Der Mann hat der Polizei gestanden, dass er schon mehrere Frauen sexuell missbraucht hat. Eine Trauma-Therapeutin erklärt, wie schwer es für Frauen ist, Anzeige zu erstatten

„Auf uns kommt viel Arbeit zu“, sagen die Ermittler. Der festgenommene Vergewaltiger Ibil B. hat im Verhör eingeräumt, vor 15 bis 17 Jahren drei ähnliche Taten begangen zu haben. Da die Höchststrafe für Vergewaltigungen – sofern der Tatbestand damals erfüllt war – bei 15 Jahren liegt, sind die Verbrechen noch nicht verjährt (siehe Kasten unten). Die Frage ist, ob sich noch weitere Opfer bei der Polizei melden. Die AZ hat mit der Trauma-Therapeutin Maike Bublitz vom Frauen-Notruf gesprochen.

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AZ: Frau Bublitz, die früheren Opfer des Festgenommenen sind damals nicht zur Polizei gegangen. Wie häufig kommt das vor?

MAIKE BUBLITZ: Man geht bei Vergewaltigungen von einer großen Dunkelziffer aus: Nur etwa jede Zehnte wird angezeigt. Wäre es zur Anzeige gekommen, hätte man den Täter vielleicht eher fassen können. Jede Frau geht anders mit einer Vergewaltigung um. Viele wollen die Tat einfach nur vergessen und in ihren Alltag zurückfinden.

Wo liegt das Problem bei einer Anzeige?

Sie bedeutet Quälerei. Das Opfer muss sich immer wieder mit der Tat beschäftigen, haarklein jedes Detail berichten. Das bedeutet auch Konfrontation mit dem Täter und passt nicht mit dem zusammen, was die Frau will. Sie will nur fliehen, sich verkriechen und verdrängen. Dass sie keine Anzeige erstattet, heißt übrigens nicht, dass sie alleine ist. Da gibt es vielleicht noch Partner oder Eltern. Ein sicheres Umfeld kann helfen. Niemand sollte über den Kopf der Frau hinweg Anzeige erstatten.

Warum?

Eine Vergewaltigung ist nicht nur eine Straftat. Die Frau erlebt eine absolute Demütigung. Sie verliert die Kontrolle über ihren Körper. Das intimste Selbst wird verletzt. Das ist das Brutale, das ist das Schlimme. In der Folge ist es wichtig, dass sie die Kontrolle darüber hat, was passiert. Oft quälen sich Opfer mit Scham- und Schuldgefühlen herum. Sie stellen sich Fragen wie: „Hätte ich es vermeiden können?“ oder „Warum bin ich in den Fahrstuhl eingestiegen?“.

Auch wenn sie überhaupt keine Schuld trifft?

Richtig. Das liegt vor allem an den Lügengeschichten, die man sich über sexuelle Übergriffe erzählt. Sachen wie: „Hätte Sie nicht einen so kurzen Rock getragen, wäre das nicht passiert.“ Das ist Schmarrn! Alter, Kleidung und Aussehen haben überhaupt nichts damit zu tun.

Wie geht der Frauennotruf mit Opfern sexueller Gewalt um?

Wir bieten Krisentermine, Beratung und Therapie. Natürlich kostenlos. Wir unterstützen die Frau bei den Anliegen, die ihr wichtig sind. Das kann eine Anzeige sein, muss es aber nicht. Unter 76 37 37 kann man uns praktisch jeden Tag erreichen.

Raten Sie Ihren Klientinnen zu einer Anzeige?

Wir klären darüber auf, was die Frau bei einer Anzeige erwartet. Wenn sie dabei Hilfe benötigt, begleiten wir sie auch zu Polizei- und Gerichtsterminen. Aber entscheiden muss das Opfer selbst.

Was sollte ich als Opfer tun, wenn ich nicht direkt zur Polizei gehen möchte?

Schreiben Sie ein Gedächtnis-Protokoll als Erinnerungshilfe. Verstauen Sie wichtige Beweisstücke wie Kleidung oder Bettlaken in Tüten. Eine andere Möglichkeit ist auch eine Untersuchung am Institut für Rechtsmedizin in der Nußbaumstraße. Die geschieht vollkommen anonym.

Empfinden die Frauen, die vom Festgenommenen vergewaltigt wurden, eine Genugtuung – jetzt wo der Täter gefasst ist?

Ja, das kann sein. Das kann die Opfer beruhigen. Viele Frauen haben auch Angst, dass der Täter noch einmal zuschlägt oder sie verfolgt. Es geht aber auch anders herum: Den Täter zu sehen, kann alte, scheinbar schon verarbeitete Wunden wieder aufreißen.

Was meinen Sie: Melden sich die anderen Opfer noch?

Viele Frauen haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt. Da der Fall jetzt in den Medien ist, kann es sein, dass sie sich nun stärker fühlen und doch noch Anzeige erstatten.

 

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