SPD-Ehepaar kämpft für Stolpersteine Klaus und Janne Weinzierl: "Wir geben keine Ruhe"

Klaus und Janne Weinzierl am Wedekindplatz. Sie halten einen Stolperstein in den Händen. Foto: Daniel von Loeper

Immer engagiert, oft auf der Straße: Das SPD-Ehepaar Janne und Klaus Weinzierl kämpft gegen Rechts – und für die Stolpersteine.

Schwabing - Rund 75 000 Münchner wohnen in Schwabing-Freimann – so viele, wie in ganz Landshut.

„In der Kleinstadt wärest du die Kultur-Bürgermeisterin!“, neckt Klaus Weinzierl seine Frau. Denn Janne Weinzierl ist im Bezirksausschuss (BA) Schwabing-Freimann für die Bildung, die Kultur und das Soziale zuständig. Als intellektuelles SPD-Ehepaar sind die Weinzierls in Schwabing altbekannt. die 68-Jährige und ihr Mann, Kabarettist und früher Lehrer am Gisela-Gymnasium: immer kritisch, immer engagiert.

Ihre kleine Wohnung mit Bücherregalen bis unter die Decke liegt in der Marktstraße, in einem roten Gründerzeithaus. Die Stadtteilpolitikerin ist jetzt gern am umgebauten Wedekindplatz. Mit dem BA 12 hat sie 20 lange Jahre auf seine Neugestaltung hingearbeitet: „Endlich sind die Parkplätze weg und die Gehsteige sind breiter“, sagt die weißhaarige Schwabinger Lady.

Entspanntes Verhältnis zu Spaenle

Die Herausforderungen im BA machen der Nachhilfe-Lehrerin Freude: „Ich habe gelernt, dass ständige Konfrontation nichts bringt. Es ist angenehm, manche Dinge im Vorfeld zu besprechen.“ Zu ihrem politischen Gegner Ludwig Spaenle, der für die CSU in seinem Heimat-BA sitzt, hat die Bildungspolitikerin ein entspanntes Verhältnis. Der Kultusminister wohnt gleich um die Ecke: „Zufälligerweise schätzt Herr Spaenle meinen Vater, der als Historiker eine Koryphäe war auf dem Gebiet bayrisch-griechische Kulturbeziehungen unter König Otto. Und genau darüber hat der Minister promoviert“, erklärt die Stadtteilpolitikerin grinsend.

Die Weinzierls sind beide studierte Englisch-Lehrer. Und: Beide stellen sich gegen Rechts. „Wir geben keine Ruhe! Das ist unser Credo“, sagt die Stadtviertel-Politikerin. Mit einer schrillen Fußballpfeife und einer original britischen Polizeipfeife lärmt Klaus Weinzierl jeden – wirklich jeden – Montag gegen Pegida: „Wir stehen 300 zu 70 – und lachen die Pegidisten aus“, umreißt er die manchmal recht satirische Atmosphäre auf den Gegendemos: „Bildung für alle, auch für euch!“ und: „Eure Kinder werden mal wie wir!“, – skandiert er dann vor der Feldherrnhalle: zusammen mit der Antifa Jugend und „München ist bunt“.

Stolpersteine als Herzensprojekt

Wenn sie auf die Straße geht, macht Janne Weinzierl automatisch Werbung für ihr Herzensprojekt. „Stolpersteine auch für München“ – dieses Schild trägt sie am Revers, als politisches und privates Statement gegen das Vergessen der Nazi-Opfer. „Viele Münchner wissen nicht, dass der Münchner Stadtrat die Stolpersteine zur Erinnerung bei uns verboten hat.“ Über den Button kommt sie zum Beispiel auch an der Theatergarderobe ins Gespräch. Von Anfang an ist sie in der Stolperstein-Initiative aktiv: „Wir haben 230 fertig beschriftete Steine im Keller, die nicht verlegt werden dürfen“, konstatiert sie trotzig: „Doch mit freundlicher Beharrlichkeit machen wir weiter.“

In Wien und Berlin, Holland oder Ungarn sind schon 60 000 Erinnerungssteine verlegt. Die Münchner nutzen findig ein Schlupfloch – denn das Verlegen ist nur auf öffentlichen Gehwegen verboten. Auf privatem Grund liegen schon 30 messingglänzende Steine mit den Namen der früheren jüdischen Bewohner .

München streitet um die "Stolpersteine"

"Zuhause darf ich wütend sein"

„Über 800 Grundstücke haben in der Nazi-Zeit innerhalb des Mittleren Rings ihren Besitzer gewechselt – und das allein zwischen 1938 und 1942“, erläutert Janne Weinzierl: „Es gibt in München ein besonders großes Interesse, das nicht so genau offenzulegen. Wenn nun vor einem Haus plötzlich fünf oder sechs Stolpersteine liegen, wirft das eventuell unangenehme Fragen auf.“ Kommt die Schwabingerin aufgedreht von einer Abend-Veranstaltung heim, bespricht sie sich mit ihrem Mann.

Seit seiner Rente verdinge der sich als persönlicher Referent, Chauffeur und Aktenträger seiner Frau, witzelt er. Janne Weinzierl sagt ernst: „„Zuhause darf ich wütend sein. Dafür bin ich dann in der öffentlichen Diskussion ruhig und konstruktiv. Damit etwas vorwärtsgeht. Denn die Welt war noch nie so, wie wir sie gerne hätten.“ Ihr Buch der Stunde ist „Was ein Einzelner vermag“ von Heribert Prantl. „Es macht Mut zur Einmischung, das ist genau unser Prinzip.“

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