Oberwald - Ist hier das Ende der Welt? Die Frage kann niemand beantworten – zu dicht der Schneefall und zu hoch die weißen Wände entlang der Straße, dass man Stelzen braucht, um das Leben dahinter entdecken zu können. Willkommen im Obergoms, dem Hochtal im hintersten Winkel des Wallis. Wo im Sommer die Radfahrer und Motorräder die Alpenpässe wie Furka, Grimsel und Nufenen hochpusten und runtersausen, herrscht im Winter atemberaubende Natur pur. Willkommen am Ursprung der Rhone, willkommen im Reich des Schnees. Allenfalls das gelegentliche Tuten der Matterhorn-Gotthard-Bahn durchbricht die Stille im Tal. Ansonsten Ruhe, Ruhe, nichts als Ruhe. Oder wie es Peter Kalbermatten, Chef des Gasthofs Rhonequelle, umschreibt: „Hier hört man, wie es schneit.“

Wer den Winter in dieser reinsten Form erleben will, schnallt sich die Schneeschuhe an, packt ein wenig Proviant in den Rucksack und marschiert los. 16 Touren gibt es im Tal. Aber eine schlägt alle: Die Strecke hinauf zum Grimselpass. Niemand muss Gegenverkehr fürchten. Unten in Oberwald, wo das Tal zu Ende ist, stehen die Sperrschilder: „Geschlossen heißt es hinter dem Namen der Pässe.“

Aber eine Wintersperre kann so wunderbar sein. Kein Motorenlärm, kein Benzin­geruch, keine ehrgeizigen Radfahrer. Stück für Stück geht es zu Fuß hinauf durch den tief verschneiten Wald. Mal auf der Passstraße, mal auf der alten Handelsroute, wo sie einst den Käse aus der Zentralschweiz hinüber nach Italien gebracht haben, mal querfeldein. Immer wieder mit dem atemberaubenden Blick hinab ins Tal, wo die Dächer der typischen Walserhäuser aus braunem Holz unter der schweren Schneelast ächzen. Und immer wieder mit der Aussicht auf diese imposante Bergwelt, die Viertausender der Berner und Walliser Alpen. Gut möglich, dass zwischendurch ein Schneehase über den Weg hoppelt.

Nach gut dreistündigem Aufstieg ist das Ziel erreicht: der Grimselpass auf 2165 Meter Höhe. Wo sie im Sommer ihre Motorräder abkühlen lassen und die Radfahrer das durchgeschwitzte gegen das trockene Shirt tauschen, herrscht jetzt wohltuende Langsamkeit. Fast in Schneeballwurfentfernung liegt der Rhonegletscher, dessen ewiges Eis in der Wintersonne glitzert, darüber die Berggipfel. Wer will, kehrt im „Grimselblick“ ein. Oder mietet sich sogleich eines dieser Gefährte, die eine Mischung aus Fahrrad ohne Räder und Schlitten mit Lenker sind. Es geht zurück ins Tal auf einer 13 Kilometer langen Schlittenabfahrt nach Oberwald. Ein Spaß, der für die Strapazen des Aufstiegs entschädigt. Verspätete Bremsmanöver? Egal. Falsches Anfahren der Kurve? Auch egal. Die Straßenränder aus Pulverschnee sind wie samtweiche Kissen.

Da wirkt es fast wie das Erwachen aus einem Wintertraum, wenn Peter Kalbermatten vor seiner Rhonequelle das Schild „Langsam Radar“ aufstellt. Natürlich ist das nicht ernst gemeint, hier kann niemand zu schnell fahren. Aber der Stopp lohnt sich. Wenn der 67-Jährige erzählt, wie seine Gäste gelegentlich den regulären Hauseingang nicht nutzen müssen, weil sie quasi gleich aus dem Zimmer in die Schneeberge hinaus spazieren können und wie die Gämsen und Steinböcke am Haus vorbeilaufen. Nachdem sich der schneeschuhwandernde und schlittenfahrende Gast am Tomatenfondue gestärkt hat, fällt der Rest der Abfahrt hinunter nach Oberwald umso leichter. Also wieder rauf auf das tollkühne Gefährt, und juchzend den Rest der Strecke ins Tal rodeln. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Es schneit wieder. Ein frischer weißer Mantel legt sich über Oberwald, diesem Ort mit 200 Einwohnern und 1000 Touristenbetten. Die einen lassen sich in den Restaurants im Tal verwöhnen, die anderen verkriechen sich in ihren Ferienwohnungen, schnappen sich ein gutes Buch und schlafen über einem Glas Rotwein ein. „Wer hierherkommt, sucht die Natur und die Ruhe“, sagt Franziska Rieder vom Hotel Ahorni und macht kurz nach 22 Uhr das Licht aus. So früh? „Bei so viel frischer Luft wird man schnell müde.“ Das Ende der Welt kann sehr reizvoll sein.