Salzburger Festspiele Verdis "Aida" mit Anna Netrebko - die AZ-Kritik

, aktualisiert am 08.08.2017 - 09:22 Uhr
Das Triumphbild. Foto: Monika Rittershaus

Kalte Herzen und lange Bärte: Riccardo Muti dirigiert Verdis "Aida" mit Anna Netrebko im Großen Festspielhaus

Salzburg - Früher gab es noch Elefanten. Heute verkündet vor jeder Premiere ein Regisseur, Dirigent oder Sänger die Neuigkeit, dass Verdis "Aida" eigentlich ein Kammerspiel sei. Was angesichts der nicht wenigen Chöre, Tempelszenen und Ballette aus dem Inventar der französischen Grand Opéra ein wenig untertrieben ist.

Aber es trifft einen wichtigen Punkt: Nirgendwo hat Verdi so kategorisch von Sängern wie Orchestermusikern ein striktes Pianissimo eingefordert wie in der Partitur mit den sechs Extra-Trompeten beim Triumphzug.

Riccardo Muti ist einer der ganz wenigen Dirigenten, die damit Ernst machen. Und zwar heiligen Ernst. Für ihn ist "Aida" keine Oper, sondern das Musikdrama eines heimlichen Symphonikers. Mit den Wiener Philharmonikern entwickelt er im Großen Festspielhaus eine klare Klang-Dramaturgie. Schon das Vorspiel verrät die ganze Geschichte, wenn das brutal gesteigerte Priesterthema das ätherische Aida-Motiv in den hohen Violinen zermalmt.

Der Mann der tausend Details

Verdis Oper erzählt von der Vernichtung des privaten Glücks durch die Macht. Die Trompeten im Rezitativ vor "Celeste Aida" schmettern schneidend wie bei Schostakowitsch. Muti bringt Francesco Meli als Radamés dazu, das hohe B halbwegs zart als Liebesmusik verklingen zu lassen, wie es vom Komponisten gewünscht wird.

Muti entdeckt tausend Details. Manchmal verliert er sich in ihnen. Bisweilen buchstabiert er sie, vor lauter Liebe, dem Hörer vor. Der Schluss des dritten Akts und das Orchesternachspiel der Gerichtsszene donnern wie eine Katastrophe bei Mahler.
Den Triumphakt nimmt Muti sachlich. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor singt in einer vergleichsweise sparsamen Besetzung auf. Das hat den Vorteil, dass plötzlich Basslinien und Flötenfarben hörbar werden. Aber es wirkt oft gewollt, wie mit Rotstift unterstrichen und im Fall der nicht immer punktgenau einsetzenden Bühnenmusik auch ein wenig unterprobt.

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Anna Netrebko hat keine Mühe, sich gegen den Primo Uomo assoluto im Orchestergraben durchzusetzen. Ihr Rollendebüt als Aida kommt im richtigen Moment. Ihr leuchtender Sopran krönt mühelos das Riesen-Ensemble am Ende des zweiten Akts. Lyrische Momente wie die Nil-Arie singt sie zart und farbig. Aber es bleibt, wenigstens in der Premiere, bei Muti und auf der Bühne ein Erdenrest des Demonstrativen. Das mag in späteren Aufführungen und anderen Einstudierungen noch zur zweiten Natur zusammenwachsen. Als Aida ist die Netrebko trotzdem schon jetzt die Nummer eins.

Nur Luca Salsi als Amonasro kann da wirklich mithalten: mit einem metallisch gehärteten Bariton, dem die untergründige Wut im zweiten Akt und die Brutalität im dritten nicht fremd sind. Francesco Meli (Radamés) zwingt Lyrismus und Kraft zusammen. Es imponiert, wie viel dieser Tenor aus seiner an sich wenig interessanten und monochromen Stimme macht.

Da alle guten Bässe derzeit in Bayreuth singen, blieben nur noch Roberto Tagliavini (König) und der rissig tönende Dmitry Belosselskiy (Ramfis) für Salzburg übrig. Ekatarina Semenchuk lässt auf ihre Eboli in "Don Carlos" und der Azucena in "Il trovatore" nun die Amneris folgen. Warum nur? Sie braucht drei Akte, um vom Flackern in den Gesang überzugehen. Letztlich ist ihr Timbre der dunklen Stimme der Netrebko zu ähnlich, was den Ensembles nicht gut bekommt.

Inszeniertes Programmheft

Die Fotos von Shirin Neshat sind die perfekte Illustration jedes "Aida"-Programmhefts. Aber das macht die im Iran geborene und in den USA lebende Multi-Künstlerin und Feministin kaum zur Regisseurin. Darüber lässt sich leicht spotten. Wie auch über das anfänglich an einen monumentalen Hohlblockbaustein, später an Verpackungsmaterial aus Styropor und zuletzt an eine gekippte Kühlbox gemahnende Bühnenbild von Christian Schmidt.

Neshat arbeitet klar heraus, dass die Unterdrückung das Werk bärtiger alter Männer ist. Allerdings sehen die aus wie eine harmlose Versammlung orthodoxer Patriarchen oder wie Kaiphas & Co. in einer älteren Version der Passion von Oberammergau.
Den Pomp im Triumphakt ersetzt die Aufführung durch fast konzertante Askese. Zur Ballettmusik dreht sich der riesige Kasten, hinter dem die Gefangenen auf ihren Auftritt warten.

Jeder schwarz angemalte Otello löst heute eine Blackfacing-Debatte aus. In Salzburg wird Anna Netrebko wie vor 50 Jahren braun angemalt. Schwer erträglich sind die pathetischen Gesten und das feierliche Schreiten.

Karajan blättert im Katalog

Aida und der Krieg zwischen Ägyptern und Äthiopiern werden mit riesig auf den Kasten projizierten Videos mit Migration in Verbindung gebracht. Neshat hat mit Flüchtlingen in Wien gedreht. Da in Verdis Oper die Äthiopier nach dem Gnadenakt gleich weiterkämpfen und die bärtigen Priester eigentlich recht behalten, wirkt das so halbgar und nicht zu Ende gedacht wie der Flüchtlings- und Terroristenkitsch in Peter Sellars’ Salzburger Version von "La clemenza di Tito".

Die heftig beklatschte und mit ein paar Regie-Buhs gewürzte Aufführung sieht aus, als habe Herbert von Karajan flüchtig den Katalog der Künstlerin durchgeblättert. Es ist bedauerlich, dass Shirin Neshat ihrer starken Bilderwelt kaum vertraut. Aber das ist wohl der Preis, der zu zahlen ist, damit der Regisseurfresser Riccardo Muti eine szenische Aufführung dirigiert.

Beleuchtet ist die Aufführung wie anno dazumal mit Verfolgern. Dann ist der letzte Ton gesungen. Zum zarten Nachspiel des Todesduetts verfinstern sich Bühne und Orchester. Riccardo Muti bleibt allein im Licht eines einzelnen Scheinwerfers übrig.
Personenkult? Gewiss. Aber der Italiener ist das kalte Herz dieser Aufführung, die mehr den Kopf anspricht, als mitzureißen.

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Die Folgevorstellungen sind ausverkauft. Verdis "Aida" wird am 12. August, um 20.15 Uhr in ORF 2 und Arte ausgestrahlt. Am 25. August ist die Aufzeichnung um 23 Uhr im ZDF zu sehen

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