Podiumsdiskussion der Abendzeitung und der Allianz-Kulturstiftung in den Kammerspielen: Zwischen Salafisten, IS und dem Wunsch nach Anerkennung.

München - Der Islam gehört zu Deutschland. Ein vielzitierter Satz, der dem früheren Bundespräsidenten Christian Wulff zugeschrieben wird und von Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder aufgegriffen wurde.

Urheber ist jedoch ein anderer. Bereits vor zehn Jahren erklärte der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in der Eröffnungsrede zur ersten Islamkonferenz: „Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas.“

Aber stimmt das? Und wenn ja: Wie lässt sich verhindern, dass junge Menschen in die Fänge radikaler Splittergruppen geraten, zu Anhängern der Salafisten werden – oder zu Kämpfern des IS?

 

AZ-Diskussion: „Last Exit Europe – welcher Islam gehört zu uns“ - das Protokoll

 

Angesichts von mehr als 2700 Moschee-Gemeinden mit mehr als 300 Moscheen in der Bundesrepublik beantworte sich die erste Frage von selbst, sagt der Penzberger Imam Benjamin Idriz am Sonntag bei der Podiumsdiskussion „Last Exit Europe – welcher Islam gehört zu uns“, zu der die Allianz-Kulturstiftung und die Abendzeitung in Kooperation mit "Parlavent" geladen hatten. Idriz: „Dass der Islam nicht zu Deutschland gehört, ist die Rhetorik von Rechtsradikalen und Rechtsextremen – und das bringt uns nicht weiter.“

Ähnlich sieht es TV-Moderator Michel Friedman: „Das Grundgesetz ist Grundlage unserer Gesellschaft und darüber herrscht Freiheit – auch für Muslime. Eine Religion zu unterdrücken, widerspricht unserem Selbstverständnis.“ Im Übrigen können man genau so fragen: „Gehören Pegida-Anhänger zu uns? Zu mir nicht! Trotzdem sind sie Bestandteil unserer Gesellschaft.“

Gegen einen aufgeklärten, liberalen Islam hat der Psychologe und Autor Ahmad Mansour nichts einzuwenden. „Aber“, sagt er „ein Islam, der vom Verfassungsschutz beobachtet wird, der Kindern Angst macht, antisemitische Einstellungen und problematische Frauenbilder transportiert, gehört nicht zu Deutschland.“

Einwurf Friedman: „Alle drei großen monotheistischen Religionen sind, was Freiheitsrechte angeht, noch nicht richtig angekommen.“

Zurück zum Islam. Fast 1000 Jugendliche seien von Deutschland aus zum IS gegangen, 7000 Salafisten würden vom Verfassungsschutz beobachtet, es gebe Hunderttausende, die ihren Partner nicht frei wählen dürften und tausende Kinder, die nicht an Klassenfahrten oder dem Schwimmunterricht teilnehmen könnten, sagt Mansour. „Das ist deutsche Realität.“

Publizistin Necla Kelek bestätigt: Sie müsse immer wieder feststellen, dass einige Muslime die Freiheit in Deutschland dazu nutzten, „ihren Islam wie im siebten Jahrhundert zu leben“.

Die Ursachen für diesen Missstand sehen die Diskutanten unterschiedlich. Necla Kelek nennt die Situation in den Herkunftsländern der deutschen Muslime eine davon. „Diese Länder werden immer rückwärtsgewandter. Sie leiden unter der Trennung von Mann und Frau in der Öffentlichkeit. Ein alltägliches Thema, das auf uns übertragen wird – und die islamische Welt sperrt sich gegen eine offene Diskussion.“

Benjamin Idriz gibt dem Umgang der deutschen Gesellschaft mit der Generation der „Gastarbeiter“ eine Mitschuld. „Man hat immer gesagt: ach, die gehen wieder – und hat für uns Muslime nichts gemacht.“

Michel Friedman hat beobachtet, dass es zwar viele junge Muslime – „deutsche Staatsbürger wie wir“ – gibt, die keine Moscheen besuchten. Aber eben auch viele, bei denen Religion als Ersatz für Identität fungiere. „Wir müssen uns fragen, woher das kommt“, fordert er. Und gibt einen Teil der Antwort selbst: „Die haben Abi gemacht und sprechen perfektes Bayerisch. Aber wenn sie eine Wohnung suchen und sagen ,Mein Name ist Özmir’, dann sind sie plötzlich nicht mehr so deutsch wie wir.“

Außerdem habe er Moscheen erlebt, in denen die Menschen regelrecht aufgehetzt wurden. „Und der Druck aus so einer Gemeinschaft auszubrechen, ist enorm.“

Ja, es gebe Radikale in deutschen Moscheen, sagt auch Benjamin Idriz. Aber die seien nicht in der Mehrheit. „Viele Muslime sind täglich unterwegs, um aufzuklären im Sinne eines Islams des 21. Jahrhunderts. Die IS-Propaganda ist eine gefährliche Entwicklung, gerade für uns Muslime und deswegen lehnen wir das ab.“

Idriz’ Penzberger Moschee gilt als sehr liberal. Zudem distanziert sich das Münchner Forum für Islam (MFI), dessen Vorsitzender er ist, ausdrücklich von Gewalt im Namen der Religion und veröffentlichte erst vor kurzem einen „Knigge für Flüchtlinge“ mit Verhaltensregeln für ein friedliches Miteinander in Deutschland.

„Mit Mahnwachen und Hochglanzbroschüren werden wir keinen einzige Jugendlichen retten“, sagt hingegen Ahmad Mansour.

Sein Lösungsvorschlag koste jedoch viel Geld: „Wir brauchen eine Schulreform und Lehrer, die in der Lage sind, radikale Tendenzen zu erkennen. Ich bin für Islamunterricht – für alle. Wir brauchen Vorbilder und Sozialarbeit im Internet.“

Leider hätten die Radikalen in dieser Hinsicht die Nase vorn. „Wir haben ganz viel verschlafen. Wir brauchen eine offene Debatte und ein neues Islamverständnis.“

Dazu gehören laut Necla Kelek auch die Freiheit, Atheistin zu sein – und eine akademische Aufarbeitung. „Warum entwickelt sich der Salafismus? Warum tragen plötzlich so viele Frauen Kopftuch? Warum gibt es so wenig Forschungsgelder für diese Themen?“

Der Begriff „Reform“ sei bei Muslimen zwar nicht sonderlich beliebt, sagt Benjamin Idriz, aber fest stehe: „Es gibt bei den Muslimen in Deutschland eine Sehnsucht nach Neuorientierung.“

Vielleicht hat ja Moderator Michel Abdollahi Recht, der am Ende des Schlagabtauschs über ein harmonisches Zusammenleben sagt: „Wenn wir alle gemeinsam darauf hinarbeiten, dann könnte es funktionieren.“

Eine Stimme fehlte übrigens auf dem Podium: die der Politik, bzw. der CSU. Man habe Horst Seehofer, Markus Söder, Gerda Hasselfeldt, Andreas Scheuer und einige weitere angefragt, sagt AZ-Chefredakteur Michael Schilling. „Komischerweise waren alle verhindert.“