Sie stellen Prothesen her Orthopädietechniker in München: Werkeln für die Zukunft

Laura Freutsmiedl und Berlin Joseph Benoit (hier zwischen Bürgermeisterin Christine Strobl und Stadtschulrätin Beatrix Zurek (beide SPD)) lernen als Orthopädietechniker Prothesen herzustellen. Foto: ans

Orthopädietechniker bauen Prothesen und helfen, das Leben vieler zu verbessern – trotzdem scheuen Junge die Ausbildung.

München - Im Flur der städtischen Berufsschule und Meisterschule für Orthopädietechnik in der Liebherrenstraße hängt ein schwarzes Brett voller Stellenanzeigen. "Sehen Sie, wie viel angeboten wird?", fragt Schulleiter Erich Baumann stolz und zeigt auf die vielen bunten Zettel.

Auf denen ist vom Praktikum im Ausland bis zur gut bezahlten Festanstellung alles zu finden, was das Absolventenherz begehrt. "Ich erlebe es wirklich selten, dass jemand nach dem Abschluss keinen Job findet", sagt Baumann, in dessen Schulzentrum auch Schreiner und Raumausstatter ausgebildet werden.

Nur wenige finden nach dem Abschluss keinen Job

Denn die Fähigkeiten, die in den beruflichen Schulen vermittelt werden, sind begehrt. Im Bereich Orthopädietechnik werden sie es den Absolventen zum Beispiel ermöglichen, Menschen, nach Unfall oder Krankheit, ihre Bewegungsfähigkeit – und damit ein Stück Lebensqualität – zurückzugeben.

Wie wichtig das sein kann, weiß Orthopädietechnikschülerin Laura Freutsmiedl schon seit frühester Kindheit: Die Mutter der 18-Jährigen trägt Unterschenkelprothesen. "Wir sind damit aufgewachsen und waren oft dabei, wenn an den Prothesen etwas gemacht wurde", erzählt Freutsmiedl. Heute macht sie ihre Ausbildung in dem Betrieb, der sich um die Prothesen ihrer Mutter kümmerte.

Die Stadt investiert viel in die beruflichen Schulen

Eine persönliche Geschichte kann auch ihr Mitschüler Berlin Joseph Benoit erzählen. Der junge Mann aus Haiti kam vor über sieben Jahren nach Deutschland, ging hier zunächst an die Uni. Doch das BWL-Studium langweilte ihn bald. "Jeden Tag im Audimax sitzen, hat mir einfach keinen Spaß gemacht", sagt Benoit lachend. Er brach ab und ging für ein Jahr zurück nach Haiti.

Auch das Schreinern kann man an der Berufsschule erlernen.
Auch das Schreinern kann man an der Berufsschule erlernen. Foto: ans

Zwei Jahre zuvor war der Inselstaat von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Benoit fielen rasch die Schicksale auf, die die Naturkatastrophe hinterlassen hatte: Viele Menschen wurden verletzt, verloren Gliedmaßen, Hilfe gab es so gut wie keine. Benoit kehrte zurück nach Deutschland und begann die Ausbildung zum Orthopädietechniker. "In der Zukunft möchte ich mit dem, was ich hier lerne, auch Zuhause helfen", sagt er.

Solche Geschichten hört man beim Schulreferat gerne. Denn hier weiß man, wie wichtig Handwerks- und Ausbildungsberufe sind. Die Investitionen in Personal, Ausstattung und Neubauten beruflicher Schulen sind dementsprechend groß. Doch auch wenn die Schülerzahlen der beruflichen Schulen steigen, weiß Stadtschulrätin Beatrix Zurek (SPD), dass eine akademische Laufbahn für viele immer noch als erstrebenswerter gilt: "Ich würde mir wünschen, dass mehr die Vielfalt der Möglichkeiten sehen, um so auch ihre eigenen Chancen zu steigern." Zumal es Verdienst und Aufstiegsmöglichkeiten der Ausbildungsberufe inzwischen durchaus mit denen vieler Akademikerkarrieren aufnehmen könnten. Auch der Bedarf am Markt ist, Automatisierung und Digitalisierung zum Trotz, groß. Das zeigt nicht nur das schwarze Brett in der Liebherrenstraße. Auch Freutsmiedl und Benoit können das bestätigen. Im Juni schließen sie ihre Ausbildung ab. Die Chancen, von ihren Betrieben übernommen zu werden, stehen mehr als gut.

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