Spielart Sophie Becker und Tilmann Broszat über das Festival

Eine Szene aus der Choreografie „Portrait of Myself as my Father“ von Nora Chipaumire, die aus Zimbabwe stammt. Foto: Spielart

Heute fällt der Startschuss für das Spielart-Festival – über 30 Performances warten auf die Zuschauer

Als Schaufenster in die Welt hat das Spielart-Festival schon seit seiner Gründung 1995 im Zwei-Jahres-Takt alle möglichen internationalen Performancekünstler nach München eingeladen. Für die diesjährige Ausgabe, die vom 27. Oktober bis 11. November andauert, gingen die Festivalleiter Sophie Becker und Tilmann Broszat aber nochmal verstärkt auf Reisen, da sie vorab zwei große Schwerpunkte für das diesjährige Festival gesetzt hatten: Süd- und Südostasien, sowie Südafrika.

Über 30 Performances stehen an, „Influences of a Closet Chant“ von Albert Khoza aus Johannesburg (Samstag, 16.30 Uhr, im Einstein-Kultur) ist kurzfristig noch hinzugekommen. Am ersten November-Wochenende wird zudem mit „Crossing Oceans“ ein gebündeltes Diskurs- und Performance-Paket über (Post)kolonialismus, Identitäten und Vielfalt im Gasteig und Muffatwerk geboten.

AZ: Frau Becker, Herr Broszat: Wie kam es zu den diesjährigen Spielart-Schwerpunkten?
TILMANN BROSZAT: Wir sind schon für frühere Festivalausgaben oft nach Asien gefahren. Uns hat jetzt vor allem fasziniert, dass die Künstler dort in den letzten Jahren verstärkt versucht haben, Europa mal links liegen zu lassen und sich untereinander zu vernetzen. Mit diesem Auftrag, die Künstler noch mehr in Kontakt zu bringen, wurde vor zwei Jahren ein „All Asian Theatre“ gegründet. So entstanden viele spannende Arbeiten, von denen wir einige eingeladen haben. Für die Auswahl haben wir zudem mit Kuratoren vor Ort zusammengearbeitet und ließen uns von denen beraten.

SOPHIE BECKER: In Hinblick auf Südafrika haben wir uns auf die Generation der „Born Free“ konzentriert, die nach dem Ende des Apartheid-Systems auf die Welt gekommen sind und heute künstlerisch aktiv sind. Dieser Schwerpunkt hat sich aus einem Netzwerk-Treffen ergeben – und aus einem Schock heraus: Südafrika war aus den Medien ziemlich verschwunden, aber während unserer Recherche waren wir sehr erstaunt, dass es gerade extreme Proteste in Südafrika gibt, gerade an den Universitäten, wo es zu massiven Polizeieinsätzen und ganzen Universitäts-Schließungen kam.

Wieso?
SOPHIE BECKER: Gut zwanzig Jahre nach dem Ende der Apartheid begehrt dort eine Generation auf, die gegen all jene Vereinbarungen ist, die ihre Eltern einst getroffen haben. Nelson Mandela hatte die Idee, eine Wahrheitskommission einzuberufen: Jedem, der sich während der Apartheid schuldig gemacht hatte und der seine Taten beichtete, sollte vergeben werden. Das klang nach einer konstruktiven Art, mit diesem Regime im Nachhinein umzugehen. Viele hatten auch den Wunsch, zu verzeihen. Als dann aber in den Gerichtssälen bekannt wurde, wie Kinder und Verwandte ums Leben gekommen waren, zeigte sich, dass man nicht so leicht über die Vergangenheit hinwegsehen kann.

Sind dann die Performances therapeutische Unternehmen im Sinne eines Durcharbeitens?
SOPHIE BECKER: Die Abende und besonders die Diskussionen nach den Aufführungen haben bestimmt eine therapeutische Funktion für die Beteiligten. Aber die Performances an sich gehorchen einem großen Kunstanspruch. Ich habe bei meinen Aufenthalten in Südafrika zum Beispiel keine einzige partizipative Arbeit gesehen, was man doch vermuten würde, weil sich dadurch im Theater eine Gemeinschaft bilden kann. Ich glaube aber, dass die Menschen in den Townships sowieso dicht zusammen leben, insofern braucht man das Theater nicht als gemeinschaftsbildende Instanz. Es fällt auch auf, dass in Südafrika gehäuft draußen gespielt wird, in Fußgängerzonen, in Parks und Galerien.

Im europäischen Bereich redet man hingegen oft von Immersion, davon, dass die Zuschauer ins Geschehen hineingezogen werden sollen. Gibt es solche partizipativen Formen nicht bei Spielart?
TILMANN BROSZAT: Selten. Die libanesische Performancekünstlerin Rima Najdi hat mit „Think much. Cry much“ eine Toninstallation eingerichtet, durch die man per Kopfhörer geleitet wird. Sie hat mit Geflüchteten gesprochen, aber vor allem mit Grenzbeamten und Verwaltern, um die Erfahrungen der Flucht aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Die Performance vermischt diese verschiedenen Stimmen und Spuren, gleichzeitig wird das Publikum selbst körperlich in Bewegung gebracht. Bei uns kann man diese Hör-Reise passenderweise am Münchner Hauptbahnhof erleben.

Eine ewige Frage ist, ob man mit einem anderen kulturellen Wissen als die eingeladenen Künstler so ohne weiteres deren Performances verstehen kann. Lola Arias aus Buenos Aires beschäftigt sich in „Minefield“ zum Beispiel mit dem Falkland-Krieg. Sollte man vorab dazu etwas gelesen haben?
SOPHIE BECKER: Nein. Das ist ein dokumentarisches Theaterstück, für das sie mit Veteranen gesprochen hat. Ich selbst hatte keine Vorkenntnisse zum Falkland-Krieg und habe diesen Abend sehr gut verstanden. Wir haben auch viele Arbeiten, in denen Sprache gar keine große Rolle spielt, „De-Apart-Hate“ von Mamela Nyamza zum Beispiel oder „The Charter“ von Sethembile Msezane, die über die Körper beziehungsweise Bilder funktionieren. Wir haben uns insgesamt bemüht, die Vermittlung so vielfältig wie möglich zu gestalten. Das geht los mit dem neuen Magazin, in dem einige der Künstler einzeln präsentiert werden, über Videos, die per Social Media zu sehen sind und in denen wir die Künstler gebeten haben, sich selbst vorzustellen, bis hin zu Künstlergesprächen. Im Rahmen des „Crossing Oceans“-Programm am zweiten Wochenende kann man nochmal mit vielen Performern sprechen. Das sind zusätzliche Informationen, die Abende sind allesamt selbsterklärend.

Welche Themen durchziehen nun die Arbeiten aus Südafrika als auch Asien?
TILMANN BROSZAT: Themen ist zu viel gesagt, eher Motive. Viele der Künstler setzen sich mit Fragen der Geschichtsschreibung auseinander: Wer definiert eigentlich, was Geschichte ist? Was für alternative Lesarten von Geschichte gibt es und in welchen Kontexten?

SOPHIE BECKER: Das widerspricht der Vorstellung, dass zeitgenössische Kunst sich per se mit unserer konkreten Lebenswirklichkeit auseinandersetzt. Das historische Erbe hingegen beschäftigt viele, auch die Frage, ob es eine eigene indigene Kultur gibt, die man gegenüber anderen Kulturen in Stellung bringen kann. Neo Muyanga aus Kapstadt hat zum Beispiel eine klassische westliche Musikausbildung hinter sich, komponiert heute selbst Opern und beschäftigt sich in „tsohle – a revolting mass“ damit, inwieweit die Protestsongs des ANC, des African National Congress, gar nicht so weit von christlichen Liedern entfernt sind, weil die heutigen ANC-Mitglieder in Missionarsschulen mit christlichen Liedern erzogen wurden. Wie das Eigene und das Fremde zusammenhängen, ist ein wiederkehrendes Thema.

Wie stellen Sie sich den Spielart-Zuschauer vor?
TILMANN BROSZAT: Das ist für mich jemand, der sich ein Theaterstück wie ein Kunstwerk anguckt. Dafür haben wir seit jeher bei Spielart geworben: dass man eine Performance eher wie ein Ausstellungsobjekt betrachtet. Jeder kann sich so seine eigenen Assoziationsketten aufbauen. Es geht weniger um ein gemeinsames Verständnis, sondern um individuelle Zugänge.

SOPHIE BECKER: Ich habe beim Reisen die Erfahrung gemacht – und das wird sich hoffentlich auch beim Zuschauer einstellen -, dass wir uns alle viel ähnlicher sind als wir glauben. Ich hatte immer wieder auch Angst, weil das Reisen gerade für Frauen gefährlich sein kann. Dann saß ich in Kapstadt im Café und dachte mir, dass die Unterschiede, die es sicherlich gibt, so gar nicht überwiegen, sondern eher ein Gefühl, dass jeder ähnlich funktioniert und die Angst im Grunde unbegründet ist.

Inwiefern hat sich die Arbeit eines Kurators seit den Anfängen von Spielart verändert? 
TILMANN BROSZAT: Als wir angefangen haben, sind wir mit einem gewissen Entdeckergeist durch die Welt gefahren. Wir hatten das Gefühl, dass wir Künstler entdecken können, die andere noch nicht kannten. Das hat sich heute ziemlich reduziert, weil die Netzwerke mittlerweile weltweit gespannt sind. Im Gegensatz zu früher ist auch spürbar, dass die Kunstförderung in den Ländern zum Teil so zusammengebrochen ist, dass die Künstler gerade die Festivals als Ko-Produzenten brauchen. Bestes Beispiel ist für mich Romeo Castellucci: Dass er heute als etablierter Regisseur weiterhin inszenieren kann, verdankt er Festivals und Häusern, die ihn einladen und seine Arbeiten koproduzieren, denn in Italien bekommt er keinen müden Euro mehr. Wir selbst sind verstärkt als Koproduzenten tätig.

Hat sich für Spielart etwas wegen der performativen Ausrichtung der Kammerspiele geändert?
TILMANN BROSZAT: Ich finde erstmal, dass die Kammerspiele diese Position in München unglaublich verstärken. Es gab schon vor Matthias Lilienthal performative Arbeiten in den Theatern der Stadt, aber jetzt ist die Herausforderung schon umso größer, dass wir den Blick noch weiter aufmachen.

SOPHIE BECKER: Wir waren immer in der Platzhirsch-Position, weil es hier kein Performing Arts Center gibt. Man darf nicht vergessen, dass das, was wir jetzt in München haben, in anderen Städten längst gang und gäbe ist. In Berlin tummeln sich die Sophiensäle, das HAU, die Berliner Festspiele. Frankfurt hat den Mousonturm. Es war für eine bestimmte Zeit lang toll, dass wir mit Spielart die einzigen waren, aber ein wenig Konkurrenz tut auf jeden Fall gut und bringt die Stadt in Bewegung.

Gibt es starke Analogien zwischen zwei Produktionen?
SOPHIE BECKER: Ja, zwischen der Arbeit von Oliver Zahn, der aus dem Schwäbischen kommt, und Ogutu Muraya aus Ostafrika. Beide befassen sich damit, welche Rolle Sport für die Identität einer Nation spielen kann. Bei Oliver Zahn ist es die Turnbewegung von Turnvater Jahn, bei Muraya sind es Langstreckenläufer, die besonders gehäuft nach der Unabhängigkeit Kenias ausgebildet wurden.

Ihnen selbst steht nun ein Marathon bevor. Schnaufen Sie mal durch?
BEIDE: Nein.

Wie übersteht man die Zeit? Mit viel Alkohol?
SOPHIE BECKER: Oder gar kein Alkohol. Wir haben vor zwei Wochen schon angefangen, Lebensmittel zu kaufen und unsere Wäsche zu waschen, weil das während des Festivals nicht mehr zu schaffen ist. Im Lauf des Festivals denkt man sich ab und zu, man könnte jetzt so vernünftig sein und früh ins Bett gehen, aber dann hat man doch lieber nur zwei Stunden Schlaf und redet dafür mit Leuten, die man sonst nicht alle Tage sieht.

TILMANN BROSZAT: Es hält sich jedes Mal die Balance: zwischen Strapaze und Freude.

Spielart, 27. Oktober bis 11. November, Programm unter www.spielart.org. Karten unter 54 81 81 81, Festivalabo (10 Eintrittskarten): 100 Euro/erm. 50 Euro

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