Sex-Posse Dieses Bild ist zu scharf für unser Rathaus

Eine Blondine räkelt sich barbusig – die „Darstellung entblößter Geschlechtsteile kann anstößig sein“, doziert Rathaus-Mann Sembritzki. Foto: Berny Meyer

NÜRNBERG Im Pariser Louvre steht die Venus von Milo mit unbedeckten Brüsten und halbentblößtem Gesäß. Auf Rubens’ „Urteil des Paris“ (zu bewundern in der National Gallery in London) zeigen drei antike Göttinnen ungeniert ihre Rundungen. Und das Nürnberger „Ehekarussell“ am Weißen Turm geizt – in aller Öffentlichkeit – nicht mit expliziten Szenen. Darstellungen von Nacktheit sind seit Jahrhunderten normale Stilmittel in abendländischer Kunst. Nicht so im Nürnberger Rathaus: Mitarbeiter der Verwaltung wollen die Malerin Katlin Schirmer zwingen, eine Ausstellung im Foyer abzubrechen. Weil die Bilder angeblich „schamverletzend“ sind. Sex-Posse im Rathaus!

„Es mag sein, dass in Europa Bilder von Nackten gezeigt werden können. Aber im Iran dürfen Frauen nicht einmal das Haar unbedeckt lassen“, rechtfertigt Stefan Sembritzki, Leiter der städtischen Dienststelle Zentrale Dienste, die kuriose Kunst-Zensur. Sembritzkis Behörde ist für alle Ausstellungen im Rathaus zuständig. Dort kann im Grunde jeder Künstler ausstellen, der Interesse anmeldet, denn: „Es ist nicht Usus, die Bilder vorher zu prüfen“, räumt er ein. Einziges Kriterium seien die „Nutzungsbestimmungen“. Und die beinhalten, betont der sittenstrenge Rathauswächter, dass die Exponate nicht „schamverletzend“ sein dürfen. Und „schamverletzend“, so Sembritzki, „kann eben auch die Darstellung von unbedeckten Geschlechtsteilen sein“. Auf den eher harmlos-naiven, mitunter kitschigen Bildern von Katlin Schirmer blitzt zuweilen eine weibliche Brust auf – das war’s aber objektiv besehen in Sachen „Schamverletzung“.

"Wichtigtuerischer Terror aus dem Rathaus"

Für den städtischen Verwaltungs-Angestellten Grund genug, die Künstlerin zur Ordnung zu rufen: Sie solle, eine Woche nach Ausstellungsbeginn, „die strittigen Bilder unverzüglich entfernen“, fordert der Amts-Chef. Und droht: „Für den Fall, dass zum Ablauf der Frist keine Kontaktaufnahme erfolgen sollte, bleiben weitere Maßnahmen vorbehalten.“

Unter Tränen wandte sich die Künstlerin nun an die AZ: „Ich habe doch niemandem etwas getan! Die Verantwortlichen hätten sich die Bilder doch vorher auf meiner Website ansehen können.“ Sembritzki ist das egal. Er räumt ein: „Ich bin kein künstlerisch Sachverständiger.“ Kein Wunder also, dass er die Bilder „anstößig“ findet. Die Künstlerin indes erinnert „der wichtigtuerische Terror aus dem Rathaus“ gar an die Behandlung von „entarteter Kunst“, sagt sie fassungslos. „Und das bei uns in Nürnberg, der Stadt der Menschenrechte.“

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