannschaft, die Neuzugänge und mögliche Spielerverkäufe im Winter.

AZ-interview mit Gerhard Poschner. Der 45-jährige Ex-Profi ist seit April 2014 Sportdirektor beim TSV 1860.

AZ: Herr Poschner, Platz 15 nach neun Spielen, etwas mehr als ein Viertel der Saison ist vorüber. Wie fällt Ihr erstes Zwischenfazit aus?

GERHARD POSCHNER: Die Tabelle ist nur eine Momentaufnahme. Das 0:2 in Aalen war natürlich sehr, sehr bitter. Aber die letzten beiden Spiele gingen in die richtige Richtung. Da unterscheide ich klar zwischen der Leistung und dem Ergebnis. Der einzige Kritikpunkt in Aalen war, dass die absolute Gier, nicht nur das Spiel zu kontrollieren, sondern den Gegner zu killen, zeitweise nicht wirklich zu sehen war.

Aber wir haben einen weiteren Schritt in der Ordnung auf dem Platz gemacht. Wir waren in allen Bereichen überlegen. Überlegenheit ohne Resultat. Was kommen muss, und das muss schnell kommen, ist eine Stabilität in den Ergebnissen. Das stimmt. Deswegen war die Niederlage sehr, sehr ärgerlich. Aber mein Gefühl ist, dass sich eine Struktur auf dem Platz gebildet hat, auf der man aufbauen kann. Auch, was das Mannschaftsgefüge angeht. Da sind wir felsenfest überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein.

Was fehlt, damit Leistung und Ergebnis zusammenpassen? Langsam aber sicher findet jeder im Team seine Rolle. Wenn wir die Leistung der letzten zwei Spiele stabilisieren und uns im taktischen Verständnis und Miteinander noch verbessern, werden sich die Punkte und die Platzierung von alleine einstellen.

Wir haben Geduld und wir hoffen, dass auch von den Fans diese Geduld bis zu einem gewissen Punkt mitgetragen wird. In Aalen haben wir gesehen: Die Fans waren enttäuscht wegen des Ergebnisses, aber ich glaube, sie waren nicht enttäuscht über das Auftreten der Mannschaft.In Aalen standen sieben Neuzugänge in der Startelf.

Wie zufrieden sind Sie mit den neuen Spielern?

Von den reinen Zahlen her sticht Rubin Okotie natürlich heraus. Es gibt aber auch andere Spieler, bei denen die Zahlen kein klares Bild sprechen, die aber auch zum Großteil die Erwartungen erfüllen. Aber die Integration dauert eben bei jedem unterschiedlich lang. Grundsätzlich sind wir nach wie vor überzeugt, dass wir jeden neuen Spieler eingeschätzt haben, wie er wirklich ist.

Der Konkurrenzkampf ist sehr groß. Dafür ist der Kader aufgebläht. Wie wollen Sie das Problem in den Griff kriegen?

Der Kader ist zu groß, keine Frage. Unser Wunschkader liegt bei einer Größe von plus minus 22 Profis. Wir haben aktuell 26. Ich lege mich fest, dass wir das im nächsten Sommer ändern werden. Wir respektieren Verträge, werden dann aber sicher die Möglichkeit nutzen, den Kader zu verkleinern, um auch jungen Spielern die Möglichkeit zu geben, nachzurücken. Wir werden nächsten Sommer auch keine zehn Neuverpflichtungen tätigen.

Die haben wir bewusst dieses Jahr gemacht. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir uns nächstes Jahr nur punktuell verstärken.

Und im Winter?

Wenn es möglich ist, werden wir schon da Spieler abgeben. Aber wie gesagt: Wir respektieren Verträge.

Würden Sie im Winter einen Stammspieler ziehen lassen?

Da müsste schon eine unverschämte Anfrage kommen, bei der man nicht „Nein“ sagen kann. Wir haben keine finanziellen Probleme, ganz im Gegenteil. Wir haben noch Spielraum, auch für diese Saison.

Und wir wollen natürlich keine Stammspieler im Winter abgeben.

Gibt es Überlegungen, den Vertrag mit Rubin Okotie vorzeitig zu verlängern?

Die Möglichkeit gibt es immer. Er fühlt sich sehr wohl hier. Und ich kann mir vorstellen, dass das auch längerfristig so sein wird.

Wir werden zu gegebener Zeit mit ihm über alles sprechen.

Man hat manchmal das Gefühl, im Mittelfeld fehlt eine zentrale Leitfigur, wie sie Matthias Lehmann letzte Saison beim 1. FC Köln war. Sergio Pinto, ein solcher Kandidat, wechselte im Sommer zum Konkurrenten nach Düsseldorf. War er eine Überlegung?

Ein Typ wie Sergio Pinto, der sogar keine uninteressante Option gewesen wäre, wäre ein Spagat gewesen zwischen der aktuellen Situation und der langfristigen Planung. Wir hatten im letzten Jahr die drittälteste Mannschaft der Liga. Das ist keine Investition in die Zukunft.

Mittlerweile haben wir die fünftjüngste Mannschaft der Liga. Wir haben eine Marktwert-Entwicklung von plus 43 Prozent geschafft. Das gilt zwar nur auf dem Papier, aber es ist ein Indikator.

Ein Indikator wofür? Dass wir diese Saison den Grundstein gelegt haben, um nächste Saison vorne angreifen zu können. Es war nie von uns vorgegeben, diese Saison direkt eine dominante Rolle zu spielen.

Das ist das Wunschdenken von allen Beteiligten, das ist auch völlig normal. Aber wir wollen dieses Jahr ein Gerüst bauen, das in einem Jahr funktioniert. Die Mannschaften, die jetzt oben stehen, spielen zum größten Teil schon länger so zusammen. Das sind gewachsene Teams. Das wollen wir auch erreichen. Aber das geht nicht in drei Monaten.

Das heißt: Aus Ihrer Sicht sind die Löwen trotz schlechten Saisonstarts auf dem richtigen Weg?

Ja. Ich bin überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ich bin überzeugt, dass wir eine tolle Mannschaft haben. Wir waren uns bewusst, dass es Zeit braucht. Die Punkteausbeute ist zu diesem Zeitpunkt definitiv zu wenig. Wir sind trotzdem mit der Qualität des Kaders und der Trainer zufrieden und mit dem Weg, den wir eingeschlagen haben. Abgerechnet wird am Schluss. Unsere Ziele sind aber nach wie vor erreichbar.