Felix Neureuther verliert zwar das Slalom-Duell mit Marcel Hirscher knapp, feiert aber Platz zwei und seine erste WM-Medaille wie einen Sieg. „Es war das Anstrengendste! Ich bin ein Kämpfer!”

SCHLADMING Er hatte das pure Glück gesehen: Wie sein Freund Marcel Hirscher die Ski auszog, jubelnd losrannte, hinfiel und kniend den Siegerfinger in die Luft reckte. Er hatte ihm gratuliert, auch dem Drittplazierten Mario Matt, hatte die Skier triumphierend ins Publikum gereckt, doch dann zwang es ihn zu Boden. Felix Neureuther, dieses Kraftpaket aus Partenkirchen, beugte ein Knie, hielt sich an den Skiern fest und ließ sich übermannen von seinen Gefühlen. Endlich!


Die große Medaille, nach all den Jahren. Wenig später musste sich der Vize-Weltmeister im ZDF arg zusammenreißen, um nicht loszuheulen: „Es hat immer geheißen: 'Der Neureuther packt's nie bei Großereignissen!' Jetzt hab ich’s geschafft! Das war das Anstrengendste, was ich je geschafft habe - und gleichzeitig auch das Größte."


Zwei Wochen lang war die Schladminger WM auf diesen Showdown zugesteuert, auf die große Gold-Hoffnung Marcel Hirscher und dessen Duell mit dem Garmischer, der heuer so verdammt schnell und sicher unterwegs war. Nach Durchgang eins hieß es wie erwartet: Hirscher vor Neureuther, knappe 0,28 Sekunden. Für den zweiten Lauf hatte sich der DSV-Star vor allem eins gewünscht: Stille. Und das mitten im Planai-Roar, im Getöse der rot-weiß-roten 37000 Fans, die jede gute Zwischenzeit bejubelten wie einst den Siegtreffer in Cordoba. Ihre Mission: Slalom-Gold für Hirscher. Den Party-Crasher und Spielverderber hätte Neureuther nur allzu gern gegeben: „Für mich ist es schön, wenn sie ganz, ganz still sind", sagte er vor dem entscheidenden Lauf, „dann weiß ich, dass ich schnell bin.” Und es war still, als Neureuther fuhr, denn er war schnell. Aber nicht schnell genug für Hirscher.


„Der Marcel war heute ein absolut verdienter Sieger", sagte Neureuther über den 23-jährigen Konkurrenten, mit dem ihm eine wunderbare Freundschaft verbindet. Hirscher, vor dem ersten Lauf noch ein paar Liegestützen im Schnee machte und vor dem zweiten Lauf bei Sit-ups zu sehen war, wusste, dass er alles riskieren musste, um den Deutschen zu schlagen. „Wenn was passiert, seid's mir nicht bös'", hatte er seinen Fans vorab gesagt. Gefragt, wie er so cool und abgezockt bleiben konnte, sagte er: „Dass man denkt, das ist nur ein Spiel. Und dass es Wichtigeres gibt im Leben, als Erster zu werden. Das ist nicht einfach, aber ein guter Weg, es zu schaffen. Dieses Rennen hier in Schladming bleibt für alle Ewigkeiten in Erinnerung." Wohl wahr: Die Kommentatoren zogen schon Vergleiche mit Franz Klammer.


Für Felix Neureuthers Silber gibt es wenig Vergleiche. Vor zwölf Jahren hatten die DSV-Herren zuletzt eine Einzel-Medaille gewonnen. Die letzte Slalom-Medaille datiert gar aus dem Jahr 1989. Seinen Chef, DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier, hat Neureuther sehr glücklich gemacht: „Felix hat sein Meisterstück abgeliefert. Und ein bisschen stolz kann er auch sein."


Das war er auch. „Es war alles nicht so einfach", gab der Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther zu, „ein enormer Druck. Ich hab' versucht locker zu bleiben, hab' mich fast dazu gezwungen, die Bilder aus der Vergangenheit auszublenden. Dass das funktioniert hat, ist großartig.” Sein Dank ging in die Heimat: „Die Eltern in erster Linie und so vielen anderen..." Dann wird es wieder feucht in seinen Augen: „Jetzt kommen die Emotionen ein bissl hoch", schnauft er, „ich bin ein Kämpfer, ich hab' so lange in meiner Karriere gekämpft. Dass ich’s hier geschafft habe!" Und alle 37000 Zuschauer in der Planai-Arena haben es ihm von Herzen gegönnt und ihm lauthals zugejubelt. Jetzt, bei der Siegerehrung, mit seiner ersten WM-Medaille um den Hals, konnte Felix Neureuther auf die Stille gut verzichten.