Guarda - Wie ein Adlernest thront Guarda in 1653 Meter Höhe über dem tief im Tal dahingurgelnden Inn. Als wäre die Zeit stehengeblieben: Kein Autolärm stört das beschauliche Dorfleben, nur der Postbus fährt alle Stunde die Serpentinen hinunter zum Bahnhof der Rhätischen Bahn. Zwar kommen immer wieder Touristen in den Ort im Unterengadin. Doch spätestens während des Brauchtumsfestes „Chalandamarz“ am 1. März jedes Jahres erwacht das Dorf aus seiner Ruhe. Viele Eltern bevölkern dann die Gassen von Guarda, um mit ihren Kindern den Ursprüngen des Schweizer Kinderbuchklassikers „Schellenursli“ der Schriftstellerin Selina Chönz (1910–2000) und des Malers Alois Carigiet (1902–1985) nachzuspüren, dessen Held hier lebte.

In Guarda sind die Gassen so eng, dass die Autos der Touristen auf den öffentlichen Parkplätzen vor den Toren des autofreien Dorfes abgestellt werden müssen. Ziegen beleben das Dorf. Das Bimmeln ihrer Glöckchen und der unverkennbare Duft von Landluft ziehen durch die engen Gassen mit den typischen Engadiner Häusern aus dem 17. Jahrhundert. Die Erwachsenen bewundern die geduckten Häuser mit den meterdicken Mauern, den kleinen Fenstern und den schmucken Ornamenten sowie Symbolen an den Fassaden. Die Kinder halten mit Kinderbüchern unterm Arm Ausschau nach dem Haus des Schellenursli.

Die Region lockt im Winter durch eine Vielzahl weiterer Attraktionen nicht nur Skifahrer in den einzigen schweizerischen Nationalpark. Überall geht es im winterlichen Unterengadin langsamer zu als in den belebten Schweizer Skigebieten. Gerade das macht die Region attraktiv für einen Urlaub mit kleinen Kindern. Beschauliche kleine Dörfer, Winterwanderwege, Kinderskikurse, Eisstockbahnen und Eisfelder in fast jedem Ort lassen Familien auf ihre Kosten kommen. Der traditionelle Umzug am Chalandamarz wird in den Dörfern des Engadins bis heute gepflegt. Am großen Umzug in Guarda nehmen zwar heute auch die Mädchen des Dorfes teil, doch Glocken tragen dürfen wie schon damals nur die Jungen.

Am Vormittag sammeln sich die Schulkinder in blauroter Tracht im Ort. Zur Mittagsstunde geht‘s dann los: Singend, tanzend und schellend ziehen sie durchs Dorf, um mit dem Lärm den Winter zu vertreiben. Mancherorts knallen Peitschen und knattern die Rätschen. „Es ist gut, dass der Brauch weiterlebt“, sagt Gemeindepräsidentin Maria Morell. Er ist für Guarda und die Region ein Markenzeichen geworden. „Wir wollen auf Werte setzen, für die unsere Region steht. Freizeitparks sind austauschbar geworden, doch unsere Region bietet gelebte Kultur. Deshalb kommen die Menschen ins Unterengadin“, sagt Morell.